Racheherbst – Andreas Gruber

Racheherbst – Andreas Gruber

 

racheherbstow

 

Erschienen:14.09.2015 bei Goldmann
Autor: Andreas Gruber

Klappentext: Unter einer Leipziger Brücke wird die verstümmelte Leiche einer jungen Frau angespült. Walter Pulaski, zynischer Ermittler bei der Polizei, merkt schnell, dass der Mord an der Prostituierten Natalie bei seinen Kollegen nicht die höchste Priorität genießt. Er recherchiert auf eigene Faust – an seiner Seite Natalies Mutter Mikaela, die um jeden Preis den Tod ihrer Tochter rächen will. Gemeinsam stoßen sie auf die blutige Fährte eines Serienmörders, die sich über Prag und Passau bis nach Wien zieht. Dort hat die junge Anwältin Evelyn Meyers gerade ihren ersten eigenen Fall als Strafverteidigerin übernommen. Es geht um einen brutalen Frauenmord – und eine fatale Fehleinschätzung lässt Evelyn um ein Haar selbst zum nächsten Opfer werden …

[wp-review]

Jaja, der Gruber, der kann das schon mit dem Thriller-Schreiben. Dummerweise hat er mit dem freakigen Ermittler Maarten S. Sneijder die Messlatte für sich selber soooooo hoch gelegt…aber Spaß beiseite, ich versuche mal, diesen Umstand außen vor zu lassen. Maarten S. Sneijder kann nur außerhalb jeglicher Konkurrenz laufen.

Bemerkenswert ist zunächst die Qualität dieser Taschenbuchausgabe von „Racheherbst“, die zum Einen optisch sehr ansprechend ist, zum Anderen nach einmaligem Lesen das Buch wie komplett neu aussehen lässt. Da habe ich schon andere Sachen erlebt: ich lese extrem vorsichtig, trotzdem sehen manche Buchrücken von Taschenbüchern nach dem ersten Lesen bereits furchtbar aus.
Gruber schreibt rasant- aber nicht zu rasant, er liebt weit verzweigte Handlungen- die aber nicht wirr sind. Mir persönlich gefällt seine Art, zwei zunächst völlig unabhängig voneinander aufgezogene Handlungsstränge aufeinander zulaufen zu lassen und schlussendlich sauber zu verbinden. Das beherrscht er wirklich gut. Auch der „EU-Gedanke“ hat was: meist spielen seine Thriller in einem Teil Deutschlands und in Wien.

Der Klappentext macht neugierig, nach Lesebeginn ist man sofort mitten im Geschehen und nach nicht allzu vielen Seiten kennt man auch den Täter, es ist also ein typisches „howcatchem“ Werk – das nur nebenbei für Leser, die diese Art Buch nicht mögen. Wer Gruber kennt, weiß, dass Spannung garantiert ist. Ich habe das Buch an einem Tag mit nur kurzen Unterbrechungen ausgelesen.
In verschiedenen Blogs habe ich gelesen, man solle den Vorgänger von „Racheherbst“ („Rachesommer“) lesen, um besser mit Walter Pulaski und Evelyn Meyers zurecht zu kommen. Hm. Kann man vielleicht, muss man nicht, ich hatte nicht den Eindruck, dass mir da irgendwas entgangen wäre. Walter Pulaski ist ein stinknormaler Polizei-Beamter, welcher der Familie zuliebe auf eine große Karriere bei der Kripo verzichtet hat und nun im KDD (Kriminaldauerdienst) tätig ist, der evtl. Mordfälle als erster am Tatort aufnimmt, alles weitere veranlasst und dann an die Kripo übergibt. Eigentlich hat er mit dem weiteren Verlauf der Fälle dann nicht mehr viel zu tun. Wenn da nicht Mikaela wäre…die Mutter der ermordeten Natalie.

Evelyn Meyers ist eine aufstrebende Anwältin am Karrierebeginn. Und da können schon mal böse Fehler bei der Einschätzung von Klienten passieren…da Meyers aber nicht dumm ist, weiß sie spätestens nach der persönlichen und tragischen Involvierung ihres Freundes in den Fall, was die Glocke geschlagen hat.
Soweit passt alles ganz gut, jetzt kommt aber das große ABER. Mit der Figur Mikaela konnte ich mich überhaupt nicht anfreunden. Mikaela ist eine in Deutschland lebende tschechische Mutter, deren Töchter weggelaufen sind, weil sie nach dem Tod des Vaters die zweite Ehe ihrer Mutter mit einem deutschen (etwas windigem und vom Dienst suspendierten) Kripobeamten nicht mehr ertragen konnten, da er Mikaela schlägt. Genau ein Jahr nach dem Weggang wird die Leiche der älteren Tochter – Natalie, mittlerweile drogenabhängig und als Prostituierte tätig- gefunden. Mikaela will im Alleingang die jüngere Tochter und vor Allem den Mörder von Natalie finden. Zunächst mehr oder weniger unfreiwillig wird Pulaski durch sie in die Sache hinein gezogen, will sie von ihrem Rachetrip abbringen. Als das nicht gelingt und er realisiert, dass der Tod von Natalie kein Unfall war, schließt er sich Mikaela an, nicht zuletzt auch deshalb, um die völlig unreflektiert agierende Frau vorm völligen Eskalieren zu bewahren.

Das gelingt ihm allerdings überhaupt nicht, denn obwohl die Beiden immer wieder Absprachen über ihr gemeinsames Vorgehen treffen, zeigt Mikaela nur unsympathische Charakterzüge: sie belügt, betrügt und bestiehlt ihn. Ist es zunächst nur die Ermittlungsakte, steht Pulaski später im Ausland ohne Auto da, sie klaut ihm kurzerhand die Autoschlüssel aus der Jacke, die er in einem Restaurant über dem Stuhl hängen lässt, als er zur Toilette geht. Och neeeee, bitte. Trotz der ersten negativen Erfahrungen vertraut er ihr immer wieder komplett, was für einen im Umgang mit Menschen erfahrenen Beamten wie Pulaski unglaubwürdig ist, der dürfte schon ein wenig abgebrühter sein. Ebenso unglaubwürdig ist Mikaelas Express-Mutation vom verprügelten Hausputtelchen zur hasstriefenden Rache-Amazone, ermordetes Kind hin oder her. Hier hat Gruber keine Balance hinbekommen.

Ausgefeilt und äußerst bizarr ist im Gegenzug dazu der Täter bzw. dessen Handeln dargestellt, hier dürften Thriller-Fans auf ihre Kosten kommen. Die Kapitel mit den wechselnden Schauplätzen, sind nie zu kurz oder zu lang, die Spannung bleibt so auf einem hohen Level. Den Umstand, dass Pulaski (trotz geklauten Autos) minutiös zum Showdown in Wien aufschlägt, werte ich als dem Plot geschuldet, irgendwie muss man ein Buch ja auch flüssig zum Ende bringen. Insgesamt ist „Racheherbst“ ein Pageturner in gewohnter Gruber-Qualität, der nicht viele Wünsche offen lässt. 4 Sterne, weil Mikaela so gar nicht ging, aber ansonsten Daumen hoch!

Und nun wieder einen Maarten S. Sneijder :-), der sich mit Sabine Nemez kabbelt…

Danke fürs Teilen!

Leave Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld.

*

Zustimmung zur Datenspeicherung gemäß DSGVO.