Die andere Seite der Wahrheit – Charity Norman

Die andere Seite der Wahrheit – Charity Norman

 

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Erschienen: 12.02.2016 bei Bastei/Lübbe
Autor/in: Charity Norman

Klappentext:
Drei Jahre saß Joseph wegen Totschlags an seiner Frau im Gefängnis. Nach seiner Entlassung wünscht er sich nichts sehnlicher, als seine drei Kinder wiederzusehen. Doch genau das wollen Josephs Schwiegereltern, bei denen die Kinder seit der schrecklichen Tragödie leben, mit allen Mitteln verhindern. Und auch Scarlet, die Älteste, lehnt jeden Kontakt zu Joseph ab. Schließlich ist es eine unumstößliche Wahrheit, dass er ihre Mutter umgebracht hat. Doch dann entdeckt Scarlet die andere Seite dieser Wahrheit …

Das Buch bietet als eine Art Prolog einen rasanten Einstieg: dem Leser wird “Beweisstück 53: Abschrift des bei der Notrufzentrale eingegangenen Anrufs von Scarlet Scott”  in der Strafsache “Joseph William Scott” präsentiert, in dem er einen Teil der Fakten aus der Gerichtsverhandlung nachlesen kann, die schlussendlich zur Verurteilung von Joseph Scott wegen Totschlags an seiner Frau Zoe führte. Sozusagen ein Stück Vorgeschichte zum einfacheren Verständnis der folgenden Ereignisse, die 3 Jahre später einsetzen, als Joe vorzeitig aus der Haft entlassen wird.

Der Leser folgt den Geschehnissen aus nunmehr 3 Erzählperspektiven: zum einen der von Joe in auktorialer Erzählform, im Wechsel dazu in Ich-Form kommen das älteste seiner Kinder -Scarlett (13)- sowie seine Schwiegermutter Hannah zu Wort. Bei Joes Haftentlassung befinden sich alle 3 Kinder -außer Scarlet noch die Jungen Ben und Theo- in der liebevollen Obhut ihrer Großeltern Hannah und Frederick, den Eltern ihrer toten Mutter Zoe.

Verständlicherweise möchte Joe, der unter dem Tod seiner großen Liebe Zoe und seiner Schuld wahnsinnig leidet, seine Kinder wieder sehen, verständlicherweise möchten Hannah und Frederick, deren einziges Kind Zoe durch seine Hand starb, genau das nicht. Insbesondere Hannah verweigert sich den zunächst freundlichen Bitten Joes um eine Kontaktaufnahme zu den Kindern kategorisch. Sie kann ihre Unversöhnlichkeit auch dann nicht abschwächen, als ein Gericht nach Beobachtung und Begutachtung durch einen kompetenten Sozialarbeiter befindet, dass sowohl Joe ein Umgangsrecht gewährt werden muss, als auch der Umgang mit ihm der Entwicklung der Kinder nicht schaden würde, sondern im Gegenteil wichtig sei.

Obwohl Ben als Kleinster sich nicht an die Geschehnisse am Todestag seiner Mutter erinnert, haben alle drei Kinder Erinnerungen an ihren Vater, besonders die von Scarlett sind ambivalent. Immer wieder werden in den Kapiteln, die aus ihrer Sicht erzählt sind, liebevolle Erinnerungen an die Mutter, zunehmend auch an den Vater geschildert, das Wechselbad ihrer Gefühle in Bezug auf den Vater zeigt ihre innere Zerrissenheit in aller Deutlichkeit, die Scarlet-Kapitel habe ich als am intensivsten empfunden. Scarlet wirkt bedeutend reifer als andere 13-Jährige und bringt ein großes Verantwortungsgefühl für ihre Brüder mit, sie fühlt sich fast wie eine Art “Ersatzmutter”und möchte sie beschützen. Notfalls auch vor dem eigenen Vater, den sie selbst aber dringend benötigt.

Das eigentlich Traurige ist aber der Sog, in den die Kinder unverschuldet geraten, nachdem sie nach Annäherung und Kontaktaufnahme beginnen, Zeit mit ihrem Vater zu verbringen und langsam anfangen, die Wochenenden mit ihm zu genießen, ihn neu kennen zu lernen, das Gefühl haben, das hier Vertrauen wachsen kann, eine Basis entsteht. Hannahs Unversöhnlichkeit ist insbesondere für Scarlett durchaus rational verständlich und nachvollziehbar, macht ihr aber große Schuldgefühle, wenn sie nach den Wochenenden mit dem Vater zu den Großeltern zurück kehrt. Hannah und Freddie haben 3 Jahre lang gut für sie gesorgt, sie geliebt, umhegt und beschützt, als ihr Vater seine Haftstrafe verbüßte. Ist es nicht undankbar von ihnen, sich jetzt wieder dem Vater zu öffnen, ist das nicht ein Verrat an Hannah und Freddie? Und während Scarlet sich seelisch zermartert, Theo wieder beginnt, einzunässen und der kleine Ben jedes Wochenende eine andere Ausrede bemüht, um nicht zu seinem Vater zu müssen, arbeitet Joe daran, ein Heim für sich und die Kinder zu finden, um sie ganz zu sich zu nehmen und ein neues gemeinsames Leben zu beginnen.

Die inneren Konflikte aller Personen sind sensibel und gut nachvollziehbar dargestellt. Es ist schlussendlich Freddie, der seine Joe mittlerweile fast schon starrsinnig ablehnende Hannah davon überzeugt, an das Wohl der Kinder zu denken und einen Schritt auf Joe zuzugehen. Nicht zuletzt deshalb, weil er die ihn langsam aber sicher überkommende Demenz spürt, ihm die Folgen bewusst sind und er weiß, dass Hannah mit ihm als Demenzkrankem und drei Kindern überfordert sein wird. Sie ist Mitte 60 und Ben gerade mal 5. Freddie hat erkannt, wie sehr Joe seine Kinder liebt und er weiß, dass Hannah und ihn zwar keine direkte Mitschuld am Tod ihrer Tochter trifft, sie aber Joe in Bezug auf Zoe Hilfe verweigert haben, als er sie dringend benötigt hat. Und auch Zoe selbst hat Joe vor der Eheschließung Entscheidendes verschwiegen…

Achtung Spoiler-Gemecker!

Tja und nun. Bis hierhin ein einfühlsam und wohltuend unkitschig geschriebenes Buch, welches man mit der offenen Botschaft “Menschen gehen aufeinander zu, positiver Blick in die Zukunft” hätte enden lassen können, womit man auch den Leser in seine Gedankenwelt entlassen hätte – wie auch immer die aussehen mag. Es ging um eine durch und durch traumatisierte Familie, hier wird lebenslange Arbeit miteinander nötig sein, um die Traumata des Einzelnen aufzuarbeiten, Leid zu mildern…für mich wäre der behutsame Anfang eines gemeinsamen Miteinanders tröstlich, ausreichend, verständlich und ein passendes Ende für solch ein Buch gewesen. Gibt`s aber nicht.

Es gibt zum Abschluss das vollumfängliche Wohlfühlangebot für den anspruchslosen Leser: happyend und bussi-bussi für alle (Stichwort: Rosie). Ich hab`s nicht glauben wollen. Die ohnehin völlig unpassend eingesponnene und zu vernachlässigende Liebesgeschichte von Joe und Rosie MUSS im Seifenopernstil enden…ich frag mich immer, warum wer so einen Schmarrn schreibt. Weil es die Mehrzahl der Leser will? Will die das wirklich?

Fazit: einfühlsames, kaleidoskopartiges Portrait einer traumatisierten Familie mit ruinösem Kitsch-Ende, dass die Geschichte Knall auf Fall in die Beliebigkeit zurück katapultiert.

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