Zärtliche Klagen – Yoko Ogawa

 

Zärtliche Klagen

Erschienen: 20.02.2017 bei Liebeskind
Autor/Autorin: Yoko Ogawa

Klappentext: Tief verletzt durch die Untreue ihres Mannes, flieht Ruriko aus Tokio und zieht sich in ein einsam gelegenes Landhaus zurück. Sie arbeitet als Kalligrafin und will dort Ruhe finden, um die Transkription der Lebenserinnerungen einer englischen Dame abzuschließen. Bald schon lernt sie ihre neuen Nachbarn kennen. Nitta war früher ein bekannter Pianist und widmet sich nun dem Bau von Cembalos. Dabei geht ihm eine junge Frau namens Kaoru zur Hand, die er als seine Assistentin vorstellt. Von ihr erfährt Ruriko, dass Nitta nicht mehr vermag, in der Gegenwart anderer Klavier zu spielen. Es ist, als wäre sein Herz zu Stein geworden und die Musik zur bloßen Erinnerung … Ruriko und Nitta fühlen sich zueinander hingezogen, und doch spürt die Kalligrafin, dass zwischen ihm und seiner Assistentin unsichtbare Bande bestehen, die stärker sind als das, was Nitta für sie empfindet.

Zärtliche Klagen – Yoko Ogawa

Ich bin bekennender Fan von Liebeskind – ein wundervoller Verlag mit ausgewählter Literatur außergewöhnlicher Schriftsteller. Dem Interessierten lege ich gerne diesen informativen Blogbeitrag des Kaffeehaussitzers, dem man eigentlich nichts hinzufügen muss, ans Herz. Und während ich „Zärtliche Klagen“ rezensiere und „Alles was ich am Strand gefunden habe“ (Cynan Jones) final bebrüte, haben „Meroe“ (Olivier Rolin) und „Dieser Volkszähler“ (China Miéville) die oberen Plätze meiner Wunschliste okkupiert. Womit das Frühjahrsprogramm von Liebeskind vorgestellt wäre: Klasse statt Masse.

Mit dem Klappentext ist zum Plot des Romans alles gesagt. Es passiert nicht viel. „Zärtliche Klagen“ ist die leise, poetische Erzählung einer nicht alltäglichen Dreiecksgeschichte, in welcher sich alle drei Protagonisten miteinander und unabhängig voneinander weiterentwickeln. Jeder von ihnen hat seine eigene Geschichte, entwickelt Projektionen auf den/die jeweils anderen und muss schlussendlich Entscheidungen treffen. All das ist eingebettet in die wunderbare Welt der Musik, den Bau von Cembalos mitten im Wald am Ende der Welt – Yoko Ogawa ist mit ihrer ganz speziellen Erzählart aus der Perspektive Rurikos ein großartiger Fühl-Roman gelungen.

Das Schilf wogte im Wind, die Flügel der Windmühle drehten sich beschwingt, das Menuett war mit kleinen Verzierungen geschmückt, das Rondo ließ einen wehmütigen Nachklang zurück. Manche Stücke versanken im Schnee. Andere schlugen von uns Wellem, wiederum andere wisperten traurige Worte.

Der Klang des Cembalos drang in die Tiefen meines Herzens vor. Langsam erfüllte er jene Finsternis, wo weder Licht noch Sprache hingelangten. Ohne sich wieder zu verflüchtigen. Er blieb dort bis in alle Ewigkeit.

Rurikos Erkenntnisprozess bezüglich ihrer Verliebtheit zu Nitta, der gemeinsam mit Kaoru in einer ganz eigenen Welt lebt und in der sein kurzzeitiges körperliches Begehren von Ruriko von völlig untergeordneter Bedeutung ist, ist für den Leser genauso schmerzlich wie für Ruriko selbst. Besonders faszinierend wirkt das Ganze durch die typisch japanische Mentalität: man geht miteinander respektvoll, rücksichtsvoll und absolut ehrlich um. Nach über einem Jahr gemeinsamen Arbeitens und täglicher intensiver, menschlicher Nähe sprechen sich Nitta und Kaoru immer noch mit „sie“ an.

Ruriko selbst ist sich eigentlich bewusst, dass Nitta für sie unerreichbar ist und ihre nicht erwiderte Liebe zu ihm nur scheitern kann, er lässt zu keinem Zeitpunkt im Unklaren darüber. Sie versucht trotzdem, diese Tatsache mit verzweifelten, irrationalen und nicht fruchtenden Aktionen aus der Welt zu schaffen – um ihn von einer gemeinsamen Reise mit Kaoru zur Einweihung eines von ihnen gefertigten Cembalos abzuhalten, droht sie hysterisch, seinen Hund zu töten. Einen treuen Gefährten, dem sie ebenso wie Kaoru und Nitta, in liebevoller Zuneigung verbunden ist. Es ist ein letztes Aufbäumen, schlussendlich weiß sie, dass sie nicht nur ihre gescheiterte Ehe beenden muss, sondern auch Nitta loslassen muss, um sich in ihrem eigenen Leben unabhängig und frei neu orientieren zu können.

Wunderschön und darüber hinaus höchst informativ sind auch die Beschreibungen des Schaffensprozesses der Cembalos von Kaoru und Nitta, die dem Leser ein Gefühl dafür nahebringen, was die beiden miteinander verbindet.

Fazit: „Zärtliche Klagen“ ist aufgrund des Umfangs ein wundervolles Buch für einen gemütlichen, nachdenklichen, entspannenden Lesetag, bei dem man tief in die poetische, japanische Erzählart Yoko Ogawas eintaucht, die zu den wichtigsten japanischen Schrifstellerinnen der Gegenwart gezählt wird.

 

 

 

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