Im Frühling sterben – Ralf Rothmann

Im Frühling sterben – Ralf Rothmann

 

Erschienen: 15.07.2015  bei HörbucHHamburg
Autor/Autorin: Ralf Rothmann
Spieldauer: 6 Stunden 16 Minuten
Sprecher: Thomas Sarbacher

Klappentext: Im Frühling sterben ist die Geschichte von Walter Urban und Friedrich »Fiete« Caroli, zwei siebzehnjährigen Melkern aus Norddeutschland, die im Februar 1945 zwangsrekrutiert werden. Während man den einen als Fahrer in der Versorgungseinheit der Waffen-SS einsetzt, muss der andere, Fiete, an die Front. Er desertiert, wird gefasst und zum Tod verurteilt, und Walter, dessen zynischer Vorgesetzter nicht mit sich reden lässt, steht plötzlich mit dem Karabiner im Anschlag vor seinem besten Freund … In eindringlichen Bildern erzählt Ralf Rothmann vom letzten Kriegsfrühjahr in Ungarn, in dem die deutschen Offiziere ihren Männern Handgranaten in die Hacken werfen, damit sie noch angreifen, und die Soldaten in der Etappe verzweifelte Orgien im Angesicht des Todes feiern. Und wir erleben die ersten Wochen eines Friedens, in dem einer wie Walter nie mehr heimisch wird.

 

Im Frühling sterben – Ralf Rothmann

Nach längerer Hörbuchabstinenz habe ich in letzter Zeit ein paar sehr empfehlenswerten Hörbüchern gelauscht und mit Beginn des Frühjahrs und diverser outdoor-Aktivitäten wird der Hörphase sicher ein intensives Zwischenhoch beschert. Soeben beendet habe ich „Im Frühling sterben“ von Ralf Rothmann, welches von Thomas Sarbacher mit ruhiger Stimme und leiser Betonung an den richtigen Stellen exzellent in „Hör-Szene“ gesetzt wird. Besonders eindringlich wirkt das Ganze, wenn man es – so wie ich- ohne Unterbrechung hört.

Die eigentliche Geschichte um Fiete und Walter ist eingebettet in eine kleine Rahmenhandlung, in der Walthers Sohn als längst Erwachsener in zeitlich geraffter Form den Lebensweg seines Vaters nach dem Krieg beschreibt. Er skizziert einen fleißigen, stets schwer arbeitenden und für die Familie sorgenden, aber nie glücklich wirkenden und in sich gekehrten Mann, dessen letzte Gedanken auf dem Totenbett sich wieder zu den letzten Kriegstagen flüchten, zu den Geschehnissen, die ihn gezeichnet und ein ganzes Leben lang verfolgt haben.

Diese Geschehnisse erzählt der Hauptteil des Buches, es sind nicht einmal mehr Monate, sondern nur noch Wochen bis zum Ende des Krieges, als Walter und Fiete, beide als 17-jährige Melker-Lehrlinge auf einem Bauernhof tätig, zwangsrekrutiert werden. Als letztes Aufgebot des Führers werden sie in SS-Uniformen gepresst. Nach der lächerlichen und um Wochen verkürzten „Grundausbildung“ werden Walter und Fiete zunächst getrennt. Ihr oberstes Ziel ist es, diesen Krieg, diese letzten Wochen zu überleben, um zu ihren Mädchen zurück zu kehren, ihren Berufsabschluss zu machen und weiter als Melker tätig zu sein.

Walter gibt sich keinerlei Illusionen hin, er weiß, dass es den sicheren Tod bedeuten würde, zu desertieren. Er beteiligt sich nicht an sinnlosen Tötungsaktionen der SS an Zivilisten, er versucht, die völlig entmenschten Täter zu überzeugen, diese Zivilisten -ungarische Bauern- am Leben zu lassen, da sie unschuldig sind – geht aber nicht soweit, sein eigenes Leben zu riskieren, um das Morden zu verhindern. Er will überleben, er versucht, kein Täter zu sein. Viele geschickt eingeflochtene Handlungs-Details über SS-Gräuel und die darauf folgende Kompensation der Täter in Form von Alkohol-Orgien mit Prostituierten bis hin zur Besinnungslosigkeit zeichnen ein deutliches Bild des Zustandes der Einsatztruppen der SS. Im Prinzip ist jedem klar, dass dieser Krieg verloren ist.

Fiete desertiert, er will mit diesem sinnlosen Krieg nichts zu schaffen haben. Er wird geschnappt, zum Tode verurteilt und soll -nicht nur tödliche Bestrafung für den Geflüchteten, sondern auch grausamer Psychoterror für alle anderen Beteiligten- von seinen eigenen Stubenkameraden am nächsten Morgen erschossen werden. Weigern sich diese, werden sie ebenfalls erschossen. Am Abend vor der Exekution kehrt Walter von einem Kurzurlaub zurück, bei dem er Nahe der Frontlinie nach dem Grab seines gefallenen Vaters gesucht hatte -er gehört zu den Stubenkameraden von Fiete und somit zum Exekutionskommando.

Stil und Sprache von Ralf Rothmann sind tief berührend – einfühlsam und poetisch, dennoch auch  nüchtern und nichts beschönigend vergegenwärtigt er dem Leser die absolute, abgründige Sinnlosigkeit des Krieges, im Allgemeinen und im Besonderen und die menschlichen und moralischen Verbrechen, mit denen einer jungen, fast noch kindlichen Generation in diesen letzten Kriegstagen ihre Zukunft genommen und die Seele für den Rest ihres Lebens zerstört wurde. Die Szene, in der Walter bei seinem Vorgesetzen völlig verzweifelt um das Lebens seines Freundes bettelt und das letzte Gespräch sowie der Abschied der beiden Freunde im Rübenkeller des Bauernhofes, wo man Fiete inhaftiert hat, gehören in ihrer sprachlichen Brillanz zum Besten, was ich an Antikriegsliteratur gelesen habe und muss den Vergleich mit „Im Westen nichts Neues“ von Remarque nicht fürchten. Dem Leser geht es ganz tief unter die Haut.

Die kurze Beschreibung der Rückkehr Walters raubt dem Leser die leise Hoffnung, dass wenigstens ihm ein friedliches Leben nach dem Krieg vergönnt ist. Äußerlich im Frieden angekommen, zurück bei der Liebsten, ist Walter nach diesen wenigen Wochen im Frühjahr 1945 ein völlig anderer Mensch, entwurzelt im Umfeld, abgeschnitten von sich selbst. Die schnell und pragmatisch geschlossene Ehe wird sich ebenso schnell in Wortlosigkeit verlieren, da Walter Zeit seines Lebens nur noch hilflos den letzten, leisen und tief in seinem Inneren laut dröhnenden Worten Fietes  lauschen kann: „Aber ich habe es wenigstens versucht!“

Fazit: Absolut empfehlenswerte, tief unter die Haut gehende Schilderung der letzten Kriegstage und der damit einhergehenden Zerstörung einer jungen Generation, große Teile derer nirgendwo im Leben mehr seelisch Fuß fassen konnten.

 

 

 

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