Stellas Traum – Annette Hohberg

Stellas Traum – Annette Hohberg

 

stellastraumow

Erschienen: 02.05.2016  bei Droemer/Knaur
Autor/in: Annette Hohberg

Klappentext: Zärtlich und in wunderschönen Bildern erzählt Annette Hohberg die Geschichte einer innigen Jugendfreundschaft. Stella, Tim und Paul sind unzertrennlich, sie ergänzen sich perfekt. Bis etwas Entsetzliches geschieht und aus dem fröhlichen Mädchen Stella eine kühle, distanzierte Frau macht, die jedes Gefühl mit Arbeit betäubt. Nach 20 Jahren führt ein weiteres tragisches Ereignis die einstigen Freunde noch einmal zusammen. Kann jetzt aus Liebe Vergebung werden? Das poetische Porträt einer Freundschaft, die ihre Unschuld verliert.

Nachdem ich im letzten Jahr Irene Ruttmann (“Adéle”) als meine Autorenentdeckung des Jahres gefeiert habe, steht in diesem Jahr Annette Hohberg ganz oben auf der Liste. Sehr wohlwollend habe ich außerdem zur Kenntnis genommen, dass bei diesem Buch der Klappentext wirklich hält, was er verspricht. Das ist schon lange nicht mehr selbstverständlich.

Der Leser bekommt mit “Stellas Traum” ein zauberhaft-poetisches Portrait von Freundschaft, Liebe, Vertrauen und Träumen, das bei aller Poesie nie den Bezug zur Realität verliert. Annette Hohberg schreibt mitten aus dem Leben: warm, gefühlvoll, nachdenklich und noch viel, viel mehr – ein Riesen-Mix an Emotionen eingebettet in eine Handlung, die so oder so ähnlich in jedem Leben vorstellbar und doch einzigartig ist.

Das Buch beginnt mit wenigen Seiten des Beschreibens der Kinderfreundschaft von Stella, Tim und Paul. Es ist eine unschuldige, tiefe Freundschaft, die Schaukelszene gleich auf den ersten Seiten hat mich sofort für das Buch eingenommen.

…Und dann begann sie zu fliegen. Immer höher. Sie lehnte sich nach hinten und streckte die Füße weit nach oben, als wollte sie damit den Julihimmel berühren. Sie fühlte Pauls Hände in ihrem Rücken, die sie mit immer größerer Kraft anstießen. Sie sah Tims Blicke, die unter ihren Rock krochen, der sich jedes Mal hob, wenn sie dem endlosen Blau ein Stück näher kam. Sie spürte den Wind an ihren nackten Beinen und in ihren offenen Haaren, und sie wollte, dass es nie wieder aufhörte, dieses Schwingen zwischen Himmel und Erde. Irgendwann schloss sie die Augen. Das Ächzen des Astes beunruhigte sie nicht mehr, denn sie fühlte plötzlich, dass ihr nichts passieren konnte. Da waren Tim und Paul, die sie auffangen würden. Dieses Wissen genügte ihr, um die Bodenhaftung aufzugeben…

Es bedarf nur weniger Seiten in Annette Hohbergs zauberhafter Erzählsprache, um dem Leser die Einzigartigkeit dieser Freundschaft zu vermitteln, die davon lebt, dass alle drei Kinder so verschieden sind, dass sie sich perfekt ergänzen. Im Mittelpunkt steht Stella, die bei ihrer Tante Elisabetta -eine Schlüsselfigur des Romans- aufwächst. Elisabetta ist Künstlerin, Freigeist, unkonventionell und manisch-depressiv. Trotz gelegentlichen Scheiterns bei der eigenen Traumverwirklichung ermuntert sie ihre Nichte ihr ganzes Leben lang, ihre eigenen Träume zu leben.

Nach den wenigen Einführungsseiten über die Kindheit von Stella, Tim und Paul trifft der Leser im nächsten Kapitel Stella wieder, als erwachsene Frau, 20 Jahre nachdem sich die Drei geschworen haben, ein Leben lang füreinander da zu sein, ein Leben lang miteinander verbunden zu bleiben und sich nie zu verlieren. Stella ist eine müde, abgearbeitete, desillusionierte Frau um die 40, die kein Privatleben zu haben scheint und als Ärztin nur für ihren Job im Krankenhaus lebt. Sie erhält die Nachricht vom Tod ihrer Tante, die mit dem Fahrrad von der Straße abgekommen ist und tödlich verunglückte. Stella ist tief betroffen, obwohl sie die Nähe ihrer Tante in den letzten Jahren gemieden und den Kontakt auf ein Minimum an Feiertagsbesuchen beschränkt hat.

Der Leser ahnt, dass etwas in der Vergangenheit passiert sein muss, das Stella, Tim und Paul auseinander gerissen hat, etwas, vor dem Stella geflüchtet ist, was sie verdrängt hat – Stella hat auch Elisabetta weitestgehend aus ihrem Leben ausgeschlossen. Ihr Tod macht Stella nun klar, dass sie nicht ewig verdrängen kann, sich der Vergangenheit stellen muss. Schlussendlich nimmt sie den mehrfach angebotenen Vorschlag ihres Chefs – der ihr workaholic-Dasein schon lange kritisch beobachtet – für eine halbjährige berufliche Auszeit an. Sie kehrt zurück in das Dorf ihrer Kindheit und das Haus ihrer Tante. Jäh heraus gerissen aus jahrelanger emotionaler Lethargie überrollen sie die Kindheits- und Jugenderinnerungen zunächst, ermöglichen ihr aber auch einen Neuanfang. Zunächst zögernd, dann aber immer entschlossener geht Stella aktiv die Aufarbeitung dessen an, was der Klappentext als “das Entsetzliche” (und das ist es) beschreibt. Ihr Weg wird sie bis nach Kuba führen…

Mehr kann man kaum verraten, ohne zu spoilern und bei Büchern wie diesen, die ich gerne uneingeschränkt weiter empfehle, spoilere ich nicht so gerne. Annette Hohberg wurde einmal in einem Interview gefragt, woher sie die Inspiration für ihre Bücher nehme und hat geantwortet: “Ich lebe!” Und genauso fühlt sich dieses Buch an. Im Mittelpunkt steht nicht die Schuldfrage für das Entsetzliche. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob wirklich jeder Traum lebbar ist oder ob nicht mancher gelebte Traum auf Kosten Anderer gelebt wird. Und diese Frage darf der Leser sich selbst beantworten. Die große Kunst bei derartigen Büchern besteht für den Autor überdies darin, ihnen ein glaubwürdiges Ende zu verpassen, Annette Hohberg gelingt auch das bravourös.

Fazit: “Stellas Traum” ist eine wunderschöne, vielschichtige Geschichte über menschliche Beziehungen im Allgemeinen, Liebe, Leben, Freundschaft, Träume, Tod in unkitschiger, bildreicher Erzählweise, wohltuend klischeebefreit. Leseempfehlung für ruhige und nachdenkliche Lesestunden.

 

6 comments

  1. Sabine -

    Was für eine schöne Rezension, die mir direkt Lust auf das Buch gemacht hat! Ich hatte es schon mal auf meiner Wunschiste stehen, habe es dann aber doch wieder runtergeschmissen – was für eine Fehlentscheidung. Der Schreibstil ist toll – und ich glaube, das Buch muss wirklich bald bei mir einziehen. :-)

    Liebe Grüße
    Sabine

  2. Devona -

    Liebe Sabine, bei dem Buch bin ich mir zu 150% sicher, dass es Dir gefällt! Ich selber werde auch alles andere von ihr lesen, der Schreibstil hat mich wirklich begeistert.

  3. Sabine -

    Und du hast Recht gehabt! Ich habe das Buch heute morgen beendet und fand es wunderbar. Sicherlich auch, weil es gerade genau in meine Lesestimmung gepaßt hat, aber auch, weil die Geschichte einfach berührt undd er Schreibstil toll ist.
    Danke nochmal für den Tipp – und auch ich werde nun die anderen Bücher von Annette Hohberg lesen!

  4. Devona -

    Ich freu mich, dass es Dir gefallen hat! Ich fand den Stil auch einfach nur grandios und hab das nächste Buch von ihr für den Urlaub Ende August angepeilt. Und ich bin Dir im Gegenzug dankbar für den Nicht-Tip “Weil sie das Leben liebten”. Habe ich gegen Francis Drake ausgetauscht ;-)

Leave Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld.

*

Zustimmung zur Datenspeicherung gemäß DSGVO.