Die Herren der grünen Insel – Kiera Brennan

Die Herren der grünen Insel – Kiera Brennan

 

dieherrendergrüneninsel

Erschienen: 15.02.2016 bei Blanvalet
Autor/in: Kira Brennan

Klappentext:
Irland 1166: Die Grüne Insel ist in viele kleine Reiche zersplittert, die sich unerbittlich bekriegen. Könige fechten langjährige Fehden aus, und selbst die friedliebendsten Untertanen werden in den blutigen Machtkampf hineingezogen. Zugleich droht ein gemeinsamer Feind in Irland einzufallen: Henry Plantagenet will die Insel an sich reißen. Werden sich die Herren der Grünen Insel vereinen und sich gegen den König von England stellen? Und welche Rolle spielen der grausame Krieger Ascall und die von ihm entführte Caitlín in diesem Kampf um Macht und Blut?

“Die anglonormannische Invasion Irlands  war ein einschneidendes Ereignis, das die Geschichte der Insel über Jahrhunderte gepägt hat. Wer sich wie ich, die ich eine begeisterte Irland-Reisende bin, mit seiner Geschichte beschäftigt, stößt immer wieder darauf – und so reifte der Entschluss, darüber einen Roman zu schreiben. ”      Kiera Brennan

Kiera Brennan legt dem Leser mit “Die Herren der grünen Insel” zunächst einmal ein Buch vor, welches sich sehen lassen kann. Die 959 Seiten Hardcover sind in einen ansprechend und thematisch passend gestalteten Schutzumschlag verpackt, dasselbe Motiv befindet sich auf einem beigelegten Lesezeichen, auf dessen Rückseite die wichtigsten Personen des Buches verzeichnet sind. Es gibt ein Lesebändchen, auf der vorderen Klappenseite eine politische Karte der Insel zur Zeit, in der der Roman spielt, auf der der hinteren Klappenseite eine bildliche Darstellung der Hierarchie der Machverhältnisse in Irland. Die Verfasserin erklärt in einer Vorbemerkung, welcher Kompromiss in Bezug auf die Schreibweise der Namen, die für den Leser in irisch-gälischer Schreibweise doch recht fordernd zu lesen sind, gefunden wurde: wo die Namen allzu schwierig wirkten, wurde die englische Schreibweise benutzt, ansonsten die irisch-gälische Schreibweise beibehalten. Am Ende des Buches gibt es ein komplettes Namensverzeichnis aller handelnden Personen und in einem kurzen Nachwort geht die Autorin auf geschichtliche Hintergründe des Romans ein.

Großes Manko, welches man aber nicht der Autorin, sondern dem Lektorat ankreiden muss: es gibt kein Inhaltsverzeichnis. Das finde ich bei einem Wälzer von knapp 1000 Seiten, welcher in Kapitel unterteilt ist, absolut unmöglich. Um z.B. Details für diese Buchbesprechung zu recherchieren, musste ich das ganze Buch durchblättern, weil ich nicht mal eben im Inhaltsverzeichnis nachschauen konnte, aus wie vielen Erzählperspektiven sich die Handlung zusammensetzt: die Kapitel sind jeweils mit dem Namen der Person übertitelt, aus deren personaler Erzählperspektive das folgende Kapitel erzählt wird. Es wäre schön, wenn man Folgebänden wieder ein Inhaltsverzeichnis spendieren könnte.

Kira Brennan passt das Schicksal ihrer fiktiven Protagonisten absolut perfekt in das reale historische Szenario um die damaligen irischen Provinzen und Könige ein. Der Leser begleitet die Angehörigen mehrerer irischer Familien, deren Wege sich immer wieder schicksalshaft kreuzen, durch die von Krieg, Machtbesessenheit, Intrigen, Verrat, Mord und Totschlag dominierte Zeit des Hochmittelalters und der anglonormannischen Invasion. Das Buch ist nichts für Zartbesaitete: die Beschreibungen von Grausamkeiten sind an der Tagesordnung, was aber schlicht und ergreifend daran liegt, dass das Leben damals grausam und von einem täglichen Überlebenskampf geprägt war, der heute kaum noch vorstellbar ist. Der Besitz und die Handhabung eines Messers konnten darüber entscheiden, ob man am nächsten Tag noch lebte. Und das nicht nur bei Männern.

Darüber hinaus gibt die Autorin vielfache und gut recherchierte Einblicke in das tägliche Leben der Menschen der einfachen Bevölkerung, die Schönheit und die raue Natur Irlands in Form von umfangreichen Beschreibungen, die ich persönlich – anders als andere Rezensenten –  an keiner Stelle zu ausschweifend oder überflüssig empfunden habe. Ohnehin benötigt man für ein Buch diesen Umfangs Zeit und gelegentliche Atempausen von Mord und Totschlag tun auch ganz gut.

Nicht überzeugt haben mich allerdings die Protagonisten des Buches, die alle recht eindimensional gezeichnet sind, da überwiegend negative oder psychisch grenzwertige Charaktereigenschaften im Vordergrund stehen. Es gibt keinen Hoffnungsträger, keinen klassischen “Helden”, der zur Identifikationsfigur taugt, ergo hat der Leser Niemanden mit dem er lacht, weint, mitleidet, für und auf den er hofft, sondern liest eher distanziert. Kleiner Spoiler: ich habe Riacán nicht unbedingt vermisst, als er hin gemeuchelt wurde, er hat die Geschichte weder bereichert, noch hat er gestört. Er war halt da und dann nicht mehr. Und genauso ging es mir mit den meisten Figuren. Es gibt keine wirklichen Entwicklungen und ausnahmslos ALLE zwischenmenschlichen Beziehungen sind geprägt von Egoismus, Hinterhältigkeit, Berechnung oder Abhängigkeit. Dankenswerter Weise gibt es auch keine kitschtriefende Liebesgeschichte mit Tragikpotential, aber irgendetwas Hoffnungsvolles, Positives zwischen diesen beiden Extremen hätte ich mir schon gewünscht.

Störend ist meiner Meinung nach auch die mit jedem Kapitel wechselnde personale Erzählperspektive von mindestens 7 Personen, das ist eindeutig zu viel für diese Perspektive. Ein wirkliches Eintauchen in die jeweilige Figur ist kaum möglich, denn kaum hat man sich  “eingelesen” und möchte als Leser zu dieser Figur eine Beziehung entwickeln, kommt das nächste Kapitel mit der nächsten Person. Bis die vorhergehende Person wieder dran kommt, ist viel Lesezeit und auch Zeit im Buch vergangen, man ist wieder bei Punkt Null.

Insgesamt waren es mir persönlich (!) nicht zu viele Personen, meine leichte Panik nach dem Lesen der 4 Seiten Personenverzeichnis war völlig unbegründet, ich musste während des Lesens auch nicht andauernd nachschlagen. Anders als andere Rezensenten hatte ich auch kein Problem mit den Namen, der eingangs beschriebene Kompromiss bezüglich der Namensschreibung hat für mich gut funktioniert. Ich kann aber beide Kritikpunkte gut nachvollziehen: mir selber geht es mit Namen in finnischer und besonders isländischer Schreibweise so, weshalb ich diese Bücher bedauerlicherweise nicht mehr lese. Ich würde also “Die Herren der grünen Insel” Niemandem empfehlen, der weiß, dass er damit ein Problem hat und ja: es sind wahnsinnig viele Personen. Wer damit schnell überfordert ist, sollte das Buch ebenfalls meiden.

Ich würde dem Buch, welches ja der Auftakt zu einer mehrbändigen Saga ist, bezogen auf mein Lesevergnügen 3 Sterne geben. Ich weiß allerdings nicht, ob ich in dieser Form überhaupt mehr davon lesen möchte: eher nicht. Aber aufgrund der stimmigen und historisch bis ins kleinste Detail genauen Rahmenhandlung, die eine wahnsinnig umfangreiche Recherche von der Autorin verlangt hat, gebe ich einen Extrastern.

Fazit: gut recherchiertes Historienepos mit vielen, leider blassen und farblosen Protagonisten.

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2 comments

  1. Neyasha -

    Viele Erzählperspektiven stören mich ja normalerweise nicht, aber was du sonst so über die Figuren schreibst, klingt ein wenig abschreckend. Das mit dem fehlenden Inhaltsverzeichnis fällt mir in letzter Zeit häufig bei Büchern auf und mich nervt das immer ziemlich (auch bei weniger umfangreichen Werken).
    Mit dem Kompromiss bei der Namensschreibung könnte ich vermutlich leben, da ich über die gälische Schreibweise nicht soviel weiß, aber ich kann auch verstehen, wenn das manche stört – mich persönlich würde so etwas nämlich wiederum bei isländischen Namen sehr stören, da es mir bei diesen auffallen würde.
    Vielleicht schau ich, ob es das Buch in der Bücherei gibt und lese dort mal rein.

  2. Devona -

    Das Buch ist gut lesbar, wie gesagt, ich motze da vielleicht auf sehr hohem Niveau. Ich hatte es mir nach den ersten Rezensionen echt zäher und bezüglich der Namen ( darüber beschweren sich Viele) echt anstrengend vorgestellt, war`s aber nun gar nicht. Wenn nicht die hohen Portokosten nach Ö wären, hättest Du es auch von mir haben können, aber das lohnt wohl nicht.
    Das fehlende Inhaltsverzeichnis ist wirklich extrem ärgerlich, sowas nervt mich auch. Ich würde lieber aufs Lesebändchen verzichten als darauf. Zumal ja das echt hübsche Lesezeichen dabei lag. Weiß nicht, was die Verlage sich da manchmal denken.

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