Im Augenblick des Todes – Vincent Kliesch

Im Augenblick des Todes – Vincent Kliesch

 

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Taschenbuch erschienen 08/15 bei Blanvalet
Autor: Vincent Kliesch

Klappentext: Kommissar Severin Boesherz genießt gerade seinen Spaziergang am Schlachtensee, als ein mysteriöser Mann in einer Limousine vorfährt, sich als »Ismael« vorstellt und Boesherz zu einem Ausflug einlädt. Die Fahrt endet am Tatort eines bestialischen Mordes: Ein Arzt sitzt skalpiert und ausgeweidet in seiner eigenen Praxis. Bei dem Mord handelt es sich um die exakte Kopie des einzigen Verbrechens, das Boesherz nie aufklären konnte. Offenbar will der Täter dem Kommissar gezielt eine Botschaft übermitteln – und es soll nicht die einzige bleiben. Boesherz weiß: Er muss das Rätsel lösen, bevor seine eigene Vergangenheit ihn einholt …

 

[wp-review]

Was hab ich mich gefreut. Ein Berliner Autor, ein Thriller, der in Berlin spielt. In den Straßen der eigenen Stadt Verbrecher jagen…

Was bin ich enttäuscht. Vincent Kliesch ist nun nach Fitzek der zweite schreibende Berliner, der meinen Leseweg definitiv nicht mehr kreuzen wird. Und ich hab`s bereits nach den ersten Seiten gewußt…ich geb mir selber 5 Sterne, weil ich das Buch fertig gelesen habe. Das war echt harte Arbeit.

Ich verlange keine 100%ige Realitätsnähe, jeder Autor darf sich im Rahmen der künstlerischen Freiheit auch mal mit realitätsfernen Szenarien austoben, nur: HALBWEGS glaubwürdig sollte es sein. Oder zumindest vorstellbar. Diese Glaubwürdigkeit geht hier schon im ersten Kapitel flöten: man stelle sich den Hauptkommissar eines Morddezernates in einer Stadt wie Berlin vor, wo Gewalt, Verbrechen, Delikte an der Tagesordnung sind. Der sitzt an einem freien Tag im Park auf der Bank und liest Zeitung. Berlin ist auch ein großer Freak-Pool, mag sein, daß da irgendwer Unbekanntes kommt und den Herrn Hauptkommissar zu einer Überraschungsfahrt im Auto einlädt. Ja, es gibt hier jede Menge schräge Vögel. Ich glaube aber nicht, daß ein ernstzunehmender Gesetzeshüter mit massenhaft einschlägigen Erfahrungen sich auf so einen Schmarrn einläßt und ohne irgendwelche Absicherung so mir nichts dir nichts zu einem Fremden ins Auto steigt, nur weil der ihm irgendwas in Aussicht stellt, was auch nicht näher definiert wird. Nee. Sorry, für mich nicht im Ansatz vorstellbar. Die “steig-nicht-zu-Fremden-ins-Auto” Regel ist eine der ersten und eindringlichsten, die wir in unserem Leben lernen und besonders ein Hauptkommissar sollte wissen, wie wichtig die ist. Der steigt aber ein…

Immerhin muss man Vincent Kliesch zu Gute halten, daß die Unglaubwürdigkeit von der ersten bis zur letzten Zeile konsequent beibehalten wird. Die ganze Handlung von “Im Augenblick des Todes” ist dermaßen hanebüchen und konstruiert, daß man irgendwann nur noch ungläubig den Kopf schüttelt. Seine Hauptfigur ist ein unsympathischer klassikhörender und rotweintrinkender Egomane (so teilweise besser in diverser Thriller-Literatur schon mehrmals dagewesen, auch auf internationalem Parkett), ein wandelndes Baukasten-Klischee, der “anders ist als andere”, irgendwie ist er hochbegabt und wird deshalb nur von wenigen Menschen verstanden, worunter er angeblich leidet.

Besonders nervig ist, daß sich der Leser diese Figur nicht anhand ihrer Handlungen erschließen kann, sie wird ihm quasi vorgekaut. Das ist für mich als Leser ohnehin das Schlimmste, wenn ich permanent das Gefühl habe, der Autor hält mich für geistig minderbemittelt und erklärt die einfachsten Dinge. Boesherz` Kollegen werden nicht müde, sich gegenseitig (und somit natürlich dem Leser) seine “Andersartigkeit” in ausufernden Gesprächen über ihn zu erklären…nein, Asperger ist es nicht (da hätte es seitens des Autors immens mehr Recherchearbeit bedurft), aber in Selbsthilfegruppen für Hochbegabte war er schon…

Boesherz kann eins besonders gut: schmunzeln. Dieses Verb ist eindeutig Herrn Klieschs Lieblingswort, in diesem Buch wird seitenweise rauf und runter geschmunzelt, teilweise nur mit wenigen Zeilen Abstand, Loriot hätte seine helle Freude daran. Die Krone der geballten Schmunzelei gebührt allerdings nicht Boesherz, sondern seinem Kollegen Dorn, der es auf Seite 317 sogar zu einem BITTERSÜSSEN Schmunzeln bringt. Wie schmunzelt man bittersüß?

Die Hochbegabung von Boesherz äußert sich in logischen Schlußfolgerungen, die wahrlich ihresgleichen suchen. Einen lange nicht gesehen Kollegen begrüßt er mit der Feststellung, daß dessen Frau ihn im letzten Jahr verlassen habe…auf die Frage, woher er das denn wisse, antwortet er mit der unglaublichen Tatsache, dass die Frau ihm jedes Jahr eine neue Krawatte geschenkt habe, er aber die von vor 2 Jahren trüge. Wow. Ich weiß nicht, was ich zu so viel Hochbegabung sagen soll. Zur Festlegung der Strategie bei der Vorgehensweise zur Lösung des Falles bemüht Dezernatsleiterin Castella einen James-Bond-Film. “Der Mann mit dem goldenen Colt” soll zum Leitfaden für Boesherz Ermittlertätigkeit werden und es wird in einem langen Gespräch genauestens analysiert, wie Roger Moore und Christopher Lee agieren…

Die deutsche Sprache wird oftmals völlig unreflektiert verwendet, das stört mich am Meisten. Auf Seite 79 findet sich eine Szene, in der Boesherz mit seiner Freundin zusammen ist und einen dienstlichen Anruf erhält, der ihn an den Schauplatz eines Verbrechens zu einer Leiche ruft.

Zitat: “Schatz, ich muss sofort los”, erhielt sie zur Antwort. “Dr. Amthauer ist ermordet worden.” Leonore erbleichte. “Wie….” stammelte sie. [verständliche Reaktion] “Es muss schlimm sein!Rupert stand völlig neben sich, so habe ich ihn noch nie erlebt.” Dann berührte Severin Leonores Gesicht, strahlte sie mit funkelnden Augen an [????? häääää????] und versicherte ihr: “Ich muss da jetzt hin, aber ich bin bald wieder bei Dir.”

Man stelle sich vor, man wird zu einer Leiche gerufen. Jemand ist tot, sieht vermutlich auch nicht gut aus, weil es kein natürlicher Tod war, der eigene Kollege war schon am Telefon völlig außer sich. Ich wäre wahrscheinlich fokussiert, konzentriert, betroffen, innerlich angespannt, nervös, müßte mich psychisch auf das, was mich erwartet, vorbereiten, wenn ich in diesem Job arbeiten würde und jetzt sofort in so ein Szenario müßte, wie es ein Mordschauplatz bietet. Ich könnte aber ganz sicher niemanden  mit funkelnden Augen anstrahlen. Und kann es mir auch bei anderen nicht vorstellen.

Der fünfzehnjährige Ferdinand wird  von Boesherz und einer anderen Person dermaßen oft “Schatz”, “Süßer” und “mein Spatz” genannt, dass ich mich gewundert habe, dass der junge Mann nicht zum Mörder wurde. “Mein Spatz” für einen Fünfzehnjährigen! Bei derartig inflationärem Gebrauch dieser Kleinkindanrede rebelliert doch schon jeder Fünfjährige, der über ein gesundes Selbstbewusstsein verfügt.

Exakt auf Seite 142 war mir klar, wie dieses Buch endet, da durch die häufigen Rückblenden in Boesherz Vergangenheit, welche eindeutig die private Involvierung in den Fall belegen, nur noch eine geradlinige Plotausrichtung möglich ist.  Kombinationsmöglichkeiten sind auch in völliger Ermangelung anderer Verdächtiger nicht vorhanden, die Handlung läuft stromlinienförmig und wendungsfrei auf Punkt X zu. Der kommt dann auch wie erwartet und im Showdown wird Platz gelassen für eine nächste Boesherz-Folge.

Besonders nervig sind auch die konstruierten Hilfsszenarien. Warum sollte die Ehefrau eines Kollegen von Boesherz Fotos und Handy-Videos von Boesherz machen, nur weil sie ihm ZUFÄLLIG in der Freizeit über den Weg läuft und er anders gekleidet ist und sich in einer ihr von ihm nicht gewohnten Situation befindet? Und das wird dann, weil es sich grade so anbietet, auch noch gegen ihn verwendet?

Nein, das war nix. Ein Buch, wie es beliebiger nicht sein könnte. Abhaken und vergessen. Empfehlen würde ich es nur eingefleischten Kliesch-Fans, aber die brauchen keine Empfehlung, die lesen es ohnehin. Also schenke ich mir das. 2 Sterne, weil es sich relativ schnell wegschwarten läßt und ich jetzt die Rubrik “regionaler Autor” bei Carolines Lese-Bingo-Challenge abhaken kann.

PS. Das Produkt-Placement für eine bestimmte Automarke ist -freundlich betrachtet- aufdringlich.

Danke fürs Teilen!

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