Finstere Orte – Gillian Flynn

Finstere Orte – Gillian Flynn

finstereorte

Hörbuch erschienen am 10.02.2010 bei derHörverlag
Laufzeit: 6 Stunden und 53 Minuten (gekürzte Fassung)
Autor/in: Gillian Flynn
Sprecher/in: Anna Thalbach, Adam Nümm

Klappentext: Sie war sieben, als sie in die kalte Nacht hinauslief und sich versteckte. Als ihre Mutter und ihre beiden Schwestern umgebracht wurden. Als ihre Zeugenaussage ihren Bruder für immer hinter Gitter brachte. Jetzt, 20 Jahre später, ist aus Libby Day eine einsame Frau geworden. Doch inzwischen gibt es Leute, die an der Schuld ihres Bruders zweifeln. Libby muss noch einmal ihre Vergangenheit aufrollen: Ihre Erinnerungen bringen sie in Lebensgefahr – so wie damals.
Der Text ist von Gillian Flynn, aber die Stimme, die ihn tief unter die Haut jagt, ist die Stimme von Anna Thalbach, die so gemeinsam mit Adam Nümm einen Hörgenuss erster Güte schafft.

[wp-review]

“Finstere Orte” wurde hörtechnisch stark in Szene gesetzt und zumindest bei mir ist das Konzept voll aufgegangen. Eine grandiose Anna Thalbach, die ich schon mehrfach als Ausnahmesprecherin wahr genommen habe, wechselt sich beim Lesen mit dem stimmlich gut zu ihr passenden Adam Nümm ab, was dem Hörbuch Dynamik verleiht und kleine Längen zuverlässig kaschiert. Sie beherrscht eine wahnsinnige Bandbreite stimmlicher Darstellungsmöglichkeiten von “leise-schüchtern” bis “verraucht-rotzig”, die sie gezielt und punktgenau einsetzt. Ich glaube nicht, dass man mit irgendeinem von Anna Thalbach gelesenem Hörbuch etwas verkehrt macht.

Auch die unterschiedlichen Erzählformen verleihen der Handlung Abwechslung: während Anna Thalbach die Libby-Passagen im Jetzt in der Ich-Form liest, werden im Wechsel dazu die in der Vergangenheit liegenden Abschnitte von Adam Nümm in der personalen Erzählform -wechselweise aus Pattys und Bens Sicht- vorgetragen. Ich habe das insgesamt als sehr stimmig empfunden, obwohl dem Hörbuch eine der Druckversion gegenüber gekürzte Fassung zugrunde liegt.

Die Grundstimmung von “Finstere Orte” ist durchgängig düster und teilweise bedrückend, was  zum Einen an den umfangreichen Milieustudien in der Vergangenheit liegt – Patty muss als völlig verarmte und alleinerziehende, ewig an sich zweifelnde Farmersfrau in den 80ern 4 Kinder groß ziehen, die aufgrund der ärmlichen Herkunft schon bei ihrer Geburt im sozialen Abseits stehen und deren Vater Runner ein Spieler und Trinker ist, von dem Patty sich getrennt hat – zum Anderen ist auch die Beschreibung der gegenwärtigen Situation, in der Libby perspektiv- und antriebslos vor sich hin vegetiert, eher völlig destruktiv. Keine der Hauptpersonen taugt zum Sympathieträger für den Leser, auch das fand ich sehr spannend.

Die Handlung von “Finstere Orte” beginnt an dem Punkt, an welchem Libby -mittlerweile 31 Jahre alt- das Geld ausgeht, von dem sie bisher lebte: Spenden mitleidiger Menschen für die kindliche Überlebende eines Familien-Massakers. Libby ist aber nun nicht mehr sieben, es sind 24 Jahre vergangen und es geschehen neue Familientragödien, es gibt neue Kinder, mit denen man Mitleid haben kann. Libby hat nichts gelernt, nie gearbeitet, ihre Meinung von sich selber tendiert gegen Null, sie ist komplett antriebslos, sich ihrer eigenen Nutzlosigkeit aber durchaus unsentimental bewusst.

Libby beschließt das Angebot eines etwas bizarren Fanclubs für diverse Morde und Verbrechen anzunehmen, dessen Mitglieder an die Unschuld ihres Bruders glauben und die ihr Geld bieten, wenn sie die Familientragödie neu aufrollt. Nur um des Geldes Willen fängt sie lustlos an, zu recherchieren und lässt sich sogar auf einen Besuch bei Ben im Gefängnis ein, obwohl sie ihn nie wiedersehen wollte. Bald geht es aber nicht mehr nur um Geld, da auch Libby spürt, dass ihr Bruder nicht der Schuldige ist. Von da an erhält die Handlung einen Schub, denn Libby wird aktiv und streift die Lethargie nach und nach von sich ab. Sie will der Wahrheit nun unbedingt auf die Spur kommen.

Parallel zu Libbys Ermittlungen werden in den Rückblenden die letzten 24 Stunden von Patty und ihren Kindern rekonstruiert. Nur hier ist die Wahrheit zu finden, denn wiewohl Libby in der Gegenwart alle unmittelbar Beteiligten findet und hartnäckig zur Rede stellt, ist schnell klar, dass Keiner ihr die volle Wahrheit sagen mag: selbst Ben und ihr mittlerweile völlig dem Alkohol verfallener Vater Runner schweigen. Und so kann dann nur der für Libby gefährliche Showdown Aufklärung bringen. Vergangenheit und Gegenwart werden schlüssig zusammen geführt. Keiner der Protagonisten ist am Ende irgendwie sympathischer geworden, allenfalls Libby kann man etwas wohlwollender betrachten. Sie hat diese Sache für sich abschließen können und lässt den Leser -beginnend mit der Versöhnung mit ihrer Tante Diane- in der Hoffnung auf einen weiteren positiven Lebensweg doch recht zufrieden zurück.

Fazit: „Finstere Orte“ überzeugt mit einer interessant strukturierten Handlung mit durchweg negativen, aber glaubwürdigen  Charakteren und ist brillant gelesen. Anfangs etwas zäh, gegen Ende durchaus rasant. Empfehlenswert für Krimi- und Thrillerfans.

 

2 comments

  1. Neyasha -

    Das klingt interessant – ich behalte das mal im Hinterkopf. Ich habe ja ein Faible für Krimis, in denen ein lange vergangener Fall wieder aufgerollt/ans Tageslicht gebracht wird. Momentan habe ich allerdings nicht wirklich Lust auf negative Charaktere, aber das ändert sich bestimmt auch wieder. ;-)

  2. Devona -

    Ich fand sowohl das Konzept des Buches als auch die Hörbuchumsetzung interessant. Das Buch kommt komplett ohne Ermittlungen irgendwelcher Behörden aus, bzw. wird das natürlich randmäßig erwähnt, mehr aber auch nicht. Und düstere Stimmungen mag ich auch ab und an…paßt jetzt gut zum Wetter und ich höre meist draußen, wenn ich unterwegs bin.

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