Anna und Armand – Miranda Richmond Mouillot

Anna und Armand – Miranda Richmond Mouillot

Wie meine Großeltern im Krieg die Liebe fanden und das Leben sie doch für immer trennte

 

annaundarmandow

Erschienen: 14.03.2016 bei Limes
Autor/in: Miranda Richmond Mouillot

Klappentext:
1948, nachdem sie gemeinsam den Zweiten Weltkrieg überlebt haben, kaufen Anna und Armand – die Großeltern der Autorin – ein altes Steinhaus in einem abgelegenen, malerischen Dorf in Südfrankreich. Fünf Jahre später packt Anna ihre Sachen und verlässt Armand. Die Schreibmaschine und die Kinder nimmt sie mit. Abgesehen von einer kurzen Begegnung, haben die beiden nie mehr miteinander gesprochen, nie neu geheiratet oder irgendjemandem offenbart, was sie so unwiederbringlich entzweit hat.

Dieses Buch ist die mitreißende Geschichte der Reise, die Miranda Richmond Mouillot unternahm, um zu den Wurzeln dieses verbitterten, unbeugsamen Schweigens vorzudringen. Einer Reise, auf der sie lernte, wie man nicht nur überlebt, sondern das Leben in all seiner Schönheit umarmt – indem sie das alte Steinhaus und das kleine südfranzösische Dorf zu ihrem Zuhause machte und die Liebe fand …

 

Eine Geschichte, die das Leben schrieb – festgehalten von der Enkelin der Protagonisten. Miranda Richmond Mouillot präsentiert mit “Anna und Armand” das Ergebnis ihrer langjährigen Spurensuche nach der Beziehung ihrer Großeltern, was für sie persönlich auch ein stückweit die Suche nach der eigenen Identität war.

Zitat: “Mit Anna und Armand stelle ich mich einem Schatten, der jede Familie heimsucht: der Vergangenheit, die zugleich grell präsent und zum  Verrücktwerden vage ist. Ursprünglich wollte ich das Buch sogar “Reisende Schatten” nennen, nach einer Zeile in “Erinnerung”, in der Vladimir Nabokov den Akt der Vergangenheitsrekonstruktion mit dem Betrachten von Schatten an einer Wand vergleicht. Schatten zu betrachten ist eine einsame und subjektive Beschäftigung und meine Beobachtungen der Schatten meiner Großeltern waren zwangsläufig von meinem eigenen Wesen und meiner eigenen Erfahrung gefärbt, so dass sie natürlich keine exakten Übertragungen der Menschen sein können, die sie warfen.”

Miranda stellt erst mit ungefähr 10 Jahren eine gedankliche Verbindung zwischen ihren Großeltern her, die sie bis dahin nie zusammen erlebt hat, die jüdische Großmutter Anna lebt im heimischen Amerika, der vormals jüdische und nunmehr atheistische Großvater Armand im europäischen Genf. Zwei Einzelpersonen, die seit 50 Jahren nicht miteinander gesprochen habe, Oma und Opa, die aber doch irgendwann einmal “zusammen” gewesen sein müssen.

Wie explosiv dieses Thema ist, merkt Miranda, als sie mit 14 Jahren das erste Mal allein ihren Großvater besucht: die aus kindlicher Sicht harmlosen Fragen nach der großelterlichen Beziehung enden in für sie unverständlichen, wütenden Gefühlsausbrüchen des ohnehin nicht einfachen Charakters Armand oder Antworten werden komplett verweigert, das Mädchen abgebügelt. Mit der völlig anders gearteten, weltoffenen, positiv denkenden und von ihr stets als Inbegriff der “starken Frau” wahrgenommenen Oma ergeht es ihr nicht besser, obwohl sie zu dieser eine sehr enge und liebevolle Bindung pflegt. Oma ist weniger heftig im Verweigern von Antworten, aber ebenso hartnäckig. Und Miranda ist zunächst unsicher, ob und wie sie Fragen stellen darf, soll, kann…wie quetscht man seine Großeltern aus, tritt man da Lawinen los, hat man das Recht zu diesen Fragen?

Miranda lernt ihren Großvater in einem Internatsjahr in Genf, welches ihre Mutter ihr ermöglicht, besser kennen, sie verbringt die Wochenenden bei ihm, sie kommen sich näher. Und als Opa ihr im kleinen Dörfchen La Roche ein altes, verfallenes Häuschen zeigt, welches ihm gehört und welches nach dem Krieg gekauft wurde, ist es um das Mädchen geschehen: sie verliebt sich in das alte Gemäuer, vermutet hier ihre Wurzeln und ist nun fest entschlossen, das Geheimnis ihrer Großeltern zu ergründen.

Der Leser begleitet Miranda nun bei einer mehr als zehnjährigen akribischen Recherche zur Vergangenheit ihrer Großeltern, sie nutzt Studienprojekte dafür, Zeit im Haus in La Roche zu verbringen und vor Ort in Archiven nach Spuren zu suchen, sie erstellt eine Art “Zeitstrahl” (im Buch als Grafik enthalten), wann, wo und wie sich die Wege ihrer Großeltern kreuzten. Ihre “Fragetaktiken” werden verfeinert, Sie fragt nunmehr nicht DIREKT nach der Beziehung ihrer Großeltern, sondern nach Lebensumständen in der  Kriegs- und Vorkriegszeit, nach Erlebnissen, Veränderungen, Freunden. Sie stellt fest, dass in den Aufzeichnungen ihrer Großmutter aus dieser Zeit Armand nicht einmal erwähnt wird, obwohl sich beide nachweislich schon kannten. Er scheint nicht wichtig für Anna und doch gab es da 1944 eine Eheschließung.

Ich war beeindruckt von der Hartnäckigkeit der jungen Frau, die in so jugendlichem Alter so vehement an diesem wichtigen Thema gearbeitet hat und allen Widrigkeiten zum Trotz -Visa, Einreisegenehmigung, Aufenthaltserlaubnis für jeweils nur 1 Jahr, Bürokratie etc.- immer wieder nach La Roche zurückkehrt und schlussendlich bei der Suche der Vergangenheit ihre Zukunft findet. Und obwohl Anna im Laufe der Zeit gesprächiger wird und Miranda viel Licht ins Dunkel der großelterlichen Beziehung bringt, lernt sie auch zu verstehen, dass nicht wirklich ALLES, was eine Beziehung zwischen zwei Menschen in einer unfassbaren Kriegszeit ausmacht, von folgenden Generationen verstanden werden kann oder muss. Der Krieg weht Menschen zueinander, die sich ohne ihn vielleicht nie in eine gemeinsame Beziehung gestürzt hätten.

Zitat: “Und nach all der Suche , all den Fakten und all den Zweifeln kam ich nach Hause nach La Roche und begriff, dass es eigentlich so einfach war: Armand und Anna verliebten sich, kauften ein Haus und sprachen nie wieder miteinander. Der Sinn eines Märchens liegt nie in den Einzelheiten. Der Sinn ist, dass es leicht einzuprägen, zu merken, zu erzählen ist. Wir werden weitererzählen, bis die Mauern einstürzen und dann werden wir wieder aufbauen und neu beginnen.”

Fazit: ein anrührendes und nachdenklich stimmendes Zeugnis über die Suche nach den familiären Wurzeln im Zweiten Weltkrieg von einer beeindruckenden, jungen Autorin. Empfehlenswert für Alle, die sich für Familiengeschichte mit realem, zeitgeschichtlichem Hintergrund interessieren oder die, die sich als Kriegsenkel in einer ähnlichen Situation befinden. Das Buch enthält sehr viele Fotos aus dem Familienarchiv der Autorin und bringt so die Personen noch einmal ein Stück näher zum Leser.

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Danke fürs Teilen!

2 comments

  1. Sabine -

    Ich war ja schon vor Lesen deiner Rezension neugierig auf das Buch, war mir aber nicht sicher, ob es tatsächlich da Richtige für mich ist. Jetzt bin ich es! Du hast mich nochmal in meiner Neugierde bestärkt und in den nächsten Tagen wird “Anna und Armand” bei mir einziehen. :-)

    Danke also für die schöne Rezension – ich freue mich auf diese Geschichte!

    Liebe Grüße
    Sabine

  2. Devona -

    Liebe Sabine,

    ich bin mir sicher, dass es Dir gefallen wird. Und ich freu mich auch auf deine Rezension dazu!

    Grüße zurück, Devona

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