Unterm Rad – Hermann Hesse

Unterm Rad – Hermann Hesse

 

untermradow
 

Erschienen bei: Suhrkamp-Taschbücher 2012, (Erstausgabe: 1906 bei S.Fischer, Berlin)

Autor: Hermann Hesse

Begleittext:

Zu den wichtigsten Frühwerken Hermann Hesses gehört sein Schulroman »Unterm Rad« über das Schicksal eines begabten Kindes, das am Erwartungsdruck seines Vaters und der Umwelt zerbricht. Hesse hat darin viel von dem verarbeitet, was er selbst erleben mußte. So glaubten seine Erzieher, den 14jährigen in einer Heilanstalt für Schwachsinnige und Epileptische unterbringen zu müssen. Es war der Leidensdruck dieser frühen Erfahrungen, der ihn zum Schriftsteller gemacht hat und dem auch seine späteren Werke ihre Brisanz und zeitlose Aktualität verdanken. Wie kein anderes Werk des Dichters hat dieses Buch eine genau dokumentierbare Vorgeschichte, die hier erstmals in allen überlieferten Lebenszeugnissen vorgestellt wird und ein authentisches Bild der Pädagogik vom Ende des 19. Jahrhunderts entwirft.

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Mein nächster Rezensions-Beitrag zur Nobelpreisträger-Challenge von Neyasha. Ich hätte eigentlich die Reihe der nobelpreisgekrönten Damen der 2000er Jahre mit Elfriede Jelinek (insgesamt gab es in der Geschichte des Literatur-Nobelpreises nur 11 preisgekrönte Frauen!) vervollständigen können. Da mich aber schon die beiden anderen weiblichen Vertreter (Herta Müller, Doris Lessing) absolut nicht zu Begeisterungsstürmen hingerissen haben, habe ich mich jetzt recht weit in die Vergangenheit begeben, in der Hoffnung, mit Hermann Hesse nun doch endlich befriedigt in dieser Challenge anzukommen. Eine gute Entscheidung, wie sich schon beim Lesen der ersten Seiten heraus stellte.

Erzählt wird in diesem Frühwerk Hesses die kurze Lebensgeschichte von Hans Giebenrath, dem Sproß eines allzu normalen Normalbürgers kurz vor der vorletzten Jahrhundertwende, welcher nicht in diese allzu normale Normalbürgerwelt paßt. Das sensible Kind ist mit einem feinen Geist, Wissbegierde und vielen anderen Eigenschaften ausgestattet, die ihn aus der Masse herausheben.

Zitat: “Hans Giebenrath war ohne Zweifel ein begabtes Kind, es genügte, ihn anzusehen, wie fein und abgesondert er zwischen den anderen herum lief. Das kleine Schwarzwaldnest zeitigte sonst keine solchen Figuren , es war von dort nie ein Mensch ausgegangen, der einen Blick und eine Wirkung über das Engste hinaus gehabt hätte. Gott weiß, woher der Knabe die ernsthaften Augen und die gescheite Stirn und das Feine im Gang her hatte.” Zitat-Ende

Natürlich wird das überdurchschnittliche Potential des Jungen duch Lehrer, Rektor, Pfarrer (also der gebildeten Dorf-Schicht) durchaus erkannt und in Übereinstimmung mit dem Vater wird der Lebensweg  von Hans festgelegt, welcher für begabte Kinder aus nicht reichem Elternhaus recht steinig war: der Junge musste durch ein spezielles “Landexamen” (eine Art Prüfung für Hochbegabte) gebracht werden, welches den Besten ein vom Land Schwaben finanziertes Seminar im Tübinger Stift ermöglichte , was schlussendlich in eine Pfarrer- oder Lehrerkarriere mündete. Eine große berufliche Karriere für einen Jungen aus einem unbedeutenden Schwarzwalddorf.

Während Hans am Anfang des Buches noch selbst der ehrgeizigen Überzeugung ist, diesen Weg gehen zu wollen und Lernen für ihn so notwendig wie die Luft zum Atmen scheint, kann man doch schon eine gewisse innere -zunächst nicht eindeutig zuzuordnende- Unruhe des Jungen spüren. Nach mit Bravour bestandenem Landexamen und der Abreise ins Stift stürzt zu viel auf den Junge ein, was er verarbeiten muss, aufgrund seiner sensiblen Konstitution aber nicht vermag: neue Lebensumstände am fremden Ort, Gleichaltrige verschiedenster charakterlicher Ausprägung, mit denen er in einer Stube wohnt, eine aufwühlende, verwirrende und schlussendlich enttäuschte Freundschaft mit einem anderen “Sonderling”, der Beginn der Pubertät. Es gibt keinen Ansprechpartner, der dem mehr und mehr überfordertem und verzagenden Jungen eine Hilfestellung geben könnte, die Pädagogik der damaligen Zeit folgte starren Regeln und gewährte keinerlei Freiräume.

Nach dem Scheitern von Hans  im Stift, welches sich nicht nur psychisch, sondern aufgrund der bereits vorherigen jahrelangen Überforderung durch ein immenses tägliches Lernpensum auch physisch niederschlägt, kehrt der Junge perspektivlos in sein kleines Dorf zurück. Die früher eilfertig um ihn Bemühten sehen sich ihrer Projektionsfläche beraubt und bringen ihm kein großes Interesse mehr entgegen, der Vater läßt ihm die Wahl zwischen einer Lehre zum Mechaniker oder Schreiber: Hans ist es schon völlig gleich. Noch einmal befallen ihn im Angesicht der ersten unglücklichen Liebe die Erinnerungen an seine verlorene Kindheit, ehe sich sein Schicksal- fast zwangsläufig- vollzieht.

Hesses Erzählung ist frei von Dramatik, er erzählt die Geschichte in sehr ruhigen, fast leisen Sprache, die aber umso stärkere Bilder herauf beschwört. Das verschlafene Dorfidyll mit den immer wiederkehrenden Abläufen im Wandel der Jahreszeiten, die Kälte und menschliche Inkompetenz des Lehrpersonals im Stift, die wunderschönen melancholischen Erinnerungen an Hans` Kinderzeit – das Alles berührt und macht betroffen und traurig.

Ich verstehe “unterm Rad” als Statement für Individualität, Anderssein, Sensibilität, emotionale Intelligenz und als Anklage an Schubladendenken, Spießigkeit, zwischenmenschliche Inkompetenz besonders im pädagogischen Bereich und fehlende Achtsamkeit im Umgang miteinander. Volle Punktzahl, das Buch würde ich -altersunabhängig- uneingeschränkt Jedem empfehlen.

Und JETZT bin ich in der Challenge angekommen! ;-)

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