Leichtes Opfer – Roger Smith

Leichtes Opfer – Roger Smith

 

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Hardcover erschienen am 21.03.2015 bei: Klett-Cotta
Autor/in: Roger Smith

Klappentext: Kapstadt, Südafrika: Mitten in einer heißen Sommernacht werden Michael Lane und seine Frau Beverly von Schreien aus ihrem Liebesspiel gerissen. Die Vermutung, dass der drogenabhängige Sohn ihrer Haushälterin nach einer rauschenden Nacht heimgekehrt sei, verliert sich im Nichts, als das Ehepaar den Garten betritt. Vor dem Poolhaus liegt die Leiche einer jungen Frau. Neben ihr steht ihr Sohn Christopher. Für Beverly Lane steht schnell fest: Sie brauchen einen Schuldigen, der nicht ihr Sohn ist. Und damit beginnt eine hinterhältige Intrige, die das Schicksal zweier Familien auf tragische Weise miteinander verbindet und immer mehr Opfer fordert.

[wp-review]

Das war mein erster Buch von Roger Smith und jetzt will ich sie alle. Es hat mich förmlich vom Hocker gefegt und ich habe es mit nur einer Unterbrechung quasi am Stück gelesen.

Im Mittelpunkt steht nicht die Tat an sich oder die (schnell zu den Akten gelegten) Ermittlungen dazu. Es ist klar, wer der Täter ist und fortan dreht sich alles um die Beziehungen der beiden involvierten Familien. Es entsteht ein Strudel der Gewalt und unaufhaltsamer, fast zwangsläufiger Ereignisse, nachdem der von Beverly zu Unrecht der Tat bezichtigte Sohn der Haushälterin in der ersten Nacht im Gefängnis ein schlimmes Schicksal erleidet.

Die Sprache von Roger Smith ist kraftvoll, ungeschminkt, direkt, schonungslos und absolut fesselnd. Der Mord passiert auf den ersten Seiten, man ist sofort mitten im Geschehen und fühlt sich atemlos in einer Lawine fortgerissen. Genau das erwarte ich von einem guten Stück Literatur, das Genre spielt dabei für mich überhaupt keine Rolle: der Leser muss gepackt werden.

Die einzelnen Charaktere sind exzellent heraus gearbeitet, die (tragisch eskalierenden) Beziehungen zu- und untereinander absolut realitätsnah beschrieben und die ganze Geschichte wirkt nicht ansatzweise erfunden, man könnte meinen, von einem wirklichen Kriminalfall zu lesen. Nicht nur nebenbei erfährt man einiges über die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Zustände in Südafrika, wo die Apartheid zur Gänze wohl nur in der Theorie überwunden ist und offensichtlich weiterhin unüberbrückbare Gräben zwischen schwarzer und weißer Bevölkerung fort bestehen.

Die handelnden Personen sind begrenzt: neben Michael und Beverly Lane und deren Sohn Chris (siehe Klappentext), spielen hauptsächlich die schwarze Haushälterin der Familie, Denise, und deren Kinder Lyndall und Louise eine Hauptrolle. Michael und Louise stehen hierbei besonders im Fokus und sind die eigentlich tragischen Figuren. Charaktere wie z.B. Tracy und Achmat Bruinders haben eher ergänzenden Charakter.

Michael ist im Grunde seines Herzens ein moralisch korrekt denkender, gutmütiger und seiner moralisch nicht so ganz korrekten  und ehrgeizigen Ehefrau hoffnungslos unterlegener Mann. Die Familie verdankt ihren Reichtum allerdings gerade dem Ehrgeiz von Beverly, die eine kleine Erbschaft Michaels mit zähem Durchsetzungswillen und harter Arbeit im ebenso harten Immobiliengeschäft Südafrikas zu einem Vermögen gemacht hat. Aufgrund eines tragischen Vorkommnisses, welches in Michaels und Beverlys Jugend liegt, ist Michael nicht nur finanziell von Beverly abhängig: sie hat damals für ihn eine Entscheidung getroffen, die ihn in der jetzigen Situation lähmt und schlussendlich die falschen Entscheidungen treffen läßt.

Zu seiner Haushälterin und deren Kindern hat Michael in der Vergangenheit ein gutes, fast familiäres Verhältnis gepflegt und auf seinem Anwesen ein Cottage für die alleinerziehende Schwarze errichten lassen, beide Kinder hat er nahezu wie seinen eigenen Sohn behandelt und gefördert, was sich erster Linie in einer vernünftigen Schulbildung niederschlug. Louise war sich schon als Kind ihrer “Sonderstellung” in Bezug zu anderen schwarzen Kindern bewusst und hat eine besondere, dankbare Beziehung zu Michael entwickelt, dem das allerdings nicht vollumfänglich bewusst ist.

Es ist beklemmend, zu lesen, wie Michael es nicht schafft, zu seiner Vergangenheit zu stehen, wodurch die Geschehnisse in der Gegenwart komplett aus dem Ruder laufen. Parallel dazu ist es abgrundtief traurig, Louises Entwicklung zu beobachten, die die Möglichkeit hat, von einer für eine Farbige in Südafrika guten Ausgangsposition ins Leben zu starten und die diese Chance vergibt.

Roger Smith schafft es, daß der Leser nicht WERTET. Für jede der handelnden Personen ist, wenn auch nicht unbedingt Mitgefühl, ein winziger Funken Verständnis dar, der es unmöglich macht, sie zu verurteilen, auch wenn man ihr Handeln verurteilt. Diese Nuance fand ich besonders spannend. Es ist keine Schublade da, in den man irgendwen packen könnte, ohne sich nicht selber hinterfragen zu müssen und genau das ist es, was das Buch heraus hebt aus der Menge an Büchern, die man konsumiert, vielleicht auch im Moment ganz nett findet, von der aber langfristig nichts in Gedächtnis bleibt. “Leichtes Opfer” brennt sich ein.

Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht sagen, keine Spoiler, das Buch ist es wirklich wert, unvoreingenommen gelesen zu werden. Für mich ist Roger Smith meine Entdeckung des Jahres und ich glaube nicht, daß die noch übertroffen werden kann. Volle 5 Sterne.

 

 

 

 

 

 

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