Die blinden Sonnenblumen – Alberto Méndez

Die blinden Sonnenblumen

Erschienen: 26.08.2005 bei Verlag Antje Kunstmann
Autor/Autorin: Alberto Méndez

Klappentext: In vier kunstvoll miteinander verwobenen Episoden erzählt Méndez vom Grauen des Spanischen Bürgerkrieges. Für die republikanischen Spanier wurde er ein Kreuzweg, der Tausende in die Gefängnisse und vor die Gewehrläufe des Erschießungskommandos brachte. Da ist z.B. der junge Dichter, der mit seiner schwangeren Frau vor der Armee in die Berge flieht und in der verschneiten Wildnis das Tagebuch von der Geburt seines Kindes, dem Tod der Mutter, des Kindes und seines eigenen Sterbens hinterlässt. Alberto Méndez hat vier exemplarische Niederlagen beschrieben. Die Helden dieser Geschichten vereint das staunende Entsetzen über die Gewalt der Sieger, die ihnen die Luft zum Atmen nimmt. Wie blinde Sonnenblumen sind sie, Sonnenblumen, denen das Licht fehlt. Alberto Méndez‘ Roman ist mit Spaniens wichtigstem Literaturpreis, dem Premio de la Critica, ausgezeichnet.

Die blinden Sonnenblumen – Alberto Méndez

„Die blinden Sonnenblumen“ ist das einzige Buch von Alberto Méndez, spanischer Verleger und aktiver Widerstandskämpfer gegen das bis 1975 andauernde Franco-Regime, der dafür posthum zu Recht mit dem wichtigsten nationalen Literaturpreis ausgezeichnet wurde.

Der spanische Bürgerkrieg endete 1939 mit der Niederlage der Volksfront der Zweiten Spanischen Republik, die mit der Machtübernahme von General Franco -unterstützt von Hitlerdeutschland und Italien- einer Gewalt-Diktatur weichen musste.  Im „Franquistischen Staat Spanien“ (1939-1975) waren nicht nur in den ersten Jahren nach Kriegsende politische Morde an der Tagesordnung. Unschuldige Menschen wurden reihenweise erschossen oder in den eigens dafür errichteten Konzentrationslager interniert, bis heute gibt es ungezählte Spanier, die entweder verschwunden oder deren Tod bis heute ungeklärt ist.

In seinen vier Episoden, die auf einzigartige Weise miteinander verwoben sind – Episode 1 z.B. erklärt am Ende nur knapp, was mit dem Protagonisten passiert, eine detaillierte Erklärung dazu findet der Leser in Episode 3, die eigentlich ein anderes Schicksal beschreibt –  greift Méndez willkürlich einfache Menschentypen aus der großen Masse heraus. Keine Helden, sondern Menschen, die diesen Krieg überlebt haben, die einfach nur weiterleben möchten und denen er -so wie Francos Regime- keine Chance lässt. Entsprechend sind die Episoden mit „1. Niederlage 1939“, „2. Niederlage 1940“ usw. betitelt. Der Leser weiß, worauf er sich einlässt, wird aber trotzdem mit voller Wucht getroffen.

Seine Intention für dieses Buch verpackt Méndez nicht in ein eigenes Vorwort, sondern lässt am Anfang der ersten Episode einen anderen großen spanischen Poeten zu Wort kommen:

Etwas überwinden bedeutet, es akzeptieren, nicht einfach einen Strich ziehen oder es als vergessen betrachten. Nach einer Tragödie ist die Trauerarbeit unerlässlich, unabhängig davon ob es zu einer Versöhnung und Vergebung kommt oder nicht. In Spanien fand eine solche Trauer, die unter anderem die öffentliche Anerkennung tragischer und vor allem irreparabler Ereignisse bedeutet, nicht statt. Ganz im Gegenteil, immer wieder feiert man in der wiederhergestellten relativen Normalität die Verwischung zwischen dem, was bereits Geschichte wurde und doch noch nicht ist, wohl niemals sein wird, zwischen Leben und abwesendem Leben. […]

                                Carlos Piera (Vorwort zu Tomás Segovia „En los ojos del día, Antología Poética“)

„Die blinden Sonnenblumen“ ist ein trauriges Buch, ein Trauerbuch, ein Erinnerungsbuch. Seine Eindringlichkeit erhält es durch die unsentimentale Schonungslosigkeit und nüchterne Direktheit, mit welcher der Autor den Leser mit diesen -stellvertretend für Viele stehenden- Menschenschicksalen konfrontiert und der dazu kontrastierenden poetischen Schönheit der Sprache, insbesondere an den Stellen, an welchen er einige seiner Anti-Helden ihre Erlebnisse in tiefer Hoffnungslosigkeit aufschreiben lässt. Die Erzählperspektiven wechseln -in der letzten Episode sind es drei verschiedene.

Der Autor prangert aber mit diesem Buch nicht nur die Diktatoren an. Wenn in der letzten Episode das Schicksal des Protagonisten durch egoistisches, unmoralisches, unsoziales und zutiefst verabscheuungswürdiges Verhalten eines Vertreters der katholischen Kirche besiegelt wird, dann sitzt auch diese Institution -die übrigens zuvor selbst im besonderen Fokus der Verfolgungen und „Säuberungen“der ANDEREN Kriegspartei stand- nur stellvertretend auf der Anklagebank. JEDER ist gefragt, sein Handeln, seine Moral und seine Mitmenschlichkeit zu reflektieren.

Fazit: Méndez hat ein kleines, aber wichtiges, tiefgründiges, trauriges und mahnendes Buch hinterlassen, dass ich jedem Leser nur ans Herz legen kann. Besonders in einer Zeit, in der Zivilcourage abhandengekommen scheint, zu Denunziationen aufgerufen wird, soziale Gefüge auseinander zu brechen drohen und am Horizont die schwarzen Wolken der Diktatur aufziehen. Es ist völlig egal, ob diese Diktatur links oder rechts ist: Verlierer und Opfer ist der Mensch außerhalb des Machtgefüges. Die große Masse, die Freiheit, wir ALLE. Genau das führt Méndez eindringlich vor Augen.

 

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