Betrunkene Bäume – Ada Dorian

 

Erschienen: 24.02.2017 bei Ullstein fünf
Autor/in: Ada Dorian

Klappentext:  »Ein wunderschöner, ein perfekter Text.« Klaus Kastberger, Jurymitglied des Bachmann-Preises

»Kraftlos ließ er sich auf die Matratze fallen und legte den Kopf auf das Kissen. Durch die weit geöffneten Fenster drang die warme, duftende Sommerluft und bewegte die Blätter über seinem Kopf. Erich schloss die Augen und lauschte für einige Sekunden dem leisen Knistern, das die Äste an der Tapete erzeugten. Der Stamm reichte bis zur Decke und sorgte dafür, dass die Krone sich fächerförmig ausbreitete. Erich liebte den Geruch der Pflanzen, er erleichterte ihm den Schlaf. Seit die Nachbarin unter ihm gefragt hatte, ob auch er ein Problem mit feuchten Decken habe, war er noch vorsichtiger geworden. Niemand sollte ihm seinen Wald nehmen. Es war alles, was er noch hatte.« Erich ist über achtzig und verliert Stück für Stück seine Unabhängigkeit. Außerdem trauert er um die Liebe seines Lebens. Als junger Forscher hatte Erich eine Expedition in die Taiga unternommen. In jener Zeit hat er Schuld auf sich geladen, die bis heute nachwirkt und Erich vereinsamen lässt. Dann jedoch tritt Katharina in sein Leben. Sie ist von zu Hause ausgerissen, als ihr Vater die Familie verlassen hat. Berührend und poetisch beschreibt Ada Dorian die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft, die um Schuld und Verrat, um Heimat und Entwurzelung kreist. 

Betrunkene Bäume – Ada Dorian

Ich bin ja bekennender Klappentext- und Buchrückseitentextmeckerer, Jeder der viel liest, weiß, was ich meine. Meist ärgert man sich nach der Lektüre des Buches über diesen Text, im schlimmsten Fall lässt sich nicht einmal auch nur ansatzweise ein Bezug zum Inhalt des Buches herstellen. Umso erstaunter war ich, bei Ada Dorians mehr als gelungenem Debüt-Roman auch einen mehr als gelungenen Klappentext vorzufinden, als Rezensent kann man sich überdies dem Zitat von Klaus Kastberger nur vollumfänglich anschließen. Passend in diesem Fall ist auch unbedingt die Wahl des Titels: das Naturphänomen „betrunkene Bäume“.

Die Autorin legt ein leises, aber sehr berührendes Werk vor, welches nicht durch ausufernde Handlung besticht, sondern eine kurze Zeit der Begegnung zweier Entwurzelter fokussiert und sensibel beschreibt – Katharina steht ganz am Anfang ihres Lebens, Erich hat es bereits hinter sich. Der Zufall führt sie zueinander, nachdem Katharina von zu Hause weggelaufen ist und von einem zweifelhaften Bekannten in einer leerstehenden Wohnung untergebracht wird. Katharinas Eltern haben sich getrennt – schon lange haben sie sich auseinandergelebt, schlussendlich flüchtet der Vater in eine berufliche Tätigkeit, die weit weg ist von zu Hause, irgendwo in Sibiriens Weiten. Ihre Mutter arbeitet  seit Katharina denken kann nachts als Putzfrau. Das Mädchen fühlt sich verloren, von den Eltern verraten und auch ihre erste, zarte Jugendliebe scheint gerade zu zerbrechen.

Erich ist alt und während sein Langzeitgedächtnis noch immer tadellos funktioniert und er noch immer  wissenschaftlichen Arbeiten nachgeht -er wertet Daten eines im sibirischen Permafrost lebenden Forschers, der ihn wöchentlich aus der Wildnis anruft, aus und übermittelt sie an ein Forschungsinstitut- lassen ihn sein Körper und sein Kurzzeitgedächtnis mehr und mehr im Stich. Verzweifelt und mehr oder weniger trickreich -seine Tochter hat ihm eine Haushaltshilfe organisiert, die er sich kurzerhand wieder vom Hals schafft, denn spätestens wenn sie sein Schlafzimmer betritt, wird seine Tochter ihn in ein Heim verfrachten, das ist Erich klar- kämpft er verbissen, aber zunehmend kraftlos gegen den Verlust seiner Autonomie. Ada Dorian beschreibt diesen Prozess eindringlich und schonungslos, aber ohne dem alten Mann seine Würde zu nehmen.

Erich bietet Katharina einen Deal an, als er erkennt, dass das Mädchen aus der Wohnung gegenüber in einer verfahrenen Situation steckt. Er braucht Hilfe, sie braucht Geld. Und als Katharina in Erichs Wohnung an der Wand eine große Landkarte des Gebietes entdeckt, in dem ihr Vater sich gerade befindet und Erich ihr von seinem bestehenden Kontakt dorthin erzählt, kommen beide auch in einen sehr persönlichen, intensiven Dialog, der die Kluft zwischen Alt und Jung verschwinden läßt. Beide können reden, zuhören, Vertrauen und Halt geben, Erinnerungen teilen. Eine letzte, folgenreiche Entscheidung Erichs erfolgt zu spät, um noch Dinge in seinem Leben korrigieren zu können, ermöglicht aber Katharina, Mut zu fassen und einen Neuanfang zu wagen. Sie erkennt, dass Weglaufen nicht der richtige Weg ist.

Wie gesagt: ein sehr ruhiges, sensibles Buch, welches große Themen wie Heimat, Entwurzelung, Freundschaft, Schuld, Jugend, Alter unaufgeregt thematisiert, gerade deshalb besonders eindringlich ist und dem Leser direkt unter die Haut geht. Beider Protagonisten tief verwurzelte Verzweiflung ist in ihrer Differenziertheit deutlich spürbar. Letztendlich aber auch die unweigerlich am Ende jedes schmerzlichen Prozesses stehende Hoffnung.

Fazit: »Ein wunderschöner, ein perfekter Text.« Klaus Kastberger, Jurymitglied des Bachmann-Preises. Damit ist es auf den Punkt gebracht. Unbedingte Leseempfehlung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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