Ich bin böse – Ali Land

Ich bin böse – Ali Land

Erschienen: 20.02.2017 bei Goldmann
Autor/Autorin: Ali Land

Klappentext: Die 15-jährige Milly wächst schwer traumatisiert in einer Pflegefamilie auf. Eine neue Identität soll alle Spuren zu ihrer Vergangenheit verwischen. Denn Milly ist die Tochter einer Serienmörderin. Und diese konnte nur gefasst werden, weil Milly der Polizei entscheidende Hinweise gegeben hatte. Jetzt wird ihrer Mutter der Prozess gemacht, und Milly wird plötzlich von Gewissensbissen heimgesucht. In ihrer Pflegefamilie findet das Mädchen keine Unterstützung, um diese schwere Zeit zu überstehen – im Gegenteil: Phoebe, die leibliche Tochter, hasst Milly von ganzem Herzen und versucht mit allen Mitteln, ihr das Leben so schwer wie möglich zu machen. Und damit weckt sie in Milly eine verborgene Seite. Eine böse Seite. Denn Milly ist die Tochter ihrer Mutter …

Ich bin böse – Ali Land

Im Danksagungsteil des Buches am Ende ist zu lesen: “An die Kinder und Teenager, um die ich mich gekümmert habe: Es war für mich ein Privileg, euch kennenzulernen. Ihr wart mehr als tapfer, ohne euch hätte dieses Buch nicht entstehen können. Danke dem Klinikpersonal, mit dem ich im Lauf der Jahre zusammengearbeitet habe, für das Lachen, das so oft Weinen hätte sein können.”

Man merkt diesem Buch einhundertprozentig an, dass die Autorin genau weiß, worüber sie schreibt. Ali Land hat Psychologie studiert, ihr Hauptforschungsgebiet war die Psyche von Heranwachsenden, und ihre Doktorarbeit trägt den Titel “Children Who Kill”. Obwohl die beschriebene Geschichte fiktiv -wenn auch von einem realen Fall inspiriert- ist, hat sie einen extrem hohen Glaubwürdigkeitsfaktor, der sie dem Leser durchaus real erscheinen lassen kann.

Zum Allgemeinverständnis: viele Leser sind enttäuscht und bemängeln, dass ihnen das Buch für einen Thriller nicht spannend genug ist. Ja klar, logisch. Das IST kein Thriller, das ist ein “psychologischer Spannungsroman“. Steht auch direkt vorne so drauf, ich stelle nur immer wieder fest, dass trotzdem Viele einen (Psycho)Thriller erwarten. Dem Anspruch kann dieses Buch nicht gerecht werden: wer nervenzerfetzende Spannung aufgrund unvorhersehbarer Wendungen erwartet, die ein guter Thriller unweigerlich bietet, wird von diesem Buch enttäuscht sein. Allzu viel Plot gibt es nicht und die gleichbleibend hohe, fast schon vibrierende Spannung erhält die Handlung durch die äußerst subtile Beschreibung von psychischen Befindlichkeiten aufgrund verschiedenster zwischenmenschlicher Beziehungen der Protagonisten.

Die Grundstimmung ist durchweg düster und beklemmend, die Autorin schreibt aus der Ich-Perspektive von Milly. Das Mädchen ist innerlich zerrissen und ihr aussichtsloser Kampf gegen äußere Umstände und innere Dämonen ist auf jeder Seite des Buches spürbar und macht den Leser betroffen und hilflos. Sie ist durchaus ein starker Charakter. Sie hat es geschafft, ihre Mutter bei den Behörden anzuzeigen und diese sieht nun ihrem Prozess entgegen. Milly hasst ihre Mutter einerseits, andererseits sehnt sie sich auch nach ihr, wofür sie sich wiederum hasst. Ihre größte Angst ist es, so zu werden wie die Mutter. Wenn alle diese Gefühle in ihr Achterbahn fahren und unerträglich werden, fügt sie sich Verletzungen zu. Die Autorin lässt keinen Zweifel daran, dass Milly über Jahre des Zusammenlebens mit ihrer Mutter seelisch und körperlich auf schwerste Weise missbraucht wurde, geht aber bei Millys gedanklichen Rückblenden in diese Zeit nicht allzu sehr ins Detail und überlässt größtenteils dem Kopfkino des Lesers die Interpretation der schlimmen Szenen.

Milly kommt nach der Verhaftung ihrer Mutter und bis zum Beginn des Prozesses als Pflegekind mit komplett neuer Identität in die Familie des Psychologen Mike Newmont, der sie intensiv auf den Prozess vorbeiten soll, denn sie ist Hauptbelastungszeugin. Das Mädchen findet sich -aus der Hölle mit einer Serienmörderin kommend-  inmitten einer intakten Upperclass-Familie wieder, sie mag Mike und vertraut ihm. Plötzlich hat sie eine “richtige” Familie. Sie bekommt ein eigenes Zimmer, neue Kleidung, Geschenke. Obwohl sie von Mike und seiner Frau herzlich willkommen geheißen wird, spürt sie schnell, dass die heile Welt doch nicht ganz so heil ist. Die Tochter des Hauses, Phoebe, sieht in ihr eine Konkurrentin um die Gunst des Vaters, der sehr auf seine Arbeit fixiert ist und kein Gespür für die emotionalen Befindlichkeiten seiner Teenie-Tochter entwickelt: ein großes Manko für einen Psychologen, zumal Milly nicht das erste Pflegekind ist.

Phoebe lehnt Milly offen ab, bekommt das neue Familienmitglied aber zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit vom Vater ans Bein gebunden: schnell wird so in Schule und Privatleben aus der Ablehnung hasserfülltes Mobbing, dem sich Milly allerdings nicht reaktionslos ausliefert und unter dem sie aufgrund ihrer Vorgeschichte nicht ganz so sehr leidet, wie es ein unbelasteter Charakter tun würde. Sie wehrt sich und konfrontiert Phoebe mit Reaktionen, die dieser unbekannt sind, die sie nicht erwartet und die sie teilweise verunsichern – allerdings auch nicht von weiterem Mobbing abhalten. Milly findet in Morgan -einem Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen, welches nicht auf die teure Privatschule von Phoebe und Milly geht- eine Freundin, der sie vertraut und die ihr zunehmend wichtiger wird.

Saskia, Mikes Frau wirkt ehrlich um beide Mädchen bemüht, bekommt aber weder einen vernünftigen Kontakt zur Tochter noch zur Pflegetochter auf die Reihe. Phoebe befindet sich in einer emotional ähnlichen Lage wie Milly: als Heranwachsende benötigt sie dringend Eltern, sie sehnt sich nach Zuwendung, die Saskia ihr aber nicht geben kann, da sie mit Phoebes herablassender und verächtlicher Art überfordert ist und es nicht vermag, ihr Grenzen zu setzen. Sie flüchtet sich in Alkohol und Gelegenheitssex mit ihrem Fitnesstrainer, Mike hat ohnehin genug damit zu tun, Sitzungen mit Milly abzuhalten, der Prozess rückt unweigerlich näher. Die von ihm gelegentlich initiierten Unternehmungen einer glücklichen Familie, wie Kinobesuche oder Wochenendausflüge, denen sich Phoebe konsequent verweigert und bei denen Saskia den Alkoholverbrauch erhöht, kontrastieren die ganze Situation zusätzlich bis hin zur Absurdität.

All diese menschlichen Beziehungen, psychischen Befindlichkeiten und Verflechtungen beschreibt Ali Land aus Millys Perspektive absolut exzellent. Millys permanenter, verzweifelter Kampf, ein guter Mensch sein zu wollen, sich in diese Familie integrieren zu wollen, trotzdem Sehnsucht nach der Mutter zu haben, sie zu hassen im gleichzeitigen Schuldgefühl, sie vor Gericht zu verraten, diese absolute Zerrissenheit eines Missbrauchsopfers ist echt großes Lesekino. Nach dem Prozess muss Milly eine weitere, sehr ernüchternde Lebenslektion lernen, als ihr Mike offeriert, dass sie nicht in dieser Familie bleiben kann und so schnell wie möglich in einer anderen Pflegefamilie untergebracht werden soll. Mike war die berufliche Reputation durch ihren “Fall” offensichtlich wichtiger als ihre Person und er realisiert nun auch, dass seine eigene Tochter mehr Zuwendung braucht. Saskia ist ohnehin alles über den Kopf gewachsen. Phoebe hat herausgefunden, wer Milly wirklich ist und will es am nächsten Tag in der Schule verbreiten. Und Millys innerer Kampf endet, sie entschließt sich, zu handeln…

Fazit: Ein großartiger und gelungener Debüt-Roman, der mich wahnsinnig zu fesseln vermochte, große Beklemmung hervorruft und der keinen wirklich sympathischen Protagonisten enthält – ausser vielleicht das Straßenkind Morgan, die zwar einem sozialen Umfeld entstammt, indem sie sich durchbeißen muss und das ihr keine optimalen Bedingungen für den Start ins Leben bietet, ihr aufgrund der persönlichen Freiheit aber genug Handlungsspielraum lässt, um zumindest eine relativ stabile Psyche zu entwickeln. Absolute Leseempfehlung für Leute, die “Psychologischer Spannungsroman” nicht mit “Psychothriller” gleich setzen. Ich würde gerne mehr von Ali Land lesen.

Vielen Dank fürs Teilen!

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