Poesie und Gewalt: Das Leben der Gudrun Ensslin – Ingeborg Gleichauf

Poesie und Gewalt: Das Leben der Gudrun Ensslin – Ingeborg Gleichauf

Erschienen: 03.02.2017 bei Klett-Cotta
Autor/Autorin: Ingeborg Gleichauf

Klappentext: Gudrun Ensslin – was bewegte sie, was prägte sie und wie war sie wirklich?

Gudrun Ensslin gehörte zur Führungsspitze der RAF und war zugleich weit mehr: eine literarisch hochgebildete Person. Umfassend beschreibt die Autorin Ensslins geistige wie politische Entwicklung und zeigt, wie aus dem intellektuellen Bürgertum des Nachkriegsdeutschlands gewaltbereite Radikalisierung möglich war.

»“Poesie und Gewalt“ handelt von der Unmöglichkeit einer Biografie. Das ist ehrlicher als die dröhnende Selbstgewissheit, mit der andere Bücher vom Leben fremder Menschen fabulieren.«
Robert Braunmüller, Abendzeitung München, 18.01.2017

Im Mittelpunkt dieser Biographie steht eine extreme Person und ihr extremer Lebensweg. Ingeborg Gleichauf räumt mit den gängigen Klischees und Vorurteilen auf, die Gudrun Ensslin als Produkt eines provinziellen Pastorenhaushalts sehen. Sichtbar wird vielmehr eine vielseitig begabte Persönlichkeit der Zeitgeschichte. Souverän schildert die Autorin die Zeitumstände, die die Entwicklung einer Gewaltbereitschaft begünstigt haben. Ensslins Lebensweg prägten nicht sie allein. Ihre intensive Schreibtätigkeit und die Literaturbegeisterung waren zentral für ihre Weltanschauung. Die Autorin zeichnet alle Lebensstationen nach und widmet sich ausführlich den bisher vernachlässigten Kindheits- und Jugendjahren Ensslins. Eindringlich schildert sie Ensslins Beziehungen. In einer besonderen Verbindung von Erzählung und Analyse gelingt es ihr, uns eine ebenso schwierige wie vielschichtige Person nahezubringen, die unsere Gesellschaft radikalverändern wollte.

Poesie und Gewalt: Das Leben der Gudrun Ensslin – Ingeborg Gleichauf

Ich möchte die Einschätzung des Buches durch Robert Braunmüller in der Abendzeitung München vom 18.01.2017, welche im Klappentext zu finden ist, in den Mittelpunkt meiner Besprechung stellen, denn er formuliert genau das, was mir beim Lesen von „Poesie und Gewalt: Das Leben der Gudrun Ensslin“ durch den Kopf ging:

»“Poesie und Gewalt“ handelt von der Unmöglichkeit einer Biografie. Das ist ehrlicher als die dröhnende Selbstgewissheit, mit der andere Bücher vom Leben fremder Menschen fabulieren.«

Das klingt ein wenig ernüchternd und das ist es vielleicht auch für Leser, die sich mit dem Thema RAF und Gudrun Ensslin schon eingehender befasst haben. Nichtsdestotrotz hat Ingeborg Gleichauf einen wirklich guten Job gemacht: ihr intensives, ehrliches Bemühen, hinter dem Mythos den Menschen  Gudrun Ensslin sichtbar zu machen, ist für den Leser bei jeder gelesenen Zeile erkennbar. Immer dann wenn der schmale Pfad der akribischen und wirklich ambitionierten Fakten-Recherche in die Allee der Spekulationen einzumünden droht, kann man als Leser die ungewollte Hilflosigkeit, aber auch die die konsequente Verweigerung der Autorin fast schon selber körperlich spüren. Sätze wie:

Die Faktenlage bezüglich […] erweist sich als äußerst dürftig.

Bis auf diese wenigen Details gibt es […] wenig Konkretes zu sagen.

Mehr als fraglich ist natürlich […]

[…] können wir nicht wissen.

Es scheint, als habe sie so etwas noch nie erlebt.

ziehen sich zuhauf durch das ganze Buch (und ja: sie nerven auch manchmal). Die Ambivalenz der Persönlichkeit Gudrun Ensslins kann die Autorin durchaus gut beschreiben und anschaulich darstellen, allein Erklärungen kann auch dieses Buch zur „Sphinx der RAF“ nicht liefern. Wie aus dem fröhlichen Kind aus streng religiösem Elternhaus, einer hochintelligenten, literatur- und sprachbegeisterten, zielstrebigen Musterstudentin mit Stipendiat, einer intellektuellen jungen Frau mit bedauerlicherweise unglücklichem Händchen bei der Männerwahl eine außerhalb jeden geltenden Rechts stehende, radikale, terroristische Gewalttäterin werden konnte, ist rational auch durch dieses Buch nicht erklärbar. Somit erfährt der Leser an Fakten nicht mehr, als er durch andere Lektüre bereits wusste.

Ingeborg Gleichauf liefert aber viele kleine, interessante Details, indem sie den Versuch wagt, sich Gudrun Ensslin über die Literatur, die diese las, anzunähern. Darauf liegt der eigentliche Fokus des Buches. Es ist ein guter und dezenter Versuch: aber eben auch nur ein Versuch und nicht mehr. Gudrun Ensslin scheint sich auch 40 Jahre nach ihrem Tod einer Analyse entziehen zu wollen.

Das „WARUM?“ steht nach der Lektüre vielleicht sogar noch etwas größer im Raum, als vorher. Und vielleicht möchte ich dieses Buch gerade aus diesem Grund empfehlen. Unsere Gesellschaft ist derzeit gezwungen, ihre Einstellung zu Hass, Gewalt, Radikalisierung, Terror neu zu definieren. Dieses Buch hat mich dazu gebracht, mir auch in Bezug auf mich Fragen dazu zu stellen.

Fazit: Gut gemachte, empfehlenswerte Biografie einer Ausnahme-Persönlichkeit, die keine neuen Fakten, aber einen anderen Blickwinkel anbietet.

 

 

 

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