Verlangen – Kris Van Steenberge

Verlangen – Kris Van Steenberge

 

verlangenow

Erschienen: 27.08.2016 bei Klett-Cotta
Autor/in: Kris Van Steenberge

Klappentext: Elisabeth, die Tochter des Schmieds, sehnt sich danach, ihrem Heimatdorf Woesten zu entkommen. Sie versucht, sich Bildung anzueignen und heiratet den jungen Arzt Guillaume Duponselle. Als kurz darauf Zwillinge zur Welt kommen, ist der Zweitgeborene so entstellt, dass der Vater sich weigert, ihm einen Namen zu geben. Doch Namenlos überlebt und hält fortan dem Vater und den anderen Dorfbewohnern den Spiegel vor.

Das 19. Jahrhundert neigt sich dem Ende zu. In dem kleinen belgischen Dorf Woesten, unweit von Ypern, erwarten das junge Ehepaar Duponselles Zwillinge. Doch die Ehe steht unter keinem guten Stern. Beim erstgeborenen Valentijn geht alles gut, aber das zweite Kind kommt mit einem deformierten Gesicht zur Welt und geht fortan als Namenlos durchs Leben. Als die Brüder heranwachsen, ist Valentijn bei allen beliebt, während die Dorfbewohner und sogar sein eigener Vater nichts mit Namenlos zu schaffen haben wollen. Dann bricht der Erste Weltkrieg aus, und das kleine Woesten liegt mitten im großen Weltgeschehen. Als auch noch Elisabeth ermordet aufgefunden wird, ist für niemanden mehr die Zukunft wie zuvor. Vor der historischen Kulisse des ländlichen Flanderns entfaltet Kris Van Steenberge mit zeitloser Aktualität das psychologisch eindringliche Porträt einer Familie, eines Ortes und einer vergangenen Epoche.

Verlangen – Kris Van Steenberge

Ich freue mich immer, wenn ich abseits von meist schon im Vorfeld aggressiv beworbenen Lese-Hypes, auf die sich alle direkt beim Erscheinen stürzen, Bücher finde, die nicht in aller Munde sind. Wobei es mich im Fall von “Verlangen” mehr als verwundert. Kris Van Steenberges Buch ist ein ganz beindruckendes und absolut zu Recht preisgekröntes Debüt und ich hoffe wirklich auf mehr von diesem vielversprechendem Autor. Das Buch erschien im August diesen Jahres und scheint bei den seitenfressenden Neuerscheinungslesern unbekannt zu sein: ein Zwei-Sätzer bei Amazon (ich mag so etwas nicht Rezension nennen), Null Rezensionen bei Lovelybooks, bei goodreads ist die deutschsprachige Version noch nicht einmal eingepflegt, es ist nur die niederländische Originalversion “Woesten” verfügbar. Seltsam. Und schade.

Ich war zunächst nur vom absolut zauberhaften Cover hingerissen, der Titel ist zwar schon passend, wenn man den Inhalt kennt, implizierte bei mir zunächst die falsche Richtung. Im Nachhinein betrachtet, hätte ich persönlich es auch beim Titel der Originalversion belassen, der Name des flämischen Dorfes passt perfekt zu dieser atmosphärisch dichten, tragischen Familiengeschichte um die Zeitenwende zum 20. Jahrhundert und dem ländlichen Flair in der Nähe Yperns, in welches die Geschichte eingebettet ist. Kris Van Steenberges Erzählsprache ist schlicht, macht aber in Verbindung mit der raffinierten Erzählperspektive die sich permanent steigernde Faszination dieses Buches aus, der sich der Leser kaum entziehen kann. Ich habe es mit nur einer Unterbrechung  gelesen.

Die im Klappentext sehr gut beschriebene Geschichte beginnt zunächst in personaler Erzählweise mit der heranwachsenden Elisabeth, speziell beleuchtet wird hierbei ihr Wissensdurst und der damit in Verbindung stehende, recht eigenartige und geheimnisvolle Kontakt zu einem älteren Herrn namens “Herr Funke”, der im Ort auch als “Fremder” bezeichnet wird und von dem Niemand so recht weiß, wo er her kommt, was er macht, man munkelt nur, er habe viel Geld. Die Intention des Mannes wird (noch) nicht recht klar, aber er versorgt Elisabeth mit Büchern und ermuntert sie immer wieder zu freiem Denken. Irgendwann verschwindet Herr Funke aus dem Dorf, Elisabeth erlebt die erste große Liebe mit Hendrik, die gleich aus mehreren Gründen in der Realität nicht bestehen kann.

Schließlich heiratet sie den jungen Arzt Guillaume Duponselle, weniger aus Liebe, sondern eher, weil sie fasziniert ist von seinem Wissen und glaubt, durch ihn als Gleichgesinnten noch mehr lernen zu können, nicht zuletzt auch deshalb, weil das Leben in der Stadt diesbezüglich mehr Möglichkeiten verspricht. Diese Pläne werden von Guillaumes Mutter durchkreuzt, die ihm aufgrund der nicht standesgemäßen Heirat den Geldhahn zudreht, so dass dieser gezwungen ist, sich bei Elisabeth auf dem Land eine Praxis als Dorfarzt aufzubauen. Es folgt die Geburt der Kinder -eines davon missgestaltet- der Leser verfolgt das langsame Zerbrechen der Ehe, das Heranwachsen der Kinder, irgendwann ist Herr Funke wieder zurück im Dorf und auch Hendrik gehört nicht wirklich allein der Vergangenheit an. Schlussendlich wird Elisabeth ermordet und obwohl man meint, nun doch schon fast alles gelesen zu haben, beginnt die Geschichte an diesem Punkt erst richtig.

Der Autor erzählt nun -ebenfalls in personaler Perspektive- parallel zeitversetzt aus der Sicht von Elisabeths Ehemann Guillaume weiter, beginnend mit einigen relevanten und verstörenden Kindheitserinnerungen des jungen Arztes, über das Kennenlernen und die Heirat mit Elisabeth und seine Sicht der Familiengeschichte beim Heranwachsen der Kinder, seiner Flucht in die Alkoholsucht und sein weiteres Schicksal über den Tod von Elisabeth hinaus. Es folgt ein Perspektivwechsel zur Ich-Form: in analog zu Elisabeth und Guillaume jeweils einem eigenen Buchabschnitt erzählen auch Valentijn und der Namenlose Ihre Lebensgeschichte, beginnend mit den ersten Erinnerungen an ihre Kindheit, schlussendlich aber weit über die Zeit mit den Eltern hinausgehend, bis sie sich am Ende des Romans in einem gemeinsamen Abschnitt abwechselnd in Ich-Form äußern.

Mit großem psychologischem Geschick und Einfühlungsvermögen verknüpft der Autor das Schicksal seiner Protagonisten, die alle ihr eigenes “Verlangen” haben, welches sie an- und um-treibt. Die Verstrickungen und Verflechtungen sind nicht nur familiärer Natur, sondern gehen weit darüber hinaus. Äußere Umstände -hier insbesondere das Kriegsgeschehen des Ersten Weltkrieges- tragen das Ihrige bei, der Zufall des Zusammentreffens auf dem Schlachtfeld von Valentijn und seinem Vater würde in jedem anderen Buch unglaubwürdig wirken. Nicht so hier. Ich habe das Ganze als absolut rund und  stimmig empfunden. Mich hat besonders fasziniert, dass der gewaltsame Tod von Elisabeth zwar ein Fixpunkt der Geschichte ist, nicht aber der Mittelpunkt. Die Frage nach dem Mörder schiebt der Leser immer wieder nach hinten, weil das jeweils beleuchtete Einzelschicksal im Moment des Lesens mehr fesselt. Dem Autor gelingt überdies ein versöhnlicher Abschluss der Geschichte.

Fazit: absolut empfehlenswertes archaisches Sittengemälde mit weit verzweigter Handlung, erzählerisch dicht und perspektivisch raffiniert. Ein beeindruckendes Debüt des Autors.

Danke fürs Teilen!

2 comments

  1. Neyasha -

    Das ist immer schade, wenn ein Buch so untergeht, obwohl es deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Ich freue mich auch immer, wenn ich solche unerwarteten Perlen finde.

  2. Devona -

    Es ist jetzt bei Netgalley, vielleicht wird es dadurch etwas bekannter. Vielleicht liegt auch der Perspektivwechsel in dieser Art nicht Jedem, viele mögen sowas nicht. Ich finde das genial. Für mich eine der Entdeckungen diesen Jahres.

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