Was verborgen bleibt – Britta Boerdner

Was verborgen bleibt – Britta Boerdner

Was verborgen bleibt

Erschienen: 01.09.2012 bei Frankfurter Verlagsanstalt
Autor/Autorin: Britta Boerdner

Klappentext: Es gibt ein Versprechen, abgegeben viele Jahre zuvor: Wer als Erster in der großen Stadt Fuß fasst, zieht den anderen nach. Nun ist sie ihrem Freund über den Ozean gefolgt, erst einmal auf Probe in die ferne Metropole. Was als Neuanfang gedacht war, stellt sich aber als der Beginn eines Abschieds heraus. Da sind Gregors Überstunden und die abendliche Beklommenheit, wenn beide in der Dunkelheit nebeneinanderliegen. Und die Katze im Innenhof, die er füttert, wenn er sich unbeobachtet fühlt. Getrieben von ihrer Sehnsucht nach vertrautem Terrain, wandert die Erzählerin tagsüber durch die winterlichen Straßen, auf der Suche nach den Indizien der Liebe und der früheren Intimität. Aber alles bleibt fremd, nichts kann mehr zugeordnet werden. Der Versuch, neue Rituale zu schaffen, scheitert, und an alte anzuknüpfen, scheint unmöglich. Sie tastet sich durch den Dunst der Februartage, seltsam in Watte gepackt, versucht mitzuhalten mit der Schnelligkeit der Stadt, wenn sie unvermittelt in ihren Rhythmus gezogen wird. Szenen ihrer ersten Monate steigen in ihr auf, als das Spiel der Körper noch die Grenzen zwischen ihnen aufzulösen schien und sie gemeinsamen Träumen nachhingen, als sie ihm die Unterlagen für die Green-Card-Lotterie vorlegte in dem Glauben, ihrer Zukunft einen Schubs zu geben. Nun muss sie schmerzlich hinnehmen, wie er ihre Wärme ablehnt und sich in sich zurückzieht. Ein gemeinsamer Opernbesuch wird zum Fiasko. Es ist ein Atemanhalten, eine Stimmung zerbrechlich wie Glas. Bis zu dem Moment, als sie gemeinsam auf einer Party sind und eine Szene aus ihrer Erinnerung aufblitzt, der Augenblick, als vor einer geöffneten Kühlschranktür bereits alles unbemerkt zwischen ihnen zerbrach.
Mit pointierter, klarer Sprache erschafft Britta Boerdner eine Gefühlswelt von hoher Authentizität, einen melancholischen Mikrokosmos innerhalb einer Weltstadt, in dessen Starre sich schon der Aufbruch ankündigt, und schildert in eindrücklichen Bildern den Moment, in dem eine Liebesbeziehung schweigend – im Verborgenen – zu Ende geht.

Was verborgen bleibt – Britta Boerdner

Beim Blättern durch Verlagsvorschauen etc. gelangte ich über ein im März erschienenes Buch von Britta Boerdner und der damit im Zusammenhang stehenden Recherche über die Autorin zu ihrem Erstling „Was verborgen bleibt“ aus dem Jahr 2012. Da mich der -wieder einmal sehr gut passende!- Klappentext sofort ansprach und mir eigentlich auch ziemlich egal ist, wann ein Buch erschienen ist, das ich lesen möchte, landete es auf meiner (exorbitant großen) österlichen Leseliste und wurde auch in einem Zug durchgelesen.

Der schmale Band hat grade mal 160 Seiten und ich habe auch aufgrund der Struktur der Erzählung ein Problem mit der Deklaration „Roman“, für mich ist das eine klassische Novelle, aber sei’s drum, das Etikett tut dem Lesegenuss letztendlich sowieso keinen Abbruch.

Britta Boerdner erzählt in klaren, sehr leisen und ruhigen Tönen, ihr gelingt es, die immer kälter werdenden inneren Stimmungen, die das Ende der Beziehung zwischen der namenlosen Ich-Erzählerin und ihrem Partner Gregor einläuten, nicht nur punktgenau einzufangen, sondern auch für den Leser unmittelbar spürbar weiter zu entwickeln, bis nichts Anderes mehr bleibt als Kälte und der Leser selbst fröstelt. Nicht zuletzt auch durch die wundervoll beschriebene eisige-klirrende Februar-Kulisse des winterlichen New York, durch welche ihre Protagonistin auf der Suche nach ihren Träumen, ihren Gefühlen, ihrer Beziehung, sich selber und auch nach der sonnigen Stadt, indem die Geschichte ihren Anfang nahm, stundenlang und ziellos durch leise fallende Flocken wandert.

Fünf Jahre sind Gregor und die Erzählerin ein Paar, keine überstürzte Jugendliebe, die Seelenverwandtschaft Anfang der Dreißiger war es. Die absolute Gewissheit, die passende zweite Hälfte für den Rest des Lebens gefunden zu haben, es reichen wenige Rückblicke für den Leser, um diese außergewöhnliche und von Anfang an tiefgründige Verbindung einordnen zu können. Soziale Kontakte waren nicht mehr so wichtig wie das Eins-Sein in der Beziehung. Dann der große, gemeinsame Lebenstraum am Ende eine Urlaubsreise, als das damals sommerliche New York sie beide mit flirrender Hitze und dem amerikanischen way of life verzauberte: hier wollen wir leben. Das Versprechen, den anderen nachzuholen, falls man der Erste wäre, der die greencard erhalten hat.

Gregor ist der Glückliche – und nach nunmehr einem knappen halben Trennungsjahr kommt sie ihn in New York besuchen, im Gepäck ihre Bewerbungsunterlagen und ambitioniert, sich auf Jobsuche zu begeben. Aber von Anfang an stimmt nichts mehr zwischen ihnen: sei es der fehlende innige Begrüßungskuss, den sie sich so sehr gewünscht hat, um die vertraute körperliche Nähe zwischen ihnen schnell wieder herstellen zu können oder die für sie fast körperlich spürbare Mauer, die er um sich zu errichtet haben scheint. Neue Gewohnheiten im alltäglichen Tagesablauf in einer ihr fremden Wohnung, kleine Rituale, die er mit ihr -seiner einstigen Seelenverwandten- nicht mehr teilen kann oder will. Ernüchtert muss sie überdies zu Kenntnis nehmen, dass die von ihr geplanten drei Wochen Besuch nach einer so langen Zeit der Trennung mehr sind, als er angenommen hatte.

Er ist längst in New York angekommen, die Stadt und ihr Rhythmus haben ihn assimiliert, er lebt New York und dessen Schnelligkeit, während sie im deutschen Besuchsmodus allein gelassen keinen Anschluss finden kann. Nicht an ihn, nicht an die einstmals so glorifizierte Stadt. Trotz allem spürt sie, dass auch er einsam ist. Seine Tage gehen mit dem Job bis spätabends dahin, man hat es nicht leicht als Einwanderer und muss sich hocharbeiten, kontinuierlich Leistung abrufen. Und während sie bei den Tageswanderungen durch New York nach den eigenen Spuren suchend feststellt, dass sie die frühere Verbindung zu ihm auch an den mit gemeinsamer Geschichte angereicherten Schauplätzen von New York nicht wiederaufnehmen kann, wird ihr kälter und kälter.

Ihre eigenen Empfindungen vermitteln ihr schnell die profane und ungeheuerliche Erkenntnis: es ist vorbei. Noch immer sucht sie, sie bedauert und nach und nach zieht auch Trauer in ihr Herz. Aber sie wird nicht kämpfen, es ist keine Zeit für Kampf. Gregor und sie haben sich ganz einfach verloren, da gibt es nichts zu kämpfen.  Nach einem desaströsen Opernbesuch und einer seltsamen Party mit einem Grüppchen Menschen -deutsche Auswanderer, die sich gegenseitig unterstützen und beim Einstieg in der neuen Welt beistehen- zu denen sie ebenfalls keinen Zugang findet, liegen beide starr nebeneinander im Bett und sie realisiert, dass es nicht einmal mehr die Zeit zum Reden ist.

Ich wusste alles von dem Moment an, in dem ich Gregors Wohnung zum ersten Mal betrat und mir der Mantel schief über die Schulter hing, und sie war die ganze Zeit da, die Gewissheit, nichts stimmt, alles hat sich ineinander verschoben, die Gegenwart und die Vergangenheit, und in diesem Schacht, ohne Tageslicht, nur den Wind hörte ich heulen, die Tauben ein Märchen erzählen, meine Füße auf unbekanntem Boden, mein Kopf im uralten Licht. Am ersten Morgen in dieser Stadt bin ich erfroren, am zweiten Tag erstarrt, am dritten Tag erstickt, und noch immer liegt mein Körper ungesehen zwischen den moosfaulen Wänden.

Um das, was einmal zwischen ihnen war, festhalten und über das Ende ihrer Liebe hinaus in sich bewahren zu können, schluckt sie die vielen drängenden und Klarheit versprechenden Fragen, zu deren Beantwortung Gregor weder bereit noch überhaupt in der Lage zu sein scheint, hinunter. Sie bricht die Sprachlosigkeit, die seit ihrer Ankunft zwischen ihnen herrscht und die lediglich mit Alltagsfloskeln kaschiert wurde, nicht gewaltsam auf. Es ist ein schweigendes Ende.

Fazit: Britta Boerdner vermittelt mit dieser Geschichte sehr virtuos und absolut realitätsnah die Stimmungen beim leisen Abgesang einer tiefen Beziehung. Absolute Leseempfehlung für Leser, die  leise und tiefgründige Zwischentöne dem schnellen und spannenden Plot eines Buches vorziehen. Es ist aufgrund des Umfangs ganz toll für einen langen Leseabend geeignet.

 

 

 

 

 

 

 

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