Der Tod kann mich nicht mehr überraschen – Heike Vullriede

Der Tod kann mich nicht mehr überraschen – Heike Vullriede

 

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Erschienen: 2012 bei Luzifer
Autor/in: Heike Vullriede

Klappentext: Marvin liegt in sündhaft heißem Badewasser und übt das Sterben, indem er einfach den Atem anhält. Doch während er längst wie ein bleiches Sirenenopfer dahintreiben könnte, rekeln sich Frau und Tochter im Wohnzimmer auf dem Sofa. Gestorben wird wohl allein. Eine schlechte Diagnose hat Marvin Abel aus seinem erfolgreichen Leben gerissen. Nun lässt er ihn nicht mehr los, der Gedanke an den Tod, den er bisher so erfolgreich verdrängte. Wäre er doch niemals wegen dieser Kopfschmerzen zum Arzt gegangen, dann hätte sein Leben so rosarot weitergehen können. Oder?Bepackt mit neuer Unterwäsche und einer viel zu prall gefüllten Reisetasche, begibt er sich ins Krankenhaus, um sein Leben zu retten. Auf seinem Zimmer knipst er als Erstes ein Handyfoto von dem Schnarchsack im Nebenbett und eins von sich selbst, zur Erinnerung an seine noch immer dichte Haarpracht vor der Chemotherapie. Marvin will kämpfen. Schließlich hat er das Leben fest im Griff und bisher noch keinen Kampf verloren. Bald steht der erste Besucher vor Marvins Bett: Basti, sein kleiner Bruder. Der bringt nicht nur einen Supermarkt-Blumenstrauß mit, sondern auch eine schockierende Bitte. Und er bleibt nicht der Einzige, der Marvin haarsträubende Überraschungen bereitet. Marvin traut seinem eigenen Leben nicht mehr und möglicherweise ist er auch neidisch auf die Enten im Park. Wo ist seine heile Welt geblieben? War es am Ende nichts weiter als ein Traum von Gestern und Morgen? Und wie, verdammt noch mal, lässt man das los?

Ein Buch -das Erste der Autorin- über einen inoperablen Hirntumor, zu dem sich schnell noch ein zweiter gesellt, ein Buch über die letzte kleine Zeitspanne im Leben eines Menschen ist per se schon mal harte Kost. Dieses Buch war eine Überraschung, denn Heike Vullriede schafft es, den Tod und das Sterben aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel zu beleuchten und den Leser trotz des hoffnungslosen Themas zu unterhalten und zum Nachdenken anzuregen. Nicht über den miesen Tod an sich, sondern über den eigenen Umgang damit.

Die Autorin ist Buddhistin, das habe ich NACH dem Lesen recherchiert und ich bin mir sicher, dass ein Teil buddhistische Lebensphilosophie in dieses Buch geflossen ist. Ich habe noch kein Buch zum Thema “sterben” gelesen, welches derart gelassen und wertfrei geschrieben wurde, ohne dabei peinlich oder respektlos zu sein. Ganz im Gegenteil: die Verarbeitung des Themas nötigt Respekt ab. Lesern, die sich dem Thema ausschließlich und distanzlos auf der emotionalen Ebene nähern können, also über Betroffenheit, Mitleid, Trauer wird das Buch evtl. weniger geben als denen, die “loslassen” können, um den Protagonisten auf seinen oftmals sehr rationalen Gedankengängen beim Sterben zu begleiten.

Um dieses Loslassen kreisen auch Marvins Gedanken unaufhörlich, seit er weiß, dass seine Lebenszeit begrenzt ist und das dieser Fakt unumstößlich ist. Die Diagnose (“Du hast noch maximal ein Jahr!”), die naturgemäß zunächst verharmlost und beiseite geschoben wird, da sie für einen mitten im Leben stehenden Menschen von 45 Jahren rational gar nicht fassbar ist, schiebt sich brutal in den Vordergrund, als Marvin -bis dahin im Vollbesitz seiner körperlichen Leistungsfähigkeit und vom Tumor noch nicht beeinträchtigt- innerhalb kürzester Zeit unter Chemotherapie zu einem körperlichen Wrack mutiert. Marvin schaut diesem Zerfall tagtäglich im Spiegel zu und während er sich mit diversen linksseitigen Lähmungen nach knapp einer Woche Krankenhausaufenthalt nur mehr zur Cafeteria schleppen kann, wälzt er Gedanken, die natürlich emotional eingefärbt sind, andererseits aber auch eine Distanz zu sich selber erkennen lassen, die dem Leser gelegentlich ein Schmunzeln entlockt.

Und während Marvin darüber nachdenkt, ob er all die Menschen, die an seinem Krankenbett auftauchen und mehr oder weniger deutliche Defizite im sozialen Umgang mit Sterbenden haben, wirklich braucht oder nicht doch lieber auf ihre Gegenwart verzichtet, denkt der Leser darüber nach, ob eine Lebensqualität zerstörende Chemotherapie, die den unumstößlichen Tod nur hinauszögert, für ihn eine Option ist oder ob er -rein hypothetisch betrachtet- als Betroffener nicht doch auf ein paar Wochen Leben verzichtet, dafür aber bis zum Einsetzen der Endphase noch ein relativ normales Leben führen kann. Die Frage wird ohnehin nur Jeder für sich selber beantworten können, aber in jedem Fall ist sie nachdenkenswert und vielleicht sollte man sie auch als NICHTbetroffener überdenken, um im Fall des Falles einer Diagnose nicht völlig unbedarft mit einem so schweren Thema konfrontiert zu werden.

“Der Tod kann mich nicht mehr überraschen” hat sehr viele Facetten: traurige, nachdenkliche, laute, leise, sarkastische, aber keine deprimierenden oder total hoffnungslosen, keine die den Leser auf die Betroffenheitsschiene herunter ziehen. Marvin ist ein Kämpfer und auch wenn er durch die Chemo körperlich völlig am Boden ist, hat er im Krankenhaus eine Verschwörung aufzudecken, sein Testament zu machen und schlussendlich gefällt ihm der Gedanke, seine Beerdigung in einem Friedwald vernünftig in Szene zu setzen. Nein, lustig ist das natürlich alles nicht, aber die Szene mit der Marvin seiner oberflächlichen Frau den 40.Geburtstag ruiniert, in dem er im Rollstuhl sitzend all den ihn ignorierenden Anwesenden lautstark verkündet, er habe soeben unter sich gemacht (was nicht stimmt), hat schon etwas arg Komisches, zumal die Partygäste nacheinander mit den blödesten Begründungen die Feier fluchtartig verlassen.

Ob Marvin all das, was er sich vorgenommen hat, noch schafft? Wird nicht verraten, nur so viel: der Titel des Buches ist nicht von ungefähr gewählt, irgendeine Überraschung hat der Tod immer noch parat. Auch für Marvin.

Fazit: Empfehlenswert für Leser, die sich von Schwere, Trauer, Schicksalsergebenheit zu lösen vermögen, um einen gelasseneren, offeneren und entspannenderen Blick auf das Thema Tod/Sterben zu werfen, ohne dabei den Ernst des Themas zu verkennen. Es lohnt sich.

 

 

2 comments

  1. Neyasha -

    Das klingt nach einem interessanten und gut geschriebenen Buch, aber ich glaube, ich würde das trotzdem nicht unbedingt lesen wollen. Ich war mit dem Thema schon zu oft in meiner Umgebung konfrontiert, um das auch noch in einem Roman haben zu wollen.
    Das mit der Chemotherapie ist aber wirklich eine Frage, über die man auch mal nachdenken sollte, wenn einen das nicht betrifft. Allerdings wird man im Vorfeld auch einfach nicht wissen, wie man im Fall der Fälle darauf reagieren würde (also körperlich) – das ist ja doch von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich.

  2. Devona -

    Ich war im privaten Umfeld auch schon mehrfach mit dem Thema konfrontiert und hätte mir rückblickend damals auch gerne einen etwas weniger schweren Blickwinkel gewünscht. Aber in dieses Thema wird man meist recht unvorbereitet geworfen, was einen unwahrscheinlich mitnimmt, deshalb verstehe ich deine Gründe, das Buch nicht zu lesen, ganz gut.

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