Für tot erklärt – Beck Weathers

Für tot erklärt: Meine Rückkehr vom Mount Everest – Beck Weathers

 

fürtoterklärtow

 

Erschienen: 27.05.2015 bei dtv-Sachbuch (Erstausgabe dtv 2003)
Autor/in: Beck Weathers

Klappentext: »Für den Tag, als ich auf dem Mount Everest starb, hatte meine Tochter Meg ihr erstes richtiges Rendezvous geplant. Was Väter alles tun, um ihre Töchter von den Jungs fernzuhalten.« Beck Weathers

Der 10. Mai 1996 war der tödlichste Tag am Mount Everest: In einem mörderischen Schneesturm kamen neun Bergsteiger um. Weathers erwachte als einziger wieder aus seinem Kältetod. Hier erzählt er selbst, was damals geschah und wie es soweit kommen konnte.

Er begann mit dem Bergsteigen, als er Mitte 30 war, und wollte mit dieser selbst verordneten Therapie sein Depressionen bekämpfen. Die Kosten dafür waren hoch: die zunehmende Entfremdung von Frau und Kindern. Die Ehe war eigentlich am Ende, als er in den Himalaya aufbrach. Doch seine Frau setzte alle Hebel in Bewegung, um ihn nach Hause zu bringen. Erst nach dieser dramatischen Wende und einer langen, qualvollen Zeit der Genesung begann für ihn die Auseinandersetzung und Versöhnung mit sich selbst und seiner Familie.

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Ich geb`s ja zu, ich hab so eine Macke. Alle halben Jahre packt er mich, der Everest. Nein, ich will da nicht hoch, ganz im Gegenteil (bin froh, wenn ich es ins Fitness-Studio schaffe und den Gedanken verdränge ich jetzt ganz schnell, weil es da derzeit echt mies aussieht). Aber irgendein Zeitungsartikel bringt mich in Abständen dazu, über den Everest zu lesen, zu grübeln und wieder mal endlich begreifen zu wollen, WARUM wer UNBEDINGT den Gipfel dieses Berges besteigen muss. Höchster Punkt der Welt, ja schon. Nur glaube ich, dass es auf dieser Welt andere Superlative gibt, an denen man sich abarbeiten kann, als in einer Umgebung, in der man gut und gerne sein Leben lassen kann. Nicht umsonst heißt die Zone über 8000 Meter Todeszone. Die Spezies Mensch kann dort nicht wirklich (über)leben. Während in früheren Jahren der bergsteigerische, sportliche Aspekt im Vordergrund stand (z.B. Messner, Habeler), ist der Everest heute mehr denn je Ziel kommerzieller Expeditionen, ein Tourismus-Spektakel für Jedermann in einer mit Müll und steif gefrorenen Leichen gepflasterten Eiswelt, in der nicht einmal mehr der Naturgenuss möglich ist. Menschen hangeln sich mittlerweile auf festen Routen an Seilen wie Lemminge auf den Gipfel, an Engpässen entstehen sogar Staus und nach wie vor kommt nur ein Teil lebend zurück. Dem Facebook-Foto am höchsten Punkt der Welt folgt keine zwei Stunden später der Tod durch Höhenkrankheit nach gerade mal 500 m Abstieg. Und in diesem ewigen Eis bleibt man dann Jahrzehnte liegen, während sich die nächsten Lemminge nach oben hangeln. Einige der Toten wurden so sogar zu Wegmarken, green boots zum Beispiel.

Beck Weathers war Teilnehmer der Katastrophen-Besteigung mehrerer Everest-Expeditionen vom Mai 1996. Erfahrene Bergführer wie Rob Hall und Scott Fischer, sowie viele ihrer Kunden ließen  unter teils dramatischen Umständen ihr Leben. Er gehörte zu einer Gruppe von vier Leuten, die im Schneesturm orientierungslos ausharrte und auf Rettung hoffte. Nur zwei der vier Bergsteiger konnten von anderen Teilnehmern unter Einsatz des eigenen Lebens gerettet werden, Beck Weathers und eine japanische Kletterin mussten zurück gelassen werden. Beide waren noch nicht tot, aber katatonisch. Warum Beck Weathers Stunden später nicht wie die Japanerin erfror, sondern aus seiner Starre erwachte und sich mit letzter Kraft ins Lager zurück schleppte, weiß Niemand, am Wenigsten er selbst. Er verlor “nur” Nase und beide Hände und behielt sein Leben. Er selbst bezeichnet diesen Tag als seine zweite Geburt.

Im Buch geht es weniger um die Erlebnisse am Everest, die nur als Eingangssequenz eher kurz abgehandelt werden, hierzu gibt es umfangreichere Literatur anderer Expeditions-Teilnehmer, u.a. von Jon KrakauerIn eisige Höhen. Das Drama am Mount Everest.“) oder Anatoli Nikolajewitsch Bukrejew (“Der Gipfel. Tragödie am Mount Everest“). Weathers hat sich -anders als die anderen Autoren- Zeit gelassen mit dem Schreiben des Buches, er brauchte Abstand. Es ging nicht mehr um den Berg, sondern vielmehr um die persönliche Aufarbeitung seines bisherigen Lebens, seines ERSTEN Lebens, in dem er sich mehr und mehr von seiner Familie -Frau und zwei Kindern- entfernte, um sich immer exzessiver dem Bergsteigen hinzugeben, welches schlussendlich zu einer Sucht für ihn wurde.

Beck Weathers beschönigt nichts, er bzw. sein Co-Autor lässt im Buch fast sein ganzes soziales Umfeld zu Wort kommen, um zu beschreiben, wie sein Leben unaufhaltsam dem entscheidenden Punkt am Everest zu driftete. Frau, Kinder, Freunde, Verwandte, Nachbarn, Kollegen schildern die Ehe und das Familienleben der Weathers aus ihrer jeweiligen Sicht. Alle, inklusive Beck selbst, sind der Ansicht, dass er ein rastlos Getriebener war, der durch seine exzessiven Hobbys ( das Bergsteigen war nicht das Erste, voran gingen Motorradfahren, Segeln und Amateurfunk) nach Anerkennung durch seine Mitmenschen schrie. Beck hatte seine erste Depression mit nicht einmal 20 Jahren, auf therapeutische Begleitung und Ursachenforschung verzichtete er: mit Mitte 30 stellte er fest, dass nur das Bergsteigen seine Depressionen in Grenzen halten konnte.

Beck Weathers beschreibt, wie er sich nach dem Unglück aktiv veränderte: ein Jahr Frist hatte seine Frau Peach ihm gegeben, die vor seinem Aufbruch zum Everest  entschlossen gewesen war, bei seiner Rückkehr die Scheidung einzureichen. Dieser Weg zu sich selbst war interessant zu lesen, auch Weathers Umgang mit sich selbst bezüglich der tiefgreifenden Folgen (Verlust von Gliedmaßen) des Everest-Trips nötigt Respekt ab, dieser Einschnitt in sein (auch berufliches)Leben erscheint ihm angesichts des Kampfes um den Erhalt seiner Familie von untergeordneter Bedeutung zu sein.

Fazit: Meine Frage, was genau nun Otto Normalverbraucher auf diesen Berg treibt, hat das Buch nicht beantwortet, denn zum einen hat Weathers (trotz der kommerziellen Expedition, der er sich angeschlossen hatte) schon eher einen sportlichen background als Bergsteiger und auch zahlreiche, einschlägige Erfahrungen, zum anderen sind Depressionen als Ursache für dieses Phänomen auch nicht besonders repräsentativ, denke ich. Trotzdem dürfte das Buch interessant sein für Leser, die gerne Biografien nicht ganz alltäglicher Leute lesen oder gerne tiefgreifende menschliche und sehr persönliche Entwicklungen verfolgen.

 

 

4 comments

  1. Neyasha -

    Mich packt er auch immer wieder mal, der Everest (nebst der Antarktis). ;-) Das Buch von Jon Krakauer habe ich gelesen und fand es sehr spannend – insofern ist mir auch Beck Weathers ein Begriff. Klingt auf jeden Fall nach einem interessanten Buch.

  2. Devona -

    Oh, dann wird es Dir gefallen! Krakauer steht als nächster auf meiner Liste, nebst Bukrejew (da gab es ja nach der 96er Expedition viel Zoff, weil die Schuldfrage hin und her geschoben wurde) und Dan Simmons mit der Irvine-Geschichte ist auch irgendwann mal noch dran ( “Der Berg”). Ich weiß nicht, was mich daran so fasziniert. Google war ja schon auf etwas über 5000 m, man kann da so eine virtuelle Tour machen. Tja. Keine 10 Pferde brächten mich da hin, es gibt so viele tolle Orte auf dieser Welt. Vielleicht hab ich aber auch einfach nur Angst und kann mir nicht vorstellen, dass andere keine haben. Wer weiß…. ;-)

  3. Neyasha -

    Für mich wär das auch nichts – aber lesend erlebe ich so etwas gern mit. ;-)
    Von Dan Simmons habe ich es mal mit “Terror” probiert, das ja passenderweise mein anderes Lieblingsthema Polarexpeditionen abdeckt. Leider hat mir das phantastische Element darin gar nicht gefallen, weil ich es schlichtweg überflüssig und unpassend gefunden habe.
    “Der Berg” reizt mich nun auch, aber ich befürchte, dass ich damit wieder ein ähnliches Problem haben könnte.

  4. Devona -

    Polarexpedition….da gibt es auch was von Krakauer oder war das Alaska? Ja, Alaska “In die Wildnis: allein nach Alaska” heißt das, hab grade nachgesehen. Kalt ist kalt :-), vielleicht ist das ja auch was für dich.
    Ich habe mich jetzt erstmal für Bukrejew entschieden, nachdem es doch einige nicht so positive Stimmen zu Krakauer gab. Rob Halls Witwe hat ihn “Abschaum” genannt, weil er dieses letzte Funkgespräch zwischen ihr und ihrem Mann wörtlich abgedruckt hat. Ich fand das beim Lesen über die Expedition auch extrem heftig. Bukrejew hat er angegriffen, obwohl dieser nachweislich 4 Leuten das Leben gerettet hat und später dafür ausgezeichnet wurde. Naja. Krakauer ist Journalist, hatte den Vertrag, über die Expedition zu schreiben und brauchte die Auflage. Aber irgendwann lese ich das bestimmt auch noch, der Vollständigkeit halber.

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