Bei Sturm am Meer – Philipp Blom

Bei Sturm am Meer – Philipp Blom

 

beisturmammeerow

Erschienen: 25.07.2016 bei Zsolnay
Autor/in: Philipp Blom

Klappentext: Ein Hotelzimmer in Amsterdam: Ben wartet auf die Urne mit der Asche seiner Mutter Marlene. In einem Brief an seinen vierjährigen Sohn versucht er zu erklären, wie es dazu kam, dass sich sein Leben plötzlich verändert hat. Vor vierzig Jahren erfuhr Ben, dass sein eigener Vater entführt und ermordet wurde, im kolumbianischen Rebellengebiet, wo er im Auftrag eines deutschen Magazins unterwegs war. Danach änderte sich für Bens Mutter alles. Doch erst nach Marlenes Tod erkennt Ben, in welchem Ausmaß seine Mutter sich in Lebenslügen verstrickt hatte und dass die Geschichte seiner Familie eine große Illusion ist.

Bei Sturm am Meer – Philipp Blom

Philipp Blom legt dem Leser mit diesem schmalen, nur 224 Seiten umfassenden Band einen kleinen literarischen Schatz vor. In beeindruckend virtuoser und differenzierter Sprache demontiert er -wie im Klappentext bereits angedeutet- auf diesen wenigen Seiten die Lebenslügen der Familie von Ben, wie selbstverständlich lässt er Fassaden zusammenbrechen und stürzt seinen Protagonisten in das Chaos des zurückbleibenden Scherbenhaufens. Über weite Strecken in ich-Form geschrieben, gibt Philipp Blom Ben aber auch kleine Verschnaufpausen in Form von einigen, wenigen Kapiteln, die in personaler Erzählperspektive geschrieben sind.

Der Anfang der Geschichte ist recht makaber: Die Post hat die Urne von Bens Mutter verschlampt. Marlene wollte dort beerdigt werden, wo sie aufgewachsen ist: in Holland. Die Urne kann aufgrund bestimmter (vermutlich schwer bürokratischer) EU-Vorschriften nur per Post dorthin gelangen und so sitzt nun Ben in einem Hotel in Amsterdam und muss warten, bis die Urne wieder auftaucht und er sie in Empfang nehmen kann. Ben ist 44 Jahre alt, er trauert um seine Mutter, zu der er eine ganz besondere Beziehung hatte, seitdem sein Vater im kolumbianischen Rebellengebiet verschwand und getötet wurde, als er gerade mal vier Jahre alt war. Der Vater, mit dem ihn  nur noch bruchstückhafte Erinnerungsfetzen verbinden, an die er sich aber klammert wie ein Ertrinkender, um sie nicht zu verlieren.

Auch Ben hat einen vierjährigen Sohn – und seine Beziehung zur Mutter des Kindes bekommt gerade die ersten Risse. Xenia wirft ihm vor, sich seit dem Tod von Marlene verändert zu haben, kaum noch für sie und das Kind da zu sein. Bevor Ben nach Amsterdam aufbrach, hat er seinen Sohn gebadet und ins Bett gebracht. Und er hat geweint. Er weiß, dass ihn in Amsterdam nicht nur die Beerdigung seiner Mutter erwartet, sondern auch eine fremde Frau, die ihn auf der Trauerfeier angesprochen hat und die ihn um seinen Besuch gebeten hat: Clara. Clara, die seine Mutter offensichtlich sehr gut gekannt hat und von der Ben bis zu diesem Tage keinen blassen Schimmer hatte. Clara, die unbedingt mit ihm sprechen muss…

Während er auf die Urne wartet, beginnt Ben zu schreiben. Für seinen Sohn, der den Brief bekommen soll, wenn er so alt ist wie Ben jetzt: mit 44. Ben beginnt mit den Erlebnissen um Marlenes Krebstod im Krankenhaus: sie will den Krebs als tödliche Krankheit nicht akzeptieren und anerkennen, selbst völlig ausgezehrt in den letzten Stunden weigert sie sich vehement, der Wahrheit ins Auge zu sehen und inszeniert ihren Abgang auf eine für Ben verstörende Weise. Dem Leser wird in dieser Phase des Buches Aufmerksamkeit abverlangt: Ben springt in seinen Erinnerungen zeitlich hin- und her. Auch Großmutter Elly wird thematisiert, wie es dazu kam, dass sie in Holland lebte, Marlene dort geboren wurde und aufwuchs, das sehr ambivalente Verhältnis zwischen beiden Frauen und Bens Wahrnehmungen und Erinnerungen an seine Großmutter, als er Kind war.

Die Zeitsprünge in Bens Gedankenwelt geben der Geschichte Glaubwürdigkeit. In diesem ersten Teil des Buches  versucht er, zu sortieren und einzuordnen um nach Marlenes Tod irgendwie Halt zu finden, er schreibt seine Familiengeschichte, so wie er sie bisher kannte und wahrgenommen hat. Ihm kommen unbewusst die ersten Ahnungen, dass da vielleicht gar nichts ist, was man sortieren und einordnen könnte: Clara wartet und Ben hat in Marlenes Schreibtisch einen Brief seines Vaters gefunden. Einen Brief, der geschrieben wurde, als sein Vater bereits ein Jahr tot war, wie er im Vergleich mit der damaligen Pressemeldung über dessen Tod feststellen muss.

Der zweite Teil des Buches zeigt dem Leser, dass das Enttarnen von Lebenslügen eigentlich kein großer Akt ist: zu wacklig sind die Grundlagen, auf denen sie -stets dem Weg des geringsten Widerstandes folgend- errichtet sind, zu groß ist der Dominoeffekt. Da reicht ein kleiner Anstoß. Zurück bleibt ein völlig entwurzelter Ben, auf den trotz allem die Klärung der im Raum schwebenden Frage wartet: auf welcher Grundlage baue ich nun MEIN Leben auf? Eine bröckelnde Beziehung kitten oder das Jobangebot aus Paris annehmen? Und was bedeutet das für MEINEN Sohn? Der Autor lässt den Leser an DIESER Entscheidung nicht mehr teilnehmen. Ben muss allein heraus finden, wie er die jüngsten Erfahrungen und das völlig verändertes Bild seiner Herkunftsfamilie für Entscheidungen, die seine Zukunft betreffen, nutzt. Ein sehr weises Ende.

Fazit: sehr empfehlenswertes Buch, das in kongenialer Erzählung die inneren und äußere Lebensstürme beschreibt, die jeden von uns ereilen können, wenn wir nicht unserem Inneren folgen und im Außen Fassaden errichten, die nur den schönen Schein abbilden. Ein Buch, welches dem Leser einen Spiegel vorhält und zum Nachdenken über den eigenen Lebensentwurf anregt.

 

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