Erinnerung an meine traurigen Huren – Gabriel García Márquez

Erinnerung an meine traurigen Huren

 

erinnerunganmeinetraurigenhurenow

 

Erschienen beiFischer-Verlage
Autor: Gabriel García Márquez

Klappentext: Zu seinem 90. Geburtstag schenkt sich ein alter Mann, der sein Leben lang nur käufliche Liebe gekannt hat, in einem Bordell eine Nacht mit einem jungen, noch unberührten Mädchen. In dieser Nacht, der noch viele folgen sollten, betrachtet er verzaubert die schlafende Schöne und empfindet zum ersten Mal in seinem Leben Liebe.

Ein Roman voller Melancholie und Humor, voller Klugheit und Zärtlichkeit. Der alte Mann und das Mädchen, ein Thema der Weltliteratur wird von García Márquez auf meisterhafte Weise karibisch variiert.

 

 

Ein weiterer Beitrag von mir zu Neyashas Nobelpreisträger-Challenge, bei dem es mir allerdings nicht möglich ist, eine Wertung zu vergeben. Ich versuche, das im Folgenden zu erklären.

Das ist mein ersten Buch von Gabriel García Márquez und warum ich gerade das gelesen habe, ist schnell erklärt: es ist kurz (könnte statt als Roman eher als Novelle durchgehen), aufgrund der Temperaturen mag ich derzeit nicht wirklich epische Werke in Angriff nehmen und Klappentext sowie Titel haben bei mir etwas völlig Anderes impliziert. Irgendwas in Richtung altersweise Lebensbetrachtungen zum Thema Liebe, mit dem gewissen Augenzwinkern und ein wenig Distanz zu sich selber, was 90-Jährige Verliebte zwangsläufig haben dürften und evtl. auch sollten…denn natürlich darf man auch mit 90 verliebt sein, keine Frage.

Gefunden habe ich einen 90-jährigen unreflektierten Esel, der [Zitat] “nie mit einer Frau geschlafen hat, ohne dafür zu bezahlen und diejenigen, die nicht vom Gewerbe waren, überzeugte ich Kraft Vernunft oder GEWALT (!), das Geld anzunehmen und sei es nur, damit sie es später in den Müll warfen.[…] Bis zu meinem 50. waren es 514 Frauen, mit denen ich mindestens einmal zusammen gewesen war.” Zitatende

Die wichtigsten Frauen im Leben des von Allen “Weiser” Genannten waren natürlich Mama, Xilomena (die er heiraten wollte, weil er schlichtweg geil auf sie war, mit der er gemeinsam Babyschühchen häkelte und die er am Hochzeitstag sitzen ließ, weil es da mit der Geilheit doch schon wieder vorbei war) und seine Haushälterin Damiana (die wird jahrzehntelang beim Wäschewaschen anal vernascht und bleibt ansonsten Jungfrau).

Ich habe überhaupt keine Probleme mit dem Leben, welches Gabriel García Márquez seinem Protagonisten zugedacht hat, überdies beschreibt er die Vergangenheit und das recht einsame -für ihn persönlich jedoch durchaus erfüllende- und mit vielen Aktivitäten angereicherte Leben des Alten sehr poetisch und bildreich, über den Erzähl- und Schreibstil des Nobelpreisträgers ist jeder Zweifel erhaben. Das kann er und das kann er exzellent. Das THEMA nagt an mir.

Ich habe auch kein Problem damit, daß der Alte mit 90 Jahren unbedingt eine Jungfrau haben muss, frei nach Motto: ja, wenn sich denn eine findet, bittschön. Und ja, natürlich darf das eine sein, die ihm ihre Jungfräulichkeit (von mir aus auch gerne richtig teuer) verkauft, nur sollte sie das selber enscheiden und volljährig sein.

Hätte im Klappentext gestanden, daß das Objekt der Begierde 14 Jahre alt ist, hätte ich das Buch nicht gelesen. Dem Autor und seinem Protagonisten selbst ist völlig bewusst, daß er hier den Straftatbestand der Pädophilie literarisch verklärt, er kennt sogar die Strafbewehrung:

Zitat [Anm.: Aussage der Puffmutter]: “Ich habe einen Backfisch gefunden, viel besser noch, als von Dir gewünscht, aber die Kleine hat einen Makel: sie ist KAUM Vierzehn. – Ich habe nichts dagegen, Windeln zu wechseln,scherzte ich, ohne ihre Beweggründe zu verstehen. – Es geht nicht um Dich, aber wer bezahlt mir die drei Jahre Gefängnis?” Zitat-Ende

Das Buch erschien erstmal in Deutsch 2004, falls ich richtig gelesen habe, wir reden also hier durchaus nicht von diversen mittelalterlichen Begebenheiten, sondern bewegen uns im Hier und Jetzt. Ich habe an der Stelle erstmal aufgehört zu lesen und ein wenig recherchiert. Und mußte feststellen, dass erstaunlich wenig Rezensenten einen Bezug zu Pädophilie herstellen und dies in Zeiten, wo an jeder passenden und unpassenden Ecke “Kindesmissbrauch” geplärrt wird und ein 18-Jähriger, der ein Handyfoto von seiner nackten 16-jährigen Freundin  besitzt, rein faktisch betrachtet im Besitz von Kinderpornografie ist. Da unterstellt seltsamerweise erstmal Niemand eine jugendliche, liebevolle, erste körperliche Annäherung, die für mich in diesem Alter völlig normal und gesund ist.

Hochgelobt vom Kulturmagazin Perlentaucher , von Wikipedia als “lustiges Feuerwerk des nonchalanten Geplauders” deklariert, “berührend verfilmt” , nirgendwo der allgegenwärtige, kollektive Feministinnen-Aufschrei, bei denen man ja ansonsten immer vermutet, dass sie die Spezies “Mann” am Liebsten komplett abschaffen würden, weil er nicht sitzpinkelt oder das Hecheln im Geburtsvorbereitungskurs verweigert.

Ich finde es mehr als bedenklich, dass offensichtlich bei einem Literaten und Nobelpreisträger andere Maßstäbe angelegt werden als bei Otto Normalverbraucher, auch sämtliche Pressevertreter der einheimischen Tageszeitungen überschlugen sich bei Erscheinen dieses Werkes mit Lobpreisungen.

Ich scheine meine Meinung -bis auf ganz wenige Ausnahmen– exklusiv zu haben und bleibe nichtsdestotrotz dabei, weil sie durch den weiteren Verlauf der Geschichte bestätigt wurde: Gabriel García Márquez zeigt mir keine “Liebe des Lebens”, sondern einen alten Mann (der übrigens wie ein richtig fitter und lebenslustiger 50 bis 60-Jähriger beschrieben wird, ich kann mir einen 90-Jährigen beim besten Willen nicht vorstellen), der ein nacktes, schlafendes Kind als Projektionsfläche für unerfüllte Sehnsüchte missbraucht. Für eine wirkliche Liebe fehlt jegliche Basis. Es gibt keine Gespräche, keinen Austausch, es gibt schlichtweg nichts. Auch diese “Liebe” kann nur sexuell orientiert sein, denn außer den optischen Reizen der nackten Dauerschläferin wird nichts geboten.

Für den tiefen Schlaf zeichnet die Puffmutter verantwortlich: sie mixt dem Kind immer etwas “zur Beruhigung”, deshalb wacht das Mädchen auch nie auf. Der Alte weiß nicht einmal, wie das Mädchen heißt, er will es auch gar nicht wissen, er gibt ihr einen eigenen Namen. Als er die Kleine einmal in Kleidern und billigem Schmuck vorfindet, womit die Puffmutter sie ausgestattet hat, beschimpft er sie als “Hure” und verwüstet das ganze Zimmer um kurz darauf nach Richtigstellung des Sachverhaltes (ebenfalls durch die Puffmutter) wieder in Liebe zu diesem hinreißenden Geschöpf zu zerfließen.

Zitat: “Blind vor sinnloser Wut schmetterte ich alles, was im Zimmer war, gegen die Wand: die Lampen, das Radio, den Ventilator, die Spiegel, die Krüge, die Gläser.” Ich muss nicht erwähnen,dass das Mädchen auch während dieser Lärmorgie nur kurz hochschreckt, aber gleich darauf  “zusammengerollt weiterschläft”.

Und nein, man kann nicht darüber streiten, ob Missbrauch nur bei einem vollzogenen, vaginalen Geschlechtsakt vorliegt, oder ob auch das ständige Begrabschen eines Menschen, der sich dagegen nicht wehren kann, weil er mit Narkotika vollgepumpt ist, ein solcher ist. An einer Stelle im Buch stellt der Protagonist fest, daß das Mädchen gewachsen ist, weil “ihre kleinen Brüste nicht mehr in seine Hände passen”, überdies wird genauestens beschrieben, wie er ihr in dem stickigen Zimmer immer wieder von oben bis unten den Schweiß vom Körper tupft und sie überall küßt.

“Ein Roman voller Melancholie und Humor, voller Klugheit und Zärtlichkeit. Der alte Mann und das Mädchen, ein Thema der Weltliteratur wird von García Márquez auf meisterhafte Weise karibisch variiert.”

Es tut mir leid, davon konnte ich nichts finden. Der alte Mann und das junge Mädchen – das Thema kann man auch anders beschreiben oder literarisch preisen. Eine unbedarfte 19-Jährige, die nicht nur nackt und willenlos herumliegt, hätt`s auch getan. Anders als andere Rezensenten maße ich mir kein Urteil darüber an, was “normal”oder “widernatürlich” ist. Mag sein, dass Liebesbeziehungen zwischen 90-Jährigen und jungen Mädchen möglich sind, sich für beide Seiten gut anfühlen und beiderseitigem, einvernehmlichen Willen entspringen. Das ist aber hier nun mal nicht der Fall und darüber hilft mir auch nicht hinweg, dass der Autor ansonsten seinen Job versteht. Ich bin mir sicher: dieses Buch hätte OHNE diesen Namen eines Nobelpreisträgers kein Verlag heraus gebracht und die Kritiken hätten anders ausgesehen. Und genau dieser Umstand stimmt mich sehr, sehr nachdenklich.

Ich betrachte die Buchauswahl an dieser Stelle mal als lediglich suboptimal und werde mir den Autor noch mal mit einem anderen Buch zu Gemüte führen. Anregungen gerne willkommen.

Eine Sternchen-Bewertung ist mir nicht möglich, eine Leseempfehlung gibt es nicht.

PS. Ach doch, eine wirklich lustige Stelle gab es für mich, an der ich schmunzeln konnte. Als der Alte liebeskrank und offensichtlich (sexuell) unbefriedigt für den (bis dato nie vollzogenen vaginalen) Koitus auf seine Haushälterin “zurück greifen” will, passiert Folgendes:

Zitat: “Ich sah sie mit den trüben Augen der Begierde an und lud sie ein, sich nackt mit mir zu suhlen. Voller Verachtung sagte sie: “Haben sie sich schon überlegt, was Sie tun, wenn ich Ja sage?” ;-)

 

 

 

 

 

 

 

Danke fürs Teilen!

4 comments

  1. Neyasha -

    Ich kann dir nur sagen, was ich dir definitiv NICHT empfehlen kann: “Die Liebe in den Zeiten der Cholera”
    Da gibt es nämlich eine ganz ähnliche Passage, die ich absolut furchtbar gefunden habe. Der 70jährige Protagonist beginnt da eine sexuelle Beziehung zu einer 14jährigen, die eigentlich sowas wie sein Mündel ist. Nachdem er sie die “Kunst der Liebe” gelehrt hat und sie völlig auf ihn fixiert ist, kehrt die eigentliche Liebe seines Lebens zurück, er verschwendet keinen Gedanken mehr an die Kleine und sie bringt sich um.
    Brrrr.
    Dass es in einem weiteren Roman von Márquez noch so eine ähnliche “Beziehung” gibt, gibt mir nun schon zu denken. Ich glaube, diesen Schriftsteller hake ich somit für mich ab.

  2. Devona -

    Ohaaaa….das läßt aber dann schon auf keine einmalige Geschmacksverirrung, sondern auf eine handfeste Grundeinstellung zur Frau an sich schließen. Danke für die Warnung, dann wandert Herr Márquez auf meiner Liste denn doch erstmal nach ganz unten. Muss ich auch nicht haben. Da gibt es einfach noch zu viele Nobelpreisträger, die auf uns warten ;-)

  3. Ariana -

    Oh weia! Da habe ich bei meiner zufälligen Auswahl unter den Büchern von Garcia Marquez wohl “Glück” gehabt, dass ich dieses nicht erwischt habe. Ich hab ja “Chronik eines angekündigten Todes” gelesen, das fand ich durchaus reizvoll, gerade von der Handlung her. Da gab’s allerdings auch keinen Sex – gar keinen. Hab noch drei weitere Bücher des Autors auf dem SuB – glücklicherweise weder das von dir gelesene noch “Liebe in Zeiten der Cholera” (obwohl ich das eigentlich noch für mein Big-Read-Langzeitprojekt lesen “muss”).
    Deine Zweifel am Umgang mit einem solchen Buch teile ich vollkommen und finde es auch bedenklich, dass sich an den Thema niemand zu stören scheint … Hm …

  4. Devona -

    ja ich finde den Umgang bedenklich…wenn irgendein katholischer Pfarrer, den kein Mensch kennt, des Kindesmissbrauchs beschuldigt wird, überschlagen sich die Medien mit Horrormeldungen. Die literarische Verherrlichung desselben Straftatbestandes durch einen Nobelpreisträger wird in den literarischen Olymp gejubelt. Keinen stört`s. Irgendwie seltsam. Auf jeden Fall vermute ich (dazu müßte ich aber eine größere “Feldstudie :-) mit lateinamerikanischen Autoren betreiben ), dass die generelle Einstellung zur Frau dort eine völlig andere (für mich persönlich nicht unbedingt vorteilhaftere und ich bin beileibe keine Feministin) ist.

Leave Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld.

*

Zustimmung zur Datenspeicherung gemäß DSGVO.