Spiegelgrund

Spiegelgrund

 

Unbenannt

 

Erschienen: 14.05.2013 bei Ueberreuter-Sachbuch
Autor/in: Johann Gross

Klappentext: Als 10-Jähriger gerät der Autor in die Fänge von NS-Erziehungsanstalten. Am Wiener „Spiegelgrund“ begegnet er seinem gefürchteten Namensvetter Dr. Heinrich Gross.
Ohne Sentimentalität oder Selbstmitleid schildert Johann Gross, was er erlebt, erlitten und gesehen hat, berichtet von der Grausamkeit der Ärzte und des Personals, aber auch von Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft, die ihm von Kameraden und Außenseitern zuteil wurden.
Christine Nöstlingers berührendes Vorwort schildert den Menschen Johann Gross, Dr. Wolfgang Neugebauer, früherer Leiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes, liefert in einem Nachwort den zeitgeschichtlichen Hintergrund.

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Jeder kennt den Begriff “Euthanasie”. Dass es im Dritten Reich eine spezielle “Kindereuthanasie” mit ebenso speziellen Einrichtungen gab, war mir jedoch neu. Die “Jugendfürsorgeanstalt” und “Nervenheilanstalt für Kinder” auf dem Anstaltsgelände der Heil- und Pflegeanstalt „Am Steinhof“ in Wien, genannt “am Spiegelgrund” zählte von 1940-1945 zu den berüchtigtsten Anstalten dieser Art und ist zum Sinnbild für verbrecherische und menschenverachtende NS-Medizin und Erziehung geworden.

In die „Jugendfürsorgeanstalt am Spiegelgrund“ wird Johann Gross erstmalig eingewiesen, nachdem diverse Erziehungsversuche im »Hyrtl’schen Waisenhaus« in Mödling an ihm offenbar keine Wirkung zeigten. In Mödling wurde der Junge ein knappes Jahr vorher kaum zehnjährig eingeliefert, nach einer Odyssee in Pflegefamilien –in denen er gut behandelt wurde und wo es ihm gefiel- und der anschließenden Rückkehr zum leiblichen, asozialen Vater. Sein „Vergehen“ bestand darin, nach einer HJ-Sammelaktion, zu der die Kinder verdonnert wurden, die Sammelbüchse aufzubrechen, um mit einem Teil des Geldes zurück zur „Hedi-Tant“ zu fahren, der letzten Pflegefamilie, in der er sich wohlgefühlt hatte. Als die Familie beim Jugendamt Hilfe sucht, um den Jungen zurück zu bekommen, weil der verantwortungslose Vater nicht einmal genug zu essen für den Jungen hat und die schmale staatliche Stütze vertrinkt, wird der Junge verhaftet.

Johann Gross ist kein Geschichtenerzähler, das Buch kein Roman. Es ist der Augenzeugenbericht eines Betroffenen, der in einfachen Worten über das Unsägliche berichtet, was Kindern in diesen Einrichtungen angetan wurde. Allein diese Schlichtheit der Worte, die Selbstverständlichkeit mit der er völlig selbstmitleidfrei beschreibt, ist erschütternd. Zuweilen meint man sogar einen kleinen Hauch spitzbübischer Ironie zu vernehmen:

Du bist hier bei uns, damit wir einen ordentlichen Menschen aus dir machen! Wir sind schon mit ganz anderen fertig geworden, und solltest du nicht parieren, wir werden dir schon Mores lernen.“ Nun, ich hab nicht gewusst, was »Mores« ist, und ich glaube, sie haben es mir auch nicht recht beigebracht.

Über die gesamte Zeit seiner Haft –man kann es nicht anders nennen- läuft Johann bei jeder sich bietenden Gelegenheit davon, ohne Vorbereitung, ohne nachzudenken, immer und immer wieder nutzt er jede noch so kleine Chance, selbst im Winter mit dünner Jacke und kurzen Anstaltshosen. Während bei den ersten Malen nur die Verzweiflung eines eingesperrten Kindes spürbar ist, ist es beim jugendlichen Johann die pure Rebellion, seine Art des aktiven Widerstandes gegen ein unmenschliches System. Ihm ist bewusst, dass er dem System nicht entkommt, dass er wieder eingefangen und eingeliefert wird, er kennt die Strafen, die ihn erwarten. Es ist die einzige Möglichkeit für ihn, nicht zu zerbrechen.

Und dann kam eine Frage, die ich schon lange erwartet hatte: »Und warum läufst du immer wieder davon?« Nun, ich war sicher, dass ich meiner Strafe nicht entgehen konnte, und so nahm ich mir auch kein Blatt vor den Mund und sagte: »Weil ich nicht hier sein will und mich von euch nicht quälen lassen will!« Einer von den Ärzten entgegnete mir salbungsvoll: »Niemand wird hier gequält, niemand bekommt hier eine Spritze, wenn er sich an die Regeln hält und sich in die Gemeinschaft eingliedert.« Nun wurde ich ein wenig lauter. »Ich will diese Gemeinschaft nicht, auch nicht eure Regeln! Ich will keine versperrten Türen und Fenster und ich will nicht immer nur in Reih und Glied gehen müssen! Und wenn ich einmal pinkeln muss, möchte ich nicht erst immer um Erlaubnis bitten müssen!« Schön langsam redete ich mich in eine Wut hinein, sodass mir die Folgen im Augenblick Wurscht waren. »Ich bin ins Heim gekommen wegen einer Scheiß-Sammelbüchse, eigentlich nicht mal das, wegen einem Stück Rosswurst! Meine Schulden habe ich hier schon längst bezahlt, also gebt mir doch endlich meine Ruh!« Zum Schluss hab ich schon ziemlich geschrien, es war zum ersten Mal, dass ich einmal meine Meinung sagen konnte. »Und jetzt möcht ich zurück in die Strafgruppe, damit ich das alles bald hinter mir habe.«

Die Strafmaßnahmen bestanden in sogenannten „Speib-Spritzen“, die entweder 24-stündiges Erbrechen und Magen-Darm-Krämpfe auslösten oder -direkt in den Oberschenkel injiziert- brennende Schmerzen und anschließende Lähmungserscheinungen zur Folge hatten. Der Tortur wurde Johann nach jedem Fluchtversuch gewaltsam unterworfen.

Bemerkenswert war die Solidarität der Kinder untereinander und auch auf der Flucht wurde Johann viel Hilfe zu teil, meist sogar von ihm unbekannten Personen, die ihm Essen oder einen Schlafplatz zur Verfügung stellten.

Als Deutsche hatte ich ein paar Probleme mit diversen österreichischen Begriffen, aber da hilft google und so wirklich wichtige Vokabeln waren es auch nicht, manches konnte man sich auch logisch herleiten.

Das Buch wird abgerundet durch ein schönes, menschliches und sehr emotionales Vorwort von Christine Nöstlinger und einem sachlich fundierten Nachwort von Wolfgang Neugebauer, welches ich dem Leser unbedingt ans Herz lege. Man erfährt hier –nicht ohne sehr bitteren, traurigen Beigeschmack- viel über den weiteren Lebensweg der Kinder aus den Strafanstalten der Nazis, die quasi 1945 als „Asoziale“ in die Nachkriegsverwaltung übernommen und im weiteren Verlauf kaum als Opfer wahrgenommen wurden. Einmal asozial, immer asozial, da nützt auch der Zusammenbruch eines Systems nichts. Diese Kinder waren stigmatisiert.

Jahrzehnte haben die Opfer vom Spiegelgrund geschwiegen; sie haben es nicht gewagt, mit ihren Berichten an die Öffentlichkeit zu treten, weil sie – vom NS-Regime als »asozial« oder »kriminell veranlagt« abgestempelt – auch nach 1945 diskriminiert wurden und zusehen mussten, wie ehemalige Nationalsozialisten und NS-Täter Karriere im Nachkriegsösterreich machten. 

Verbrecher wie Dr. Heinrich Gross hingegen entwickelten sich nach dem Krieg zu hoch angesehenen Mitgliedern der österreichischen Gesellschaft. Die den im Spiegelgrund ermordeten Kindern entnommen Gehirne benutzte der Arzt zu umfangreichen Forschungen, die ihm bis in die 90er Jahre viel Anerkennung einbrachten. u.a von der Theodor-Körner-Stiftung. Erst im Jahr 2000 sollte dem mittlerweile 84-Jährigen der Prozess (der Artikel hat`s in sich!) gemacht werden. Gross wurde allerdings für “verhandlungsunfähig” erklärt, der Prozess “auf unbestimmte Zeit” verschoben…

Ich empfehle das Buch Jedem, der sich für unsere jüngere Vergangenheit zur Zeit des Dritten Reiches und für Aufklärung interessiert und würde es auch als Schullektüre gut finden, da es durchaus für Kinder ab einem Alter von 11-13 verständlich sein dürfte.

 

Danke fürs Teilen!

3 comments

  1. Neyasha -

    Ich war voriges Jahr am Steinhof und habe mir dort auch die Ausstellung über den Spiegelgrund in der NS-Zeit angeschaut, die sehr informativ, aber auch sehr erschreckend war. Falls es dich interessiert – hier habe ich ein wenig über den Steinhof berichtet: http://neyasha.blogspot.co.at/2014/02/wiener-streifzuge-steinhofgrunde.html

    In der Ausstellung gab es auch einige sehr aufwühlende Briefe und Schilderungen von Augenzeugen. So interessant das Buch klingt – ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich dem gewachsen bin. Am stärksten haben sich mir im Gedächtnis mehrere Briefe einer Mutter eingebrannt, die versucht hat, ihr behindertes Kind wieder zurückzubekommen (das dann letztendlich dort gestorben ist).
    Dass so viele Ärzte mit ihren Verbrechen davongekommen sind und teilweise nachher sogar Karriere machten, hat mir auch schlicht die Sprache verschlagen. Und dass Heinrich Gross bis zum Tod nicht dafür verurteilt wurde, ist ein absolutes Armutszeugnis für die Regierung.

  2. Devona -

    Ich schaue mir das bei Dir auf jeden Fall an, Danke für den Hinweis. Das Buch selber kannst Du bestimmt lesen, er schreibt wirklich sehr einfach und so völlig “normal” über diesen Wahnsinn. Mich hat das ganze Drumherum- so wie dich wahrscheinlich diese Ausstellung- geflasht. Nach dem Lesen des Nachworts habe ich gegoogelt und da haben sich wirklich Abgründe aufgetan- ich glaube, das mit der Mutter, die versucht hat, das Kind wieder zu bekommen, habe ich auch gelesen, die ist sogar direkt nach Berlin gefahren. Furchtbar. Ich war auch wirklich zum ersten Mal mit dieser Thematik konfrontiert. Richtig mitgenommen hat mich dann die Nachkriegsgeschichte. Statt die Leute zu entschädigen und ihnen ein völlig normales Leben zuzugestehen, sind sie weiter gedemütigt worden, während Nazis groß Karriere gemacht haben. Das gibt einem schon zu denken.

  3. Neyasha -

    Ja, genauso ging es mir auch! Ich war auch zum ersten Mal so richtig mit speziell dieser Thematik konfrontiert und völlig schockiert von dem ganzen Rundherum – besonders auch der Nachkriegsgeschichte.
    Da haben wir sicher über dieselbe Mutter gelesen, denn daran, dass sie direkt nach Berlin gefahren ist, kann ich mich auch noch erinnern.

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