Schlick – Ada Dorian

Schlick – Ada Dorian

 

Schlick

 

Erschienen: 2015 bei Ullstein fünf
Autor/in: Ada Dorian

Klappentext: »Vater, Mutter, Kind: Ich sehe das als ein großes Thema unserer Generation. Vielleicht sogar als das größte persönliche Thema unserer Zeit, weil alle Varianten von Familie erlaubt sind und jeder selbst wählen muss.« Ada Dorian

Ein Toter und zwei Lebende auf einem Bild. Vater, Mutter, Kind. Dieses Foto hätte es so gar nicht geben dürfen – und doch hing es wie selbstverständlich jahrzehntelang in dem Haus, in das Svea mit ihrem Neugeborenen einzieht. Während sie mit ihrem eigenen Leben hadert, ist Svea fasziniert von Helene, der Frau auf dem Bild.
Ein poetischer Roman über zwei Frauen, die sich verblüffend ähnlich sind, obwohl sie hundert Jahre trennen, über die Konstruktion von Erinnerungen und darüber, wie viel Ungesagtes eine Familie verträgt.

Schlick – Ada Dorian

Ich bin ein furchtbar konservativer Leser, der mit Extrem-Experimenten sprachlicher, stilistischer und ja: auch inhaltlicher Natur nicht allzu viel anfangen kann, weil sie mir allzu oft das Gefühl vermitteln, es ginge nicht primär um den Leser, sondern um die Selbstdarstellung des Autors. Ich mag Autoren die Geschichten erzählen können, den Leser an die Hand nehmen, um ihm Stimmungen vermitteln zu wollen und genau aus dem Grund habe ich mich auf Ada Dorians Neuerscheinung “Schlick” gefreut. Die Autorin konnte mich schon mit “Betrunkene Bäume” überzeugen. Einfühlsam und glaubwürdig erzählt sie die Geschichte zweier Frauen, die -getrennt durch 100 Jahre- beide ihren Platz im Leben suchen.

Geschichten, die auf zwei Zeitebenen spielen, sind seit einiger Zeit sehr en Vogue und dankenswerterweise folgt die Autorin hier nicht dem bereits altbekannten und furchtbar ausgelutschtem Schema des auf Biegen und Brechen Zusammenführenwollens der beiden Zeitstränge mit einem kitschigen Ende…vielmehr ist Helenes Foto aus der Vergangenheit für Svea nur ein Denkanstoß, ein kleiner Schritt auf die Brücke mit dem Blick zur Vergangenheit, überqueren muss sie diese Brücke aber nicht. Helenes Geschichte bleibt allein dem Leser vorbehalten. Das gibt dem Roman die Tiefe, die ich bei ähnlichen Zeitebenen-Romanen ansonsten vermisse und weshalb ich sie nicht lese.

Svea ist eine Suchende: unangepasst und nicht wie ihre jüngere Schwester dem perfekten Lebensplan mit Kindern, Mann und Haus folgend, geht sie einem nicht besonders befriedigenden Langzeitstudentenleben mit unverbindlichen und häufig wechselnden Partnerschaften nach, die sie beendet, bevor sie die sexuelle Ebene verlassen können. Bis sie Christian trifft. Mit ihm ergibt sich eine zunächst geistige Partnerschaft mit guten Gesprächen, die beide bereichern. Svea beginnt, ihre bisherige Tages- und Nachtgestaltung in Frage zu stellen und Christian fehlt ihr, als er längere Zeit nicht am Campus auftaucht. Der Wiedersehensfreude folgt eine Schwangerschaft. Svea muss über die Entscheidung über eine Abtreibung gar nicht groß nachdenken: beschließt aber der Ehrlichkeit halber, Christian von der Schwangerschaft in Kenntnis zu setzen. Er akzeptiert ihre Entscheidung zunächst: ruft aber irgendwann noch einmal an und meint, man könne es doch probieren. Gemeinsam mit Kind.

So landet Svea, zunächst begeistert von dem Umstand, dem eigenen Leben eine entscheidende und mit Kind auch so sinnvolle Wende in ihrem Leben gegeben zu haben, in einem alten Haus, was seit Generationen in Besitz von Christians Familie ist. Während Linus -ihr mittlerweile geborener Sohn- ein ununterbrochen schreiendes Bündel in ihrem Arm ist und Svea an Schlafentzug zu leiden beginnt, verstopfen die uralten Abwasserleitungen des Hauses und Christian ist nicht da: sein erster Job führt ihn ans andere Ende der Welt und Svea beginnt zu zweifeln. An sich, an Christian, an Linus, an diesem Haus und überhaupt an allem. Beim Suchen nach Werkzeug zum Reparieren der verstopften Rohre, wozu sich der nette Nachbar Mark bereit erklärt, findet Svea das Bild von Christians Urgroßmutter: Helene mit Mann und Kind, aufgenommen zu einem Zeitpunkt, an dem es den Mann schon gar nicht mehr gab: er fiel im ersten Weltkrieg. Wer ist der Mann, wenn nicht Helenes Ehemann? Bei genauerem Betrachten erkennt Svea, dass das Bild eine für damalige Verhältnisse recht gut gemachte Fälschung ist: der Mann wurde nachträglich ins Foto hinein retuschiert. Sveas Jagdinstinkt ist geweckt: was hat es mit dem Foto auf sich? Ihre Spurensuche führt sie in den Ort zu einem entfernten Verwandten von Christian und ins Altenheim, wo Marks alte Tante lebt, die Helenes Tochter Sophie noch kannte. Sie ist sich sicher, dass Helenes Mann erst ein paar Jahre nach dem ersten Weltkrieg starb, selbst gekannt hat sie ihn allerdings auch nicht mehr. Nur das Foto, welches zur damaligen Zeit an der Wand hing.

Parallel zu Sveas Suche lernt der Leser Helene kennen, die, des Mannes durch einen unsinnigen Krieg beraubt, das Überleben ihres Kindes sichern muss: der Hunger fordert täglich seine Opfer und auch Helene muss schwere Entscheidungen treffen. Andere Entscheidungen als Svea, existenziellere Entscheidungen und eine davon wird für immer im Dunkel der Zeit verschwinden. Svea muss nur im Schlick ihrer verstopften Wasserleitungen stochern, Helene wird den ihrigen Schlick zeitlebens als Ballast auf der Seele herum tragen müssen. Und während Svea soziale Kontakte neu knüpft und die Verbindung zu ihrer Familie wiederaufnimmt, um Linus ein richtiges Familienleben zu ermöglichen, bestätigt ein letzter Ausrutscher mit Mark, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hat: für Linus und Christian mit allen Konsequenzen.

Fazit: Ada Dorian erzählt unaufgeregt, aber immer mit dem Sog in die Geschichte hinein. Ihre Charaktere sind nicht besonders, sie sind völlig normal und glaubhaft. Charaktere, denen Lebensentscheidungen abverlangt werden, die sich damit schwertun, letztendlich aber handeln: für beide Frauen steht  der Nachwuchs an erster Stelle. Empfehlenswerter Roman, nicht wortgewaltig und nicht die Welt aus den Angeln hebend, verschwindet er trotzdem nicht sofort wieder aus dem Lesegedächtnis. Und genau das machen für mich gut erzählte Geschichten aus.

PS. Dankbar bin ich der Autorin zusätzlich, dass sie sich dem brisanten Vater-Mutter-Kind-Thema ebenfalls auf konservative Weise und nicht im experimentellen Rahmen genähert hat.

 

 

 

 

 

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