Afrikanische Tragödie – Doris Lessing

Afrikanische Tragödie – Doris Lessing

 

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Taschenbuch erschienen bei:  Fischerverlage
Autor/in: Doris Lessing
Übersetzer: Ernst Sander

Klappentext: »Afrikanische Tragödie« ist Doris Lessings erster Roman. Die britische Kolonie Rhodesien (heutiges Simbabwe) in Südafrika, wo sie aufwuchs, ist Schauplatz des Buches. Erzählt wird die Geschichte der Farmersfrau Mary. Mary ist in ärmlichen Verhältnissen auf dem Land groß geworden. Kaum erwachsen, zieht sie in die Stadt. Um nicht als alte Jungfer zu enden, lässt sie sich auf eine Heirat mit dem Farmer Richard Turner ein und zieht zu ihm auf seine Farm. Bald merkt sie, dass ihr Mann und sie sich nichts zu sagen haben und dass sie mit der Farm kurz vor dem finanziellen Ruin stehen. Dann wird der enigmatische schwarze Farmarbeiter Moses als Diener ins Haus geholt… Die eindringliche Schilderung des schwierigen Verhältnisses zwischen Schwarzen und Weißen, Erfahrungen mit Kolonialherrschaft und Rassismus, bilden den Hintergrund für die mit feinem psychologischen Gespür erzählte Geschichte einer unglücklichen Ehe.

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Hier also mein zweiter Beitrag zu Neyashas Nobelpreisträger-Challenge. Nach arg holprigem Beginn mit Herta Müllers “Reisende auf einem Bein” habe ich gehofft, mit Doris Lessing doch noch richtig durchstarten zu können. Naja.

Das Buch, angesiedelt in den dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts, beginnt mit dem Mord an Mary durch Moses,  also mit dem Ende der Geschichte, alles Andere wird dann rückblickend erzählt. Prinzipiell ist mit dem Klappentext der Inhalt abgehandelt. Doris Lessing schafft es allerdings sprachlich exzellent, die aussichtslose Beziehung zwischen Mary und ihrem Ehemann so darzustellen, daß der Leser sie durchleben und somit auch vollumfänglich durchleiden kann…man möchte beide Protagonisten permanent nehmen, schütteln und anbrüllen.

Zum Einen ist Mary aufgrund ihrer Kindheit und Erziehung nicht fähig, tiefere emotionale Bindungen zu entwickeln  und wäre in dem zunächst von ihr gewählten Leben in der Stadt -unabhängig, frei, für damalige Verhältnisse ein recht fortschrittliches Leben für eine Frau- sicher besser aufgehoben und auch glücklich gewesen. Zum Anderen ist Dick nicht in der Lage, irgendetwas an seinem nicht sehr einträglichen Leben als Farmer zu ändern ( andere weiße Farmer werden mit derselben Tätigkeit steinreich – Dick ist schlichtweg unfähig), auch nicht, als Mary die Situation analysiert und Lösungsansätze unterbreitet. Sie tut dies, um dem tristen Hausfrauendasein zu entkommen, mit der ihr anfänglich noch innewohnenden Energie und einer Portion Pragmatismus versucht sie, etwas zu ändern, allerdings auf eine so herablassende Art, daß Dick nicht anders kann, als sich zu verweigern.

Das kleine Zeitfenster, was ihnen bleibt, um diese liebesfreie Ehe durch Verständnis, Freundschaft, Gemeinsamkeit, gesteckte Ziele zu etwas zu machen, mit dem Beiden auch ohne Verliebtheit ein einigermaßen erfülltes Leben möglich ist, verpassen beide. Von da an verfolgt der Leser nur noch den Abwartsstrudel, der Mary naturgemäß heftiger ergreifen muss, da Dick das harte Farmleben gewöhnt ist und auch liebt. Die Tragik der Geschichte liegt eigentlich darin, daß Mary in dem von ihr gewählten Leben in der Stadt glücklich war und nichts vermisste (auch keinen Ehemann) und diese Ehe panisch und überstürzt eingegangen ist, weil der alte-Jungfern-Klatsch ihres Umfeldes ihr eigenes Empfinden bezüglich ihres Lebens kaputt torpedierte.

Eingebettet in die ersten zwei Drittel des Buches, welche die Beziehung von Mary und Dick abhandeln, sind die Apartheid-Probleme Afrikas, der Umgang von weißen Farmern mit den einheimischen Farbigen, der Umgang der weißen Farmer untereinander, deren Credo es ist, verarmten weißen Farmern wie Dick kurz vor der Pleite zu helfen, aber nicht um der Hilfe willen, sondern damit der (natürlich verachtete) weiße Nachbar nicht so tief sinkt wie ein Farbiger, denn das würde diesen Menschen zeigen, daß sie genauso viel wert sind wie ein (wenn auch abgewrackter) Weißer. Das alles wird zwar beschrieben, so wie es Doris Lessing als ein im damaligen Rhodesien aufgewachsenes Farmerkind erlebt haben dürfte, das von der Presse oftmals zitierte “flammende Statement gegen Rassismus und Apartheid” habe ich allerdings nicht gefunden. Sie BESCHREIBT. M.E so, wie man es erwartet, es werden schon einige Klischees bedient.

Besonders realitätsnah, sicher auch hier aufgrund der eigenen Erlebnisse, sind Doris Lessings Landschaftsbeschreibungen Afrikas. Sie bringt das Klima, Geruch und Geschmack der Landschaft so nahe an den Leser wie nur irgend möglich…man spürt hautnah, wie Mary sich in der glühenden Hitze einer wellblechgedeckten Hütte fast zu Tode schwitzt, ihre körperliche Apathie greift auf den Leser über, man hat die durchdringenden Geräusche der Zikaden selbst im Ohr. Diese eindringlichen Beschreibungen verhelfen dem Buch letztendlich zu den 3 Sternen.

Das Buch fällt für mich leider an dem Punkt total ab, wo Moses als Hausboy ins Spiel kommt. Mary entlässt ihre Hausboys permanent, sie geben sich quasi die Klinke in die Hand. Moses scheint anders als die anderen bisherigen Hausboys (es klingt an, daß er in einer Mission aufgewachsen ist, er hat etwas bessere Umgangsformen als der Durchschnitt, leider werden diese Erklärungen nicht vertieft) und Moses ist Mary bekannt. Sie hat ihn bei der Feldarbeit einmal geschlagen. Als er nun zu ihr ins Haus “versetzt” wird, hat sie Angst vor ihm. Sie befindet sich aber auch da schon in einem mentalen und körperlichen Zustand, der nicht mehr als gesund zu bezeichnen ist.

Von jetzt an, habe ich das Buch nicht mehr verstanden und offensichtlich bin ich da nicht die Einzige. Die sich entwickelnde Beziehung zwischen Mary und Moses erschließt sich mir nicht, weswegen ich auch nicht weiß, warum Moses Mary tötet. Während viele Rezensenten und Feuilletons davon sprechen, daß Mary Angst hat ( sie hat, das kann man definitiv noch heraus lesen) und Moses sich nach der Entlassung als Hausboy schließlich für den Schlag auf dem Feld rächt, in dem er sie tötet, schreibt z.B. die “Welt” : “Der Roman “Afrikanische Tragödie” (1950), der von einer verbotenen schwarz-weißen Liebe erzählt, ist ein flammendes Anti-Apartheid-Plädoyer.”

Tja. Ich erkenne diese Liebesgeschichte nicht. Da ist zum Einen Marys unverkennbare Angst vor Moses, andereseits gibt es aber auch eine Szene, in der Moses Mary beim Anziehen hilft, was aufgrund der gesellschaftlichen Stellung ein absolutes no-go ist und einem Skandal gleich käme. Mary ist an diesem Punkt aber bereits  in einem Zustand, den man “kurz vor komplett irre oder wahnsinnig” beschreiben könnte. Aufgrund der früher beschriebenen emotionalen Bindungsunfähigkeit und damit einhergehend auch einem allgemeinen, sexuellen Desinteresse kann ich mir diese Liebesgeschichte absolut nicht vorstellen. Widerum hat Mary schon Heerscharen an Hausboys entlassen, ohne ermordet zu werden. Sie erwartet diesen Mord durch Moses aber, ist der Meinung, sie habe ihn “verraten”. Ich verstehe das wirklich nicht.

Ohne die für mich leider mysteriös gebliebene Moses-Mary-Beziehung wäre die “Afrikanische Tragödie” die deprimierende Beschreibung einer von Anfang an zum Scheitern verurteilten zwischenmenschlichen Beziehung, der Ehe zwischen Mary und Dick gewesen. Afrika hätte es dafür nicht gebraucht und um ein wirkliches “Statement” gegen Apartheid zu sein, ist da zu viel Ehe und zu wenig Afrika. Allerdings: dies war Doris Lessings Erstlingswerk und ist, was die Beschreibung menschlicher Besziehungen anbelangt, für eine Dreißigjährige doch schon ein recht reifes Werk.

Speziell bei diesem Buch würde mich interessieren, wie andere Leser es wahr nehmen, vor Allem in Bezug zu Mary und Moses.

Danke fürs Teilen!

2 comments

  1. Neyasha -

    Mir blieb die Beziehung zwischen Mary und Moses auch ein Rätsel. Sonst hat mir der Roman sehr gut gefallen, aber am Ende war ich ziemlich ratlos. Wer das als “verbotene schwarz-weiße Liebe” bezeichnet, würde wohl auch “Sturmhöhe” als “romantisch” beschreiben. Nein, wirklich, von Liebe konnte ich da nicht die Spur entdecken.

  2. Devona -

    Okay, dann ist das nicht meiner mangelnden Wahrnehmungsfähigkeit zuzuschreiben, ich hab mir schon das Hirn zermartert. Ratlos am Ende beschreibt es gut. Der Rest war für mich auch in Ordnung, die kaputte Beziehung hat sie mit ihren 30 Jahren wirklich sehr gut beschrieben…wobei sie da selber auch schon zwei Ehen hinter sich hatte. Auf jeden Fall lese ich nochmal was Anderes von ihr.

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