Widerrechtliche Inbesitznahme – Lena Anderssohn

Widerrechtliche Inbesitznahme – Lena Anderssohn

 

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Erschienen: 27.05.2015 bei Luchterhand
Autor/in: Lena Andersson

Klappentext: Wer verlässt, spürt keinen Schmerz. Wer verlässt, braucht nicht zu reden. Wer verlässt, ist fertig. Das ist der große Schmerz. Wer verlassen wird, muss dagegen bis in alle Ewigkeit reden. Und dieses ganze Gerede ist nur der Versuch, dem anderen zu sagen, dass er sich geirrt hat. Wenn er nur einsähe, wie die Dinge wirklich liegen, würde er sich nicht so verhalten, dann würde er den anderen lieben. Bei dem Gerede geht es nicht darum, sich Klarheit zu verschaffen, was der Redende behauptet, sondern darum, zu überzeugen und zu überreden.«

Ester Nilsson ist 31 Jahre alt. Sie ist Dichterin und Essayistin, eine vernünftige Person mit einer vernünftigen Beziehung. Eines Tages erhält sie den Auftrag, einen Vortrag über den Künstler Hugo Rask zu halten. Im Publikum sitzt der Meister höchstpersönlich, und danach treffen sie sich zum ersten Mal. Dieser Augenblick verändert alles. Eine auf den ersten Blick völlig harmlose, unverbindliche Kommunikation nimmt ihren Anfang, in deren Verlauf es zu einer Kette von Ereignissen kommt, die katastrophal für die liebesblinde Ester enden.

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Lena Anderson ist mit “Widerrechtliche Inbesitznahme” ein wunderbar intelligentes Buch über eine intellektuelle Frau, die Liebe im Allgemeinen und im Besonderen gelungen, welches auf sprachlich hohem Niveau fasziniert und dank Wertungsfreiheit auch ab und an lächeln lässt. Mit Sicherheit ein Buch, welches bei wiederholtem Lesen neue Facetten bietet.

Ester ist eine sympathische Protagonistin, hochintelligent, gebildet, als Dichterin von, mit und durch Sprache lebend, analytisch und reflektiert. Sie hat ihr Leben im Griff, bis sie Hugo Rask begegnet und sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Sie verliebt sich in den Künstler – die Idee, dass selbiger und der Mensch dahinter nicht unbedingt eine Personalunion bilden, kommt ihr nicht und liegt sicher auch anfänglichen außerhalb ihrer Wahrnehmungsfähigkeit. Ester selbst ist absolut und unbedingt, beseelt von der Suche nach Wahrhaftigkeit: diesen hohen Anspruch hat sie auch an andere Menschen.

In diesem Buch passiert nicht viel: ein paar Treffen zwischen Hugo und Ester nach dem Vortrag von ihr und nachdem sie von einer Freundin die Gelegenheit für ein in der Presse veröffentlichtes Interview mit ihm erhalten hat und ihn deshalb aufsucht. Diese Treffen sind zwar intensiv und inhaltsschwer: es geht um Kunst, Philosophie, Wissenschaft und Weltanschauung. Sie sind aber letztendlich auch sehr einseitig:

“Jedes Mal, wenn sie etwas kommentierte, kehrte Stille ein. Hugo bezog sich nie auf das, was Ester gesagt hatte. Ester bezog sich immer auf das, was Hugo gesagt hatte. Sie interessierten sich beide nicht sonderlich für Ester, aber sie interessierten sich beide sehr für Hugo.”

Und während Ester bereits lichterloh brennt, bekommt der Leser schon eine Ahnung, in welche Kategorie Mann Hugo gehört:

»Man sollte sich davor hüten, Gefühle zu schildern«, sagte Hugo. »Es geht doch immer nur darum, das Gegenüber so zu manipulieren, dass es das empfindet, was man es empfinden lassen will. Und das geschieht nicht, indem man die Gefühle zeigt, sondern indem man sie hervorruft. Was ganz andere Mittel erfordert.«

Ester flirtet nicht unter Einsatz typischer weiblicher Reize, Ester flirtet mit Sprache und Intellekt, jedes ihrer intensiven Gespräche ist für sie “erotisch aufgeladen”. Hugo ist und bleibt zwischenmenschlich unverbindlich. Und nach dreimaliger sexueller Begegnung war`s das dann für ihn. So wenig Lena Andersson auch über Hugo schreibt, so deutlich kann der Leser genau das spüren. Auch Ester spürt das, nur will sie es nicht wahr haben.

Zwischen ihnen herrschte eine absolute Kontaktlosigkeit, eine unbehagliche Entfremdung. Er saß neben ihr in einem öffentlichen Lokal, verleugnete sie also nicht. Er frühstückte mit ihr, wenn auch kärglich, am Morgen danach. Das hätte also ein Fortschritt sein müssen. Aber sie waren Fremde füreinander. Diese Begegnung war nur eine Form. Ihr fehlte der Inhalt, und sie war deshalb bis zum Bersten gefüllt mit einem anderen Inhalt.

Sie hatten in dem Moment, in dem ihre Körper einander berührten, aufgehört zu sprechen. Die Liebe braucht Wörter. Für einen kurzen Moment kann man dem wortlosen Gefühl vertrauen. Aber auf Dauer gibt es keine Liebe ohne Worte und keine Liebe mit nur Worten. Die Liebe ist eine hungrige Bestie. Sie lebt von Berührung, wiederholten Versicherungen und dem Auge, das in ein anderes Auge schaut.

Im Folgenden wird Esters Odyssee mit der rosaroten Liebesbrille beschrieben und zwar so gekonnt und fein nuanciert, dass es jedem Leser/in möglich ist, der schon mal unglücklich verliebt war, eine Stelle zu finden, an der er sich wieder erkennt. Und genau an diesen Stellen zaubert Lena Andersson uns ein Lächeln ins Gesicht, obwohl wir ansonsten schon mit Ester mitleiden oder uns zumindest gut in sie hinein versetzen können. Immer und immer wieder blockiert sie den eigenen Erkenntnisprozess, immer und immer wieder analysiert sie en Detail mit scharfem Verstand das eigene Fehlverhalten, nur um sich unmittelbar nach der Erkenntnis bewusst wieder falsch zu verhalten.

Sie WILL diese Liebe, sie WILL die Beziehung mit diesen Menschen, den sie eigentlich wegen seiner Unverbindlichkeit und Rückgradlosigkeit zutiefst verachtet. Hugo Rask ist es nicht einmal in der direkten Auseinandersetzung, die von Ester mehrfach zu endgültiger Klärung gesucht wird, möglich, eindeutig Stellung zu beziehen. Ester könnte mit einem klar ausgesprochenen “nein” einen Schlussstrich ziehen, Hugo vermeidet dieses klare “nein”, für ihn ist Ester Projektionsfläche. Sie muss sich alleine quälen, denn auch der mahnende “Freundinnenchor” verkündigt ihr doch nur, was sie längst weiß.

Folgendes hatte Ester Nilsson klar vor Augen:

Hugo Rask schuldete ihr keine Liebe. Es gab kein Recht darauf, geliebt zu werden.

Es gehörte zu einer einengenden Ehrenkultur, dass man Verpflichtungen erwarb, wenn man eine Frau umwarb oder mit ihr schlief, und noch mehr, wenn man nach dem ersten Beischlaf noch zu zwei weiteren Nächten in fleischlicher Gemeinschaft zurückkehrte. Und doch argumentierte sie auf diese Weise. Klar und deutlich sah sie, dass ihre Logik so funktionierte. Floh sie in eine alte und für ihr Ziel besonders untaugliche Geschlechterrolle, um mit ihrer Enttäuschung fertigzuwerden? Sollte sie nicht erhaben sein über diese törichten alten Vorstellungen von den männlichen Verpflichtungen gegenüber dem schwachen Geschlecht?

Ein langer Weg für Ester, großartig beschrieben von Lena Andersson. Ich habe mir noch nie so viel Leseeindrücke angestrichen wie in diesem Buch.

Fazit: ein großartiges Buch über Liebe, Hoffnung und Menschsein, absolut empfehlenswert!

 

 

 

 

 

10 comments

  1. Cookie -

    Schön, dass es noch Romane über die Liebe ohne das übliche Herz-Schmerz-Happy-End-Szenario gibt. Ich habe das Buch auch auf meinen Merkzettel genommen, in der Hoffnung, dass es irgendwann (ungekürzt) vertont wird.

  2. Devona -

    Ob da eine Vertonung lohnt,weiß ich nicht. Es ist ein schmales Bändchen (Hardcover) mit grade mal 224 Seiten. Aber wie wir ja wissen: nichts ist unmöglich. Ob ich das hören wollte, weiß ich auch nicht, eher nicht.

    Nee, nix Happy-End, es beschreibt die Sache so, wie sie ist: mit all den Absurditäten, die man dann völlig irrational veranstaltet, all dem verqueren Gefühlschaos und natürlich dem zwangsläufigem Aufschlag in der Realität. So wie wir das alle kennen.

  3. Cookie -

    Ich würde es eventuell als eBook kaufen, aber 15 Euro finde ich schon recht happig. Adele mit 14 übrigens auch. Gebunden lasse ich mir so Preise noch gefallen, aber nicht als eBook, das man nicht mal verschenken oder verkaufen darf.

  4. Devona -

    Das ist Wucher für beide Ebooks. 14 und 15 Euro, die hammse doch nicht alle. Wer soll denn das kaufen? Das Hardcover kostet 18,99, also 4 Euro mehr und ist wirklich hochwertig. Im Ebookbereich muss sich da echt was bewegen…

  5. Cookie -

    Argument der Verlage ist, dass die Kosten die gleichen sind, Ist ja auch okay. Aber dann sollen sie einem wenigstens die Möglichkeit einräumen, die Dinger über eine Plattform verhökern zu können. Da wird wieder aufgeschrien, dass sich eBooks im Gegensatz zu Taschenbüchern nicht abnutzen. Ich denke dann immer “Ja? Und? Dann verseht Dinger halt mit einer Sperre; nach fünf Verkäufen ist Schluss. Bei DRM geht’s doch auch!” Die sind dermaßen schwerfällig, das geht auf keine Kuhhaut. Wenn die nicht aufpassen, werden denen die Selfpublisher irgendwann das Wasser abgraben.

  6. Devona -

    Es geht ja nicht nur um`s Verkaufen. Ein Buch kann ich auch verschenken (ich verschenke aus Platzgründen wahnsinnig viel, alles was Lesefastfood ist, geht raus), ich weiß nicht, WIE VIELE Leute ein- und dasselbe Buch beim Bookcrossing in die Hand bekommen. Ein Buch kann ich auch VERLEIHEN. Natürlich gibt es da technische Möglichkeiten. Von CD`s oder z.B. auch Computerspielen darf ich zumindest auch eine Sicherungskopie anfertigen.

    Wobei die Selfpublisher da schon noch einige Zeit graben müssen. Zu unberechenbare Qualität für den Käufer, es kann ja Jeder so ziemlich Alles mit 3 Mausklicks bei Amazon veröffentlichen. Abgründe sag ich nur….ich hab weder Zeit noch Lust, mich da jedes Mal durchzuwühlen. Aber die Herrschaften werden lernen, fürchte ich.

  7. Sylvia Meywerk -

    Hallo Devona, ich habe es auch auf meine Liste gesetzt, weil es mich magisch anzieht.
    Hallo Cookie, dass E-Books in der Herstellung genauso viel kosten wie ein gedrucktes Buch, ist nicht richtig. Natürlich ist das Lektorat das gleiche und wahrscheinlich einer der größten Posten des Verlags, aber auch der Druck ansich ist selbstverständlich eine nicht unerhebliche Kostenfrage, es sei denn, es werden gleich mehrere tausend Exemplare in Auftrag gegeben, was mich bei so einem Buch wundern würde. Also werde ich mit dem Rücken der Widerrechtlichen Inbesitznahme mein Regal schmücken, wenn auch der restliche Text mich in seinen Bann zieht.
    Liebe Grüße

  8. Devona -

    Ich denke, Cookie hatte die Argumentation der Verlage für die Ebookpreise angeführt, sie selber dürfte (so wie ich auch) nicht der Meinung sein, dass das so ist, denn wie Du selber sagst: auch der Druck kostet. Und der fällt bei einem Ebook flach=Kostenersparnis. Und 15 Euro Ebook zu 19 Euro Hardcover stehen halt in keinem Verhältnis zum Gegenwert. Denn letztendlich ist daS Ebook ohne das entsprechende VOM LESER zu finanzierende Gerät überhaupt nicht nutzbar. Dafür sind die Ebookpreise derzeit zu hoch.

    Mit dem Buch selber wirst du nichts verkehrt machen, das gefällt dir bestimmt. Es ist auch vom Umfang her stimmig, auf 700 Seiten ausgewalzt wäre das Thema sicher überstrapaziert und nur noch mäßig interessant, aber so paßt das schon alles perfekt.

  9. Cookie -

    Da gibt es irgendeine EU-Richtlinie, dass ein eBook als Software gilt und deswegen nicht verliehen werden darf. Geht völlig am Verbrauher vorbei, aber das ist denen egal. Eine Sicherungskopie darf (und kann) man für sich herunterladen. ;-)

    Die meisten eBooks sind tatsächlich für die Tonne; da stimme ich Dir zu. Aber es gibt auch einige erfolgreiche Selfpublisher, z.B. Emily Bold, Hanni Münzer, Nika Lubitsch oder Alexander Hartung. Bei Amazon bekommen die – je nach Verkaufpreis – 30% oder 70% (abzgl. einer kleinen Provision), bei einem Verlag zwischen 0,8% und 1,5%.Da dürfte die Entscheidung nicht schwer fallen. :D

  10. Cookie -

    Hallo Sylvia, wenn ich mit einem eBook machen könnte, was ich wollte, würde ich einen Preisunterschied von vier oder fünf Euro zur gedruckten Version akzeptieren. Da ich diese Möglichkeit aber nicht habe, steht das, was ich zahlen soll, in keinem Verhältnis zu dem, was ich dafür bekomme. Ich denke, die Verlage bremsen den eBook-Markt bewusst aus, um ihre Pfründe zu sichern. Ob sie damit Erfolg haben, wird die Zukunft zeigen.
    LG, Cookie

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