Die andere Hälfte der Hoffnung – Mechtild Borrmann

Die andere Hälfte der Hoffnung – Mechtild Borrmann

 

dieanderehälftederhoffnungow

 

Erschienen: 01.09.2014 bei Droemer-Knaur
Autor/in: Mechtild Borrmann

Klappentext: Die andere Häfte der Hoffnung – nominiert für den renommierten Friedrich-Glauser-Preis 2015.

Valentina wartet auf die Rückkehr ihrer Tochter aus Deutschland. Seit Monaten hat sie nichts mehr von ihr gehört. Sie scheint spurlos verschwunden – wie viele andere Studentinnen, die angeblich ein Stipendium in Deutschland erhalten haben. Valentina lebt dagegen in der verbotenen Zone von Tschernobyl, ihrer alten Heimat. Um dem trostlosen Warten und dem bitterkalten Winter zu trotzen und die Hoffnung nicht zu verlieren, beginnt Valentina ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. In Deutschland versteckt währenddessen Martin Lessmann eine junge osteuropäische Frau vor ihren Verfolgern. Als sie sich kurz darauf die Pulsadern aufschneidet, rettet er sie ein zweites Mal – und erfährt Ungeheuerliches.

Ich bin immer wieder fasziniert von Mechtild Borrmanns ruhiger Schreibweise, die völlig ohne Effekthascherei auskommt und es trotzdem vermag, im Leser vielfältige Emotionen zu wecken. “Die andere Hälfte der Hoffnung” unterscheidet sich dahingehend von Meilensteinen wie “Wer das Schweigen bricht” und “Der Geiger” nicht und hat mich ebenso wie diese beiden Bücher wieder einmal restlos von Mechtild Borrmanns Können überzeugt.

In zwei zunächst parallel laufenden Erzählsträngen schildert die Autorin zum einen Walentynas Lebensgeschichte, beginnend in der Kindheit, später geprägt vom Reaktorunfall in Tschernobyl. Zum Anderen verfolgt der Leser die Ereignisse um Matthias Lessmann in Deutschland, der in einem Dorf nah an der holländischen Grenze lebt und mitten im Winter -als ein fast unbekleidetes Mädchen auf seinem Hof auftaucht und offensichtlich vor Jemandem auf der Flucht ist- in sich förmlich überschlagende Ereignisse gerät, die sein beschauliches Dorfidyll jäh auf den Kopf stellen. Verbunden werden diese beiden Erzählstränge nach und nach durch Leonid Kyjan, der als Leutnant einer ukrainischen Sondergruppe der Kripo in den Fällen spurlos verschwundener ukrainischer Studentinnen ermittelt, die offensichtlich mit falschen Versprechungen über ein Praktikum nach Deutschland gelockt worden sind.

Walentyna wartet auf ihre Tochter Katharyna und beginnt -getrieben von dunklen Vorahnungen und um die Zeit des Wartens schneller vergehen zu lassen- ihre traurige Lebensgeschichte für ihre Tochter aufzuschreiben. Aufgewachsen als intelligentes, linientreues Kind des Sozialismus ist es Walentynas größter Wunsch, Ärztin zu werden, dafür arbeitet sie zielstrebig an den erforderlichen schulischen Leistungen und betätigt sich darüber hinaus engagiert an allen obligatorischen gesellschaftlichen Veranstaltungen in Pionierorganisation und Komsomol. Trotz ihres untadeligen, ja sogar vorbildlichen Auftretens wird ihr dieser Wunsch von offizieller Seite verwehrt, darüber hinaus wird sie ohne weitere Begründung aus dem Komsomol ausgeschlossen und sieht sich eine Zeit lang auch einer distanzierten dörflichen Gemeinschaft gegenüber. Das Mädchen ist am Boden zerstört und kann dem hinter vorgehaltener Hand verbreiteten Klatsch nur entnehmen, dass die Entscheidung über ihre berufliche Zukunft irgendetwas mit ihrer Mutter zu tun haben muss, die während des Zweiten Weltkrieges Zwangsarbeiterin in Deutschland war. Ihre Eltern schweigen hilflos und betroffen zu den wütenden Anschuldigungen von Walentyna, die sich letztendlich für den Beruf der Krankenschwester entscheidet und ihrer großen Liebe Hlib in das Gebiet um das Kernkraftwerk Tschernobyl folgt. Hlib arbeitet direkt im Kraftwerk. Im Fokus der Beschreibungen von Mechtild Borrmann steht weniger die direkte Reaktor-Katastrophe von 1986, sondern vielmehr die Auswirkungen und Folgen dieser Ereignisse auf die Menschen -speziell Walentyna und ihre Familie-  rund um den Reaktor, die völlig unvorbereitet quasi nicht vorhandenem Katastrophenschutz, gezielter Desinformation und krimineller Vertuschung durch Regierungsseite hilflos ausgeliefert sind und denen nach der mehr als chaotischen Evakuierung nur noch Hilflosigkeit und eine vollkommen zerstörte Existenz am Rand des Identitätsverlustes bleibt. Diese Beschreibungen der Autorin aus der Sicht einer Betroffenen wie Walentyna machen sehr betroffen.

Betroffen machen auch die mehr 20 Jahre später laufenden Ermittlungen von Leonid Kyjan, der sich im Fall  um die verschwundenen Studentinnen verbissen -und nicht wie einstmals nach dem Zerfall der SU engagiert und in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft für die Ukraine- gegen marode gesellschaftliche und moralische Strukturen im Staatsdienst der Kripo zur Wehr setzt und sich dabei in einem Netz aus Korruption, Vetternwirtschaft, Geldgier und Gewissenlosigkeit verfängt, aus dem es kaum ein Entkommen gibt und das internationale Dimensionen hat. Der Leser muss sich konzentrieren, um Leos Weg durch die Wirrnisse in der Ukraine schließlich bis nach Deutschland zu folgen. Beurlaubt und auf eigene Faust ermittelnd, landet er hier aufgrund eines lancierten Tipps der eigenen Behörde als Verdächtiger in U-Haft.

Mechtild Borrmann versteht es glänzend, die Auswirkungen politischer Ereignisse -damals und heute- glaubhaft mit dem Schicksal ihrer Protagonisten zu verknüpfen. Anders als in vielen anderen Büchern gibt es in “Die andere Häfte der Hoffnung” keine Zufälle, die über das Wohl und Wehe der Hauptpersonen entscheiden und die Geschichte schlussendlich zu einem guten Ende bringen. Es gibt Zufälle, aber sie entscheiden nichts, sie runden nur traurig das Bild der Ereignisse ab, für Walentyna und für Matthias Lessmann. Zufälle, verbunden mit der Vergangenheit von Walentynas längt verstorbener Mutter, die in und an der Gegenwart nichts mehr ändern, gerade deshalb aber besonders realistisch wirken. So wie auch das Ende der Geschichte. Mechtild Borrmann führt die Erzählstränge zusammen und verabschiedet den Leser mit einem kurzen, knappen Epilog und den  auf den Punkt gebrachten, zusammen gefassten Fakten und ein paar zwangsläufigen Folgen als Aufzählung.

Fazit: Berührende Menschenschicksale, verknüpft mit alten und neuen politischen Konstellationen in der Ukraine, ein paar Krimianteile und der einzigartige, ruhige Schreibstil der Autorin machen auch “Die andere Hälfte der Hoffnung” wieder zu einem lesens- und empfehlenswerten Buch von Mechtild Borrmann.

 

 

6 comments

  1. Sabine -

    Ooh – ich freue mich, dass auch dich “Die andere Hälfte der Hoffnung” überzeugen konnte! Mein Favorit ist ja immer noch “Der Geiger” – aber wie du schon geschrieben hast – es ist der trockene und präzise Schreibstil ohen Schnörkel und Tand, der auch mich so überzeugt und der ungemein viel Atmosphäre erzeugt.

    Jetzt heißt es wieder warten auf das nächste Buch …

    LG Sabine

  2. Devona -

    Und ich freue mich, dass ich es Dank Dir JETZT SCHON gefunden habe ;-). Ich schüttle immer noch den Kopf, dass das Buch unbemerkt an mir vorbei gezogen ist, nicht zu fassen.
    “Der Geiger” war im Intensivsten, “Wer das Schweigen bricht” war mein allererstes Hörbuch, auf meiner ewigen Bestenliste werden die beide immer ganz oben stehen. Am wenigsten konnte ich mit “Wenn das Herz im Kopf schlägt” anfangen, aber gelesen hab ich alle von ihr. Eine Vielschreiberin ist sie nicht, aber ich denke, wir werden uns die Wartezeit schon irgendwie vertreiben :-)

  3. Devona -

    Ich bin mir sicher, dass es dir gefallen wird, Mechtild Borrmann ist für mich ein absolutes “must have”. Und noch Keiner, dem ich sie empfohlen habe, konnte damit nichts anfangen oder fand die Bücher nicht gut.

  4. HibiscusFlower -

    Hallo Devona,
    über Sabines Blog bin ich auf deinen gekommen und gleich an dieser Rezension hängengeblieben.
    Ich habe das Buch vor zwei Jahren gelesen und war sehr beeindruckt von diesem Werk.
    Liebste Grüße, Hibi

  5. Devona -

    Hallo Hibi,

    freut mich, wenn die Buchbesprechung Dir gefällt. Wenn Du das Buch magst, gefallen Dir auch andere Bücher von Mechtild Borrmann, da bin ich mir sicher. Ich kann sie dir auf jeden Fall ans Herz legen.

    LG, Devona

Leave Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld.

*

Zustimmung zur Datenspeicherung gemäß DSGVO.