Die langen Tage von Castellamare – Catherine Banner

Die langen Tage von Castellamare – Catherine Banner

 

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Erschienen: 12.08.2016 bei Ullstein/List
Autor/in: Catherine Banner

Klappentext: Castellamare, eine winzige Insel fünf Meilen vor der Küste Siziliens. Die Dorfgemeinschaft fühlt sich wohl, so am Rande der Welt. Als der Arzt Amedeo Esposito aus Florenz auf die Insel kommt, wird er misstrauisch beäugt. Er jedoch liebt seine neue Heimat und beginnt, ihre alten Legenden zu sammeln und aufzuschreiben. Eines Nachts hilft er bei zwei Geburten, das Kind seiner Frau und das Kind seiner Geliebten kommen auf die Welt. Dieser Skandal kostet ihn die Stelle. Um bleiben zu können, übernimmt er zusammen mit seiner Frau die einzige Bar auf der Insel, »Das Haus am Rande der Nacht«. Eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen, denn die Bar soll ein Ort der Wunder sein. Sie wird der Mittelpunkt der Familie und der Insel – über mehrere Generationen hinweg, durch alle Kriege und Krisen hindurch, allen Veränderungen zum Trotz.

Die langen Tage von Castellamare – Catherine Banner

Einziges, winziges Gemecker gleich am Anfang: der Verlagsverantwortliche, der für die Auswahl des Cover-Bildes zuständig war, hat das Buch offenbar nicht gelesen oder wurde mit falschen Informationen gefüttert. Das Bild impliziert, dass irgendwann im Laufe der Geschichte der Espositos zwei gleichaltrige Mädchen im Mittelpunkt stehen – vielleicht Geschwister oder Freundinnen. Nein, zwei solche Mädchen kommen überhaupt nicht vor. Das Coverbild mag stimmungsvoll sein, hat aber mit dem Inhalt nicht wirklich etwas zu tun.

Ansonsten kommt aber viel vor in den 150 Jahren Familiengeschichte, die auf der kleinen (fiktiven) Insel Castellamare in der Nähe von Sizilien mit der Ankunft des 1875 geborenen Arztes Amedeo Esposito am Anfang des 20. Jahrhunderts ihren Lauf nimmt. Ein kleines, vom Rest der Welt abgeschnittenes und ziemlich autarkes Eiland mit vielen skurrilen und bodenständigen Charakteren, eigenen Sitten und Gebräuchen, sowie einer eigenen Heiligen und einem Conte, der die Zügel der Insel anfangs noch fest in den Händen hält, liefert viel Erzählstoff.

Catherine Banner lässt die Geschichte leicht dahin fließen, der Leser ist stiller Beobachter der Entwicklungen und Vorgänge und wird nicht gezwungen, sich mit irgendeiner speziellen Hauptfigur zu identifizieren. Wird die Handlung zunächst auf Amedeo und seine Frau Pina fokussiert, erfolgt der Übergang zu ihrer Tochter Maria-Grazia und später zu deren Kindern langsam und bruchlos – irgendwann steht der Protagonist der nächsten Generation im Mittelpunkt und bestimmt das Geschehen. Nichtsdestotrotz sind alle Charaktere gut ausgearbeitet und überzeugend, auch Nebencharaktere haben Wiedererkennungspotential.

Wer eine Familiengeschichte mit wahnsinnig vielen überraschenden und ganz speziellen Wendungen erwartet, wird mit diesem Roman vermutlich nicht so wirklich glücklich. Woher sollen die auch kommen auf einer so winzigen Insel am Rande der Zivilisation? Im Vordergrund steht hier das alltägliche Leben einfacher, pragmatischer Menschen im Fluss der Zeit, ihre Schrullen, Macken, ihr soziales Verhalten. Veränderungen kommen schleichend langsam, vom ersten Fernseher bis zur inseleigenen Bank, der man die über viele Jahre in Säcken gehorteten Lira nur äußerst langsam anvertraut. Und bei all den Neuerungen, die im Laufe der Zeit das Inselleben – mehr oder auch weniger- bereichern, steht Amedeos Bar “Das Haus am Ende der Nacht” wie ein Fels in der Brandung, unabhängig von Allem, was da kommt und geht.

Dieser Roman wird getragen von der ganz speziellen Stimmung, die die Autorin im Leser zu erwecken vermag. Dieses ein wenig “aus-der-Zeit-gefallen-sein” in Verbindung mit dem typisch italienischen Flair, welches besonders gelungen in Maria-Grazias Wesen und Temperament sowie dem Inselaberglauben zum Ausdruck kommt. Mag sein, dass ich persönlich das besonders stark empfunden habe, da ich das Buch in passender Umgebung gelesen habe – bei 34 Grad, der wellenrauschenden Adria im Blickfeld und italienischen Gesprächsfetzen im Hintergrund ist das ganz sicher der Fall. Weshalb ich das Buch besonders -aber nicht ausschließlich- Italien-Urlaubern oder -liebhabern ans Herz lege.

Fazit: Stimmungsvoller, entspannt zu lesender, aber nicht oberflächlicher Familienroman mit erstaunlich viel -sowohl nachdenklich als auch humorvoll- verpackter Lebensweisheit für eine so junge Autorin. Wohlfühllektüre. Klare Leseempfehlung.

 

 

7 comments

  1. Klaus -

    Ein wirklich feines Buch. Mir hat es auch sehr gut gefallen. Und du hast einen tollen Text geschrieben.

  2. Devona -

    Danke für die Blumen, gebe ich gerne zurück. Habe Deine Rezension in meinem Beitrag verlinkt. Ich würde mich auch über weitere Bücher der Autorin freuen.

  3. Pingback: Catherine Banner: Die langen Tage von Castellamare – BücherKaterTee

  4. Ingrid -

    Eine wirklich gut geschriebene, zum Lesen verlockende Rezension.
    (die mit ‘Anna Karenina’ von Sabines Leserunde)

  5. Devona -

    Hallo Ingrid,

    freut mich, wenn es Dich neugierig macht. Das ist ein schönes, “leises” Buch, was gut tut. Hatte mich übrigens gestern auch schon bei Dir festgelesen ;-)

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