Am Rand – Hans Platzgumer

Am Rand – Hans Platzgumer

 

amrandow

Erschienen: 01.02.2016 bei Zsolnay
Autor/in: Hans Platzgumer

Klappentext: Ein Mensch steigt früh am Morgen auf einen Berg. Sobald es dunkel ist, will er einen letzten Schritt tun. Schon immer lagen der Tod und das Glück für Gerold Ebner nah beieinander. Als Kind hat er seinen ersten Toten gesehen. Später hat er zwei Menschen eigenhändig den Tod gebracht: Er erlöste seine Mutter vom terrorisierenden Großvater und seinen besten Freund von dessen Leiden. Doch ist er damit zum Mörder geworden? Noch einmal entscheidet sich Gerold gegen das Gesetz und findet so sein eigenes Glück, das ihm der Tod wieder nimmt … Fesselnd bis zum Schluss schildert der Ich-Erzähler die Ereignisse, die ihn an den Rand eines Felsens geführt haben.

Am Rand – Hans Platzgumer

Obwohl ich mich generell mit zeitgenössischer Literatur im Allgemeinen und insbesondere meist mit den für den deutschen Buchpreis nominierten Büchern aus diversen Gründen recht schwer tue, habe ich in diesem Jahr wirklich mal ein komplettes Buch (und nicht nur die Leseproben) von der Longlist gelesen. Von Haus aus mag ich den Verlag und das seltsame, aber gut passende Coverbild hatte mich angesprochen. Desweiteren auch die Vita des Autors, der bisher mehr im musikalischen Bereich erfolgreich war.

Hans Platzgumer hat ein ruhiges Buch geschrieben, welches sich im Stil durch nichts exponiert und gerade deshalb wunderbar zu lesen ist – es fesselt den Leser durch seine Schlichtheit, auch wenn die Grundstimmung eher düster ist.

Frühmorgens ganz zeitig ist er auf den Berg gestiegen, der Gerold Ebner, gut geplant ist sein letzter Tag. Über den Rand der Klippe will er springen am Ende des Tages, wenn er sein letztes Vorhaben -sein Leben aufzuschreiben- abgeschlossen hat. Elf Stunden wird es hell sein, für eine weitere kurze Zeit werden Taschenlampenbatterien helfen. Gerold hat keine Zeit für Nebensächlichkeiten.

In karger, aber nicht poesiebefreiter Sprache beschreibt Ich-Erzähler Gerold distanziert, gefasst und schnörkellos sein Leben, welches ihn hierher an den Rand führte. Ohne sich zu rechtfertigen, ohne kitschige Sentimentalität entfalten sich vor dem Leser all die durchschnittlichen Lebensstationen des ebenso durchschnittlichen Protagonisten, der keine Ansprüche an das Leben stellt und alles nimmt, wie es kommt. Nur an einigen wenigen Stellen bittet er selbstmitleidsfrei darum, dass man ihn nicht allzu leicht verurteilen möge, dafür WIE er dieses Leben genommen hat. Er erscheint mit sich im Reinen an diesem letzten Tag – nicht zuletzt auch deshalb, weil er jegliche Verantwortung abgibt an den Leser, der seine Niederschrift findet. Denn der möge doch bitte noch das Licht im Schlafzimmer abschalten, was Gerold morgens beim Losgehen vergessen hat.

Viele Szenen in “Am Rand” sind aufgrund der sehr distanzierten, aber auch detaillierten Beschreibung von Gerold nicht einfach zu lesen oder erschüttern vielleicht grade deshalb. Besonders die Todesszenen seiner Freunde ( einer davon ist ein Unfalltod durch Starkstrom) und des von ihm ermordeten Großvaters sind sehr lang und detailreich. Allerdings auch frei von Effekthascherei, Hans Platzgumer zeigt hier wirklich, wie man mit einem Minimum an Stil und Sprache maximale Effekte beim Leser erzielen kann. Die Beliebigkeit und Profanität in Gerolds Leben, dieses völlig Belanglose animieren den Leser immer wieder über Sinn und Unsinn des Lebens nachzudenken, ohne dass im Mittelpunkt ein schillerndes, aber gescheitertes, tragisches Über-Ego steht. Auch Gerold selbst bleibt ebenso belanglos wie alles Andere, entfaltet aber gerade deshalb als Projektionsfläche faszinierende Wirkung.

Mich haben ausufernde, poetische Sprachexperimente mit denen ich mich u.a. vom letztjährig auf der Longlist stehenden Buch “Winters Garten” von Valerie Fritsch quasi mental und auch fast schon körperlich erschlagen fühlte, ohne dass mir auf weiten Strecken Inhalte vermittelt wurden, abgeschreckt. Die Art und Weise, wie Hans Platzgumer seinen Gerold mit einfachen Worten den winzigen, kleinen Moment beschreiben lässt, in dem sein Leben im wahrsten Sinne des Wortes vor seinen Augen wegbricht und nichts, aber auch gar nichts mehr bleibt, entwickelt eine Wucht, die man kaum beschreiben kann. Zumal Gerold auch hier keinerlei Verantwortungsbewusstsein erkennen lässt und nicht einmal auf den Idee kommt, darüber nachzudenken, ob er diesen Moment nicht hätte verhindern können oder sogar müssen. Wie alles in seinem Leben nimmt Gerold auch das hin und re-agiert lediglich. Fassungslos und auch ansonsten emotional gebeutelt saugt der Leser jede Zeile auf.

Wie gesagt: “Am Rand” ist ein ruhiges, aber gerade deshalb einen süchtigmachenden Sog entwickelndes Buch, welchem ich persönlich einen Platz auf der morgen erscheinenden shortlist gönnen würde. Ein Buch, welches ich auch guten Gewissens an Leser verschenken würde, von denen ich weiß, dass sie auch abseits des mainstreams und abseits diverser Hypes lesen. Ein Buch, welches vielleicht auch für Buchhändler ein geeigneter Kandidat für einen Preis wäre, das Echo von Lesern und Buchhändlern auf diverse Buchpreisgewinner war ja wohl in den letzten Jahren eher verhalten.

Fazit: Ich gebe eine ganz klare Leseempfehlung, glaube aber, dass wohl wieder die “lauteren” Bücher auf der shortlist landen werden. Ich würde mich über weitere Bücher von Hans Platzgumer freuen.

 

 

Nachtrag: Wie von mir vermutet, war das nix mit der shortlist. Ändert aber auch nix dran, dass es ein tolles Buch ist. :-)

 

Leave Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld.

*

Zustimmung zur Datenspeicherung gemäß DSGVO.