Sydney Bridge Upside Down – David Ballantyne

Sydney Bridge Upside Down – David Ballantyne

 

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Erschienen: 13.08.2012 bei Hoffmann und Campe
Autor/in: David Ballantyne

Klappentext: “Am Rande der Welt lebte ein alter Mann, sein Pferd hieß Sydney Bridge Upside Down. Er hatte ein Gesicht voller Narben, und das Pferd war ein alter, lahmer Klepper, und ich beginne mit dem Mann und seinem Pferd, weil sie immer irgendwie dabei waren in jenem Sommer, als hier oben an der Küste die schrecklichen Dinge passierten.”

So beginnt dieser außerordentliche Roman über einen Sommer am Rande der Welt in Calliope Bay. Der dreizehnjährige Harry lebt dort mit seinem Vater und dem kleinen Bruder, er vermisst seine Mutter, die in die Stadt gezogen ist, vielleicht nur für den Sommer, vielleicht für länger. Und während Harry darauf wartet, dass sie zurückkommt, streunt er mit seinen Freunden die steile Küste entlang und erforscht die Ruine der längst verlassenen Fleischfabrik. Im vom Meer heraufwehenden Wind meint Harry die Schreie der Tiere zu hören, die vor langer Zeit dort geschlachtet wurden. Als seine schöne ältere Cousine Caroline ankommt, ist Harry hin- und hergerissen zwischen Kinderspielen und dem Wunsch, sie vor der Zudringlichkeit von Wiggins, dem Fleischer, zu schützen. Mit schrecklichen Konsequenzen.
Ein neuseeländischer Klassiker, eine Coming-of-Age Geschichte und eine Familientragödie – David Ballantynes großer Roman erstmals auf Deutsch, übersetzt von Gregor Hens.

“Sydney Bridge Upside Down muss zu den ganz großen, einzigartigen Klassikern der Weltliteratur gezählt werden. Außerdem ist dieses Märchen ohne Erlösung einer der größten neuseeländischen Romane.”
New Zealand Books

Sydney Bridge Upside Down – David Ballantyne

Dieser völlig zu Recht als “einer der größten neuseeländischen Romane” und “einzigartiger Klassiker der Weltliteratur” bezeichnete Roman von David Ballantyne erschien bereits im Jahr 1968, der Autor selbst verstarb im Jahr 1986. Erstmals in Deutsch erschien das Buch 2012 bei Hoffmann und Campe. Ich habe mich eingangs auch für den dazugehörigen Klappentext entschieden, der meiner Meinung nach  perfekt zum Buch passt, anders als die wesentlich kürzere Beschreibung der Taschenbuchausgabe von dtv.

Aufmerksam auf den Roman wurde ich durch den ungewöhnlichen Titel. Wer nennt sein Pferd “Sydney Bridge Upside Down”? Und wieso? Darüber gibt das Buch keine Auskunft und hat man sich einmal in die Geschichte vertieft, stehen völlig andere Dinge im Vordergrund. Der alte Mann und sein Pferd sind die einzige verlässliche Konstante in einer Handlung, die vom Ferienidyll in den Ernst des Lebens abdriftet. Der alte Mann und das Pferd sind da – wie sie schon immer dagewesen sind und auch da bleiben werden.

Der Ich-Erzähler Harry nimmt den Leser mit in einen Feriensommer im neuseeländischen Calliope Bay, der zunächst in bester Tom-Sawyer-und-Huckleberry-Finn-Manier beginnt, was den Leser an eigene Ferien in der Kindheit erinnern mag und einen einzigartigen Sog in die Geschichte hinein entwickelt. Da ist viel freie Zeit, in der Harry und sein Freund -verfolgt vom nervenden kleinen Bruder- über die Insel ziehen und die typischen Dummheiten 13-Jähriger veranstalten: heimlich rauchen, herum klettern in der alten und maroden Fleischfabrik. All die Dinge, die Erwachsene verbieten, die man aber trotzdem tut, weil man die unendliche Freiheit des Lebens und natürlich der Ferien auskosten will.

Harry erzählt nicht chronologisch, er springt munter in der Zeit hin und her und langsam mischen sich all die Dinge in seine Ferienidyll-Erzählungen, die er wohl gar nicht erzählen wollte und die ihn spürbar psychisch belasten, denn des Öfteren überkommt ihn eine “große Wut und Unbeherrschtheit”. Die Mutter, die die Familie “über die Ferien” in die ferne Stadt verlassen hat, der Vater, der ihr verzweifelt täglich schreibt, weil er die Hoffnung nicht aufgibt, dass sie zurückkehrt. Er ist eigentlich ein guter Vater: er liebt seine Söhne, spickt seine Erziehung aber aus Überforderung mit dem Weggehen der Frau und vielleicht auch, weil er es selber nie anders kannte, desöfteren mit einer kräftigen Tracht Prügel. Falls er die Jungen erwischt: er ist ein Krüppel und kann ihnen nur nachhinken.

Das weiß auch Susan Prosser: die kleine Streberin aus der Nachbarschaft, die keiner mag, die den Jungen bei ihren Abenteuerausflügen gelegentlich hinterherspioniert und Harry damit erpresst, seiner Mutter zu schreiben, um ihr zu sagen, dass er seinen kleinen Bruder verprügelt hat. Oder vielleicht dem Vater für eine weitere Tracht Prügel für Harry. Die Ankunft des neuen Lehrers, den auf Anhieb keiner leiden mag und der die Kinder im nächsten Schuljahr unterrichten wird, erinnert Harry daran, dass der alte Lehrer der war, mit dem seine Mutter fortging. Der über die Ferien zu ihnen aufs Land verschickten Cousine Catherine ist er in unschuldiger, kindlicher Leidenschaft zugetan, bis er mitansehen muss, dass die Spiele, die Catherine mit Mr. Wiggs, einem unsympathischen Weiberheld, spielt, so gar nicht kindlich sind und weit, weit über das hinausgehen, was sie mit Harry und seinem Bruder morgens zu Hause spielt: nackt durch die Wohnung hüpfen und Blödsinn machen.

Und während der alte Mann und Sdyney Bridge Upside Down immer unbeteiligt am Ort der Ereignisse zu sein scheinen, passieren die “schrecklichen Dinge”. Mit Susan Prosser und Mr. Wiggs. Harrys Erzählungen werden düsterer, abgründiger, der Leser wird genarrt: was erzählt der Junge? Die Wahrheit? Das, was er glaubt, es sei die Wahrheit? Oder doch nur handfeste Lügen? Erzählt er ALLES oder verschweigt er Dinge? Die Mutter schreibt einen letzten Brief, in dem sie ankündigt, nicht zurück zu kehren, was Harrys Seelenzustand nur noch mehr verschlimmert.

David Ballantyne spielt grandios mit der Fantasie des Lesers, stürzt ihn in den Zwiespalt, in Harry nur ein harmloses Kind oder einen ausgemachten kleinen Halunken zu sehen. Der Autor tut dem Leser auch nicht den Gefallen, diesen Zwiespalt am Ende aufzulösen. Wie im Klappentext bereits angedeutet, ist “Sydney Bridge Upside Down” ein “Märchen ohne Erlösung”. Dass der Leser sich von einem derartigen Ende nicht hilflos und veralbert zurück gelassen fühlt, sondern noch lange seinen Empfindungen nachspürt, unterscheidet in diesem Fall Weltliteratur von beliebiger Unterhaltungsliteratur. Dieser Roman ist ganz große Erzählkunst, denn was  auch immer in diesem Sommer auf Calliope Bay gewesen sein mag: dem Leser ist klar, dass das wohl nur der alte Mann und sein Pferd wissen. Und vielleicht ist er sogar froh darüber und findet, dass die Wahrheit genau dort gut aufgehoben ist.

Fazit: Coming-of-Age auf hohem literarischem Niveau, ein Roman der auf immer im Gedächtnis bleibt. Kann man nur weiter empfehlen.

 

 

 

 

 

 

 

 

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