Reisende auf einem Bein – Herta Müller

Reisende auf einem Bein – Herta Müller

 

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Taschenbuch u.a. 2013 erschienen bei: Fischer-Taschenbuch
Autor: Herta Müller, Nobelpreisträgerin für Literatur 2009

Inhaltsangabe, Quelle/Zitat Wikipedia:

“Herta Müller schreibt mit Reisende auf einem Bein das Genre des Großstadtromans aus der Sicht einer fremden deutschsprachigen Frau um. Irene ist Mitte Dreißig und verlässt mit behördlicher Genehmigung ein von Militärs regiertes „anderes Land“. Sie kommt mit einem einzigen Koffer nach Westdeutschland, wo sie hofft, ein neues Zuhause zu finden. Das, was vertraut werden sollte, scheint allerdings ebenfalls ein „anderes Land“ zu sein. Sie findet Aufnahme in einem Übergangsheim und erhält schließlich die deutsche Staatsbürgerschaft. Zurechtgefunden hat Irene sich noch nicht. Sie stellt eine Collage her, die sie mit ihren Blicken schrittweise abtastet. Als Stadtläuferin lotet Irene die neue Stadt räumlich aus, die sie als Beobachterin und nicht als Teilhabende oder Anteilnehmende erlebt. Irene erkennt, dass ihr Leben zu Beobachtungen geronnen ist, die sie handlungsunfähig machen. Es gibt keinen Handlungsfaden. Die Labilität der Protagonistin Irene und ihre Kraft werden vor allem im Schreibstil zum Ausdruck gebracht. Weil die Normalität, die öffentlich zur Schau gestellt wird, in Irenes Wahrnehmung voll von Falschheit und Schwammigkeit ist und sie dem mit ihrer Sprache standzuhalten versucht, kann Irene ihre Vereinsamung nicht überwinden. Auch die Erzählweise kann sich auf einem Bein nur hüpfend voranbewegen. Der Schluss ist ambivalent, weil Irene einerseits davon träumt, weit wegzufahren und andererseits von Abschiednehmen nichts wissen will. In einer der ersten Rezensionen im November 1989 heißt es: „Die magische Beschwörung der Provinz als andauerndem psychosozialen Zustand beleidigt den Leser, der sich auf der Höhe der Zeit wähnt, in der er lebt, getragen von der allgemeinen Erwartung eines zukünftig noch größeren deutschen Glanzes. Irenes Westen leuchtet nicht. Sie ist mit der Passivität der Randständigen geschlagen, hier wie dort, in Kreuzberg und in Nitzkydorf.” (Günter Franzen in Die Zeit, Ausgabe vom 10. November 1989)”

 

 

[wp-review]

Ich habe das Buch im Rahmen meiner Teilnahme an Neyashas Nobelpreisträger-Challenge gelesen.

Herta Müller habe „mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit“ gezeichnet, hieß es in der Würdigung zur Verleihung des Nobelpreises 2009. Die Vergabe des Nobelpreises an Herta Müller wurde mit der Intensität der von ihr verfassten Literatur begründet.

Da ich zur Handlung nichts weiter sagen kann, als in obigem Einführungstext steht -es gibt nicht wirklich eine Handlung- werde ich nur auf meine Eindrücke der Sprache des Buches eingehen. Der interessierte Leser kann über die literarische Sprache von Frau Müller große Abhandlungen  hier und hier bei Wikipedia nachschlagen.

Zunächst die einfachste Feststellung: wer dieses Buch lesen möchte, sollte sich damit anfreunden können, auf wichtige Teile der deutschen Grammatik zu verzichten, die da heißen: wörtliche Rede, alle Satzzeichen außer Punkt und Doppelpunkt.

Beispiel, Zitat:

Irene wischte ihre tropfenden Hände ab:
Wo kommst du her.
Vom Nollendorfplatz.
Wo ist deine Schirmmütze.
In der U-Bahn.
Wo fährt sie hin.
Zur Krummen Lanke.
Was tut sie dort. Wer hilft ihr beim Umsteigen.
Ja eben, was tut sie dort.
Und morgen, was tust du morgen.
Das wird sich zeigen.
Ohne deine Mütze gibt dir niemand Geld.
Vielleicht kommt sie zurück.  -Zitatende-

Desweiteren ist die Abfolge der meist sehr kurzen Sätze derartig stakkatomäßig, daß man das Buch unmöglich länger als eine halbe Stunde am Stück lesen kann, ein durchgängiger “Lesefluss” wird zu keiner Zeit erreicht.

Beispiel, Zitat:

Im Übergangsheim waren alle Plätze belegt. Irene wohnte im Asylantenheim. Es lag in der Flottenstraße. Die Flottenstraße war eine Sackgasse. Der Bahndamm lag auf der einen Straßenseite. Die Kaserne auf der anderen Seite. -Zitatende-

Stilmittel: von 6 aufeinanderfolgenden Sätzen haben genau 4 denselben Satzanfang.

Beispiel, Zitat:

Ein Mann in Uniform ging mit dem Funkgerät den Bahnsteig entlang. Er musterte die Stille mit den Blicken. Er sprach in das Gerät. Hielt es beim Sprechen ganz nahe an den Mund. Er bewegte sich gleichmäßig. Er spürte den Sog nicht. -Zitatende-

Stilmittel: viele Folgesätze enthalten keine Verben oder andere Satzbestandteile mehr.

Beispiel/Zitat:

Ständig schreib ich dir Karten. Die Karten vollgeschrieben. Und ich leer. -Zitatende-

Es mag sein, daß Frau Müller und ich aus dem Grund nicht zusammen kommen können, weil sie sagt: (Zitat): „Sprache ist für mich etwas von außen. Sie kann alles, ich misstraue ihr auch. Es gibt sie nicht für sich, sie läuft nur parallel zu dem, was passiert.“

Für mich ist Sprache etwas von innen frei-fließendes, deren Möglichkeiten man ausschöpfen kann, ohne sie zu “verdichten” oder brachial beschneiden zu müssen. Und sie läuft für mich nicht parallel, sondern als Bestandteil von etwas.

Frau Müller hätte mit diesem Stil die Landschaften der Heimatlosigkeit auch komplett ohne handelnde Personen entwickeln können, die Trostlosigkeit stellt sich bei mir beim Lesen dieser Sprache von selber ein. Alle handelnden Personen bleiben uninteressant, nebulös, losgelöst von der Realität, man will gar nicht mehr wissen, als man ohnehin nicht erfährt. Man kann Gespräche und Realität nicht von den Tagträumereien der (m.E. psychisch nicht ganz gesunden) Irene trennen, auch wenn man einzelne Passagen mehrmals liest…man hat kein Mitleid mit Irene, nichts ist greifbar…man will einfach nur, daß diese stolpernden Worthülsen endlich, endlich aufhören.

Dieses Buch ist ein Sprache-Sezier-Experimentier-Buch (das spielerische Element erkenne ich nicht), in dem sich wer auf seine ureigene Art mit Sprache austobt, die für mich als Leser 3 Schritte zu weit geht. Das erreicht mich nicht. In meinem Kopf entstehen keine Bilder, nicht eins. Ich fühle mich -um es mal ganz salopp zeitgemäß  zu sagen- wie Bully Herbig in einem aktuellen Werbespot bei Betrachten von Wandgemälden. Ich wünsche mir dringend die Tüte Gummibären, die es braucht, um die Bilder sehen zu können. Oder wie der kleine Kay in einem wunderschönen Verfilmung von Hans Christian Andersens “Schneekönigin”, der, bereits völlig unterkühlt, auf den Kuss der Schneekönigin wartet, den er bekommt, wenn er die kalten Eis-Buchstaben zu einem Satz sortiert hat. Geduldig schiebt er diese Buchstaben hin und her…ich bin kein besonders geduldiger Mensch. Leider.

Mir helfen bei diesem Buch auch die seitenweisen Presse- und Fachrezensenten-Jubelgesänge zum Nobelpreis Herta Müllers nicht weiter. Es gibt zu dem Buch grade mal 5 Amazon-Rezensionen von Lesern und 1 bei lovelybooks. Und wenn ich dieses abgedroschene “da muss man sich als Leser drauf einlassen wollen” lese, bin ich auch immer genervt. Ich würde ja wollen, wenn da was für mich wäre.

Zitat Wikipedia: Stimmen aus der Literaturkritik würden [1994] in Bezug auf die jüngeren Werke bemängeln, dass aus Herta Müllers zusammengesetzten Einzelheiten nicht mehr so recht Bilder entstünden. Das liege daran, dass die Metaphern „zunehmend forciert wirken, daß jedes Detail schon über seine Grenzen hinausdeuten will“, so referiert es Clemens Ottmers 1994 in seinem Beitrag zu Müllers Essay-Band Der Teufel sitzt im Spiegel. Wie Wahrnehmung sich erfindet.

Das deckt sich zumindest mit meiner Wahrnehmung.

Anmerkung: das nobelpreisgekrönte und viel spätere Werk “Atemschaukel” hatte ich zuerst angefangen, konnte damit aber auch aus den hier genannten und auch anderen Gründen nicht warm werden.

3 comments

  1. Neyasha -

    Ich kann deine Eindrücke voll und ganz nachvollziehen. Bisher habe ich von Herta Müller noch nichts gelesen und glaube fast, dass sich das so schnell nicht ändern wird, da ich mit so extremen Sprach-Experimenten nicht viel anfangen kann. Literatur darf für mich gern anspruchsvoll, fordernd und auch verstörend sein, aber wenn sich nicht doch auf irgendeine Weise ein “Lesevergnügen” einstellt, ist das einfach nichts für mich.
    Respekt, dass du dich dennoch darauf eingelassen hast!

  2. Devona -

    Es ist ein recht DÜNNES Buch, von daher ging es. Und ja, es ist ein Extremexperiment mit Sprache. Mich stört daran weniger, DASS Jemand experimentiert, mich stört, daß so Einiges, was uns innerhalb und außerhalb von Schulen über Sprache und speziell über Regeln beigebracht wurde (nicht zu vergessen: das wurde BEWERTET und schlug sich in Schulnoten wieder, die Einfluss auf den weiteren Bildungs- und Lebensweg hatten!), konsequent außen vor gelassen wird und das dann als “Verdichtung von Sprache” bezeichnet und bejubelt wird. Wenn wir ohne Kennzeichnung der wörtlichen Rede, Fragezeichen und Ausrufezeichen im schriftlichen Deutsch auskommen, ja bitte. Dann brauchts aber auch keine teuren Rechtschreibreformen und jeder Schüler möge doch schreiben, wie er denkt. Könnte für kommende Lesergenerationen vielleicht recht spannend werden. ;-)

  3. Neyasha -

    Naja, ich bin ja schon eine Verfechterin der Theorie, dass man die Regeln erst mal kennen muss, um sie bewusst brechen zu können. Insofern widersprechen sich für mich Regeln bei Rechtschreibung und Interpunktion, deren korrekte Anwendung man lernen sollte, und Sprachexperimente, bei denen einiges gezielt weggelassen wird, nicht. Aber ich lese es trotzdem nicht gern, wenn es zu extrem wird.

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