Epilog mit Enten – Sabine Friedrich

Epilog mit Enten – Sabine Friedrich

 

Erschienen: 09.12.2016 bei dtv
Autor/in: Sabine Friedrich

Klappentext:  Die Geschichte einer großen, unmöglichen Liebe

Berlin, 1976: ein Jahrhundertsommer. Ich war achtzehn, eine Schülerin aus dem Westen, du fünfundzwanzig, ein kleiner Dealer. Es begann, wie solche Lieben eben beginnen, besessen, verrückt, als ein großer Rausch.« Fast vierzig Jahre später blickt sie zurück: auf die Reisen auf dem Hippie Trail durch Indien und Afghanistan, auf Versöhnungen, Trennungen, die Ehe in Norwegen, die Geburt der Tochter. Sie verlieren einander aus den Augen, doch dann erkrankt er an Krebs. Und sie versuchen ein letztes Mal, ihre gemeinsame Geschichte zu einem guten Ende zu führen.

Epilog mit Enten – Sabine Friedrich

Was für ein Buch! Schon im Januar ist ein deutliches Zeichen gesetzt: dieses Leseerlebnis in diesem Jahr zu toppen, wird sehr, sehr schwer. Und wieder mal hatte ich mit meiner Affinität zu seltsamen Buchtiteln ein glückliches Händchen. Ich meine: was genau denkt man denn, wenn man „Epilog mit Enten“ auf einem Buchdeckel liest? Das Buch MUSS man lesen.

Sylvie, die Ich-Erzählerin, erzählt diese Geschichte ihres Lebens, beginnend mit besagtem Jahrhundertsommer 1976 im Rückblick aus der Sicht der nunmehr 59-Jährigen im Jetzt und Hier und von der ersten Zeile an entsteht ein Wahnsinnsog, der den Leser in die Geschichte regelrecht hineinkatapultiert. Man kann sich dem, selbst wenn man will, nicht entziehen, eine derartige Faszination habe ich so beim Lesen noch nicht erlebt. Das liegt zunächst einmal an Sylvies Erzählstil: völlig ungeordnet purzeln Gedanken und Emotionen in kürzester Zeit aus ihr heraus, sie gibt einem fast zwanghaften Mitteilungsbedürfnis nach, welches sie nun -nach Gabos Krebstod- überwältigt hat.  Ihrer beider sehr spezielle Geschichte muss endlich heraus -schnell, schnell und Sylvie verhaspelt sich beim erzählen, ihre Gedanken überschlagen sich…nein, so war es nicht, ich muss noch einmal anfangen, so war es doch gar nicht…und atemlos beginnt sie den Gedankengang neu, um dem Leser aus einem anderen Blickwinkel Zugang zur dieser Erinnerung zu geben.

Mit dieser anfänglichen Atemlosigkeit hat die Erzählerin den Leser an der Angel: während ich noch am Überlegen war, ob ich ob all der so wahnsinnig unreflektiert auf mich einprasselnden Informationen nicht doch lieber aufhöre, dieses verwirrende Buch zu lesen, war ich schon mittendrin in der Geschichte, ein Aufhören gar nicht möglich und schrittweise, beim Erzählen sicher werdend, fand auch Sylvie den roten Faden. Genau analysierend und doch auch noch einmal ganz in den Emotionen der jungen Sylvie versinkend, spürt sie der Geschichte nach, schonungslos, aber oft auch nachsichtig und mit einem Augenzwinkern. Dadurch bleibt die Erzählung im Fluss und mutet nicht schwer, bedrückend oder gar kitschig an. „Epilog mit Enten“ ist kein seichter Liebeschnulz, sondern ein sehr nachdenklich stimmendes Buch.

Ihrem speziellem Stil bleibt sie das ganze Buch über treu: oft switcht sie aus der Erzählung für den Leser  zur Du-Form, als würde sie in ihrer Erinnerung nun direkt mit Gabo weiter sprechen. Ich persönlich fand diese Art des Erzählens sehr plastisch und angenehm, könnte mir aber auch vorstellen, dass es verwirrt und nicht jedermanns Sache ist. Da dieses Stilmittel nicht überstrapaziert wird, bereichert es doch eher.

Das Buch erzählt von der aussichtslosen Liebe einer 19-Jährigem und einem Mitte Zwanzigjährigen, die sich hoffnungslos aneinander und ineinander verlieren, ohne jedoch die eigene Identität, das eigene sich-selbst-bewusst-sein als Erwachsener bereits gefunden zu haben. Gabos allzu großer Haschischkonsum lässt die ohnehin bunten Bilder der Eindrücke auf dem Hippie-Trail zwar noch bunter und noch intensiver erscheinen, vermittelt fiebrige Leichtigkeit und vermeintliche Freiheit, gibt aber der gemeinsamen Sinnsuche letztendlich zu wenig Raum, als dass sie als Paar wirklich zusammenwachsen könnten. Sylvie ist die Einzigartigkeit dieser Beziehung von Anfang an bewusst, ebenso ist ihr bewusst, dass sie unerklärbar ist:

Es war ein Strom, ein Energieaustausch. Irgendwelche kleinsten Teilchen wanderten von meinem Körper in seinen und von seinem in meinen, das ist keine romantische Metapher, und es war auch keine Einbildung, sondern eine Wahrnehmung, die Manifestation eines offenbar von der Wissenschaft noch nicht erkannten oder noch nicht untersuchten magnetischen oder elektrischen Phänomens, das eines Tages aber bestimmt sichtbar zu machen sein wird, so wie die unsichtbare Kraft, nach der sich im Physikunterricht Pfeilspäne ausrichten. Ich weiß nicht, was diesen Strom erzeugt hat oder worauf er beruhte. Er hatte nichts mit Begehren zu tun und auch nicht mit Liebe. Ich habe später, nach Gabo, andere Männer begehrt und andere Männer geliebt, ohne dass der Strom geflossen wäre. Ich wollte, dass er fließt, ich habe darauf gewartet. Ich habe versucht, dieses Strömen mit bloßem Willen zu erzeugen. Aber kaum je hat es sich später noch einmal eingestellt.

Eingebettet in die fast hautnah zu spürenden Geräusche und Gerüche sowie die einzigartigen kulturellen und landschaftlichen Kulissen des Orients von Istanbul bis Goa erlebt der Leser Zuneigung, Hoffnung, Zerstörung, Selbstzerstörung, sich bis zum Exzess ausweitende Streitigkeiten und Versöhnungen in hitzigem, jugendlichem Temperament. Die flower-power-spät-Hippie-Ära leuchtet in schillernden Farben: unzählige ähnlich flippige Abenteurer verschiedenster Nationalitäten kreuzen als temporäre Reisegefährten und Zufallsbekanntschaften die Wege (und Betten) des jungen Pärchens. Schlussendlich ist für Sylvie aber „love and peace“ kein Allheilmittel, losgelöst vom allumfassenden und immerwährenden Gefühl erkennt ihr Verstand, dass sie für Gabo kein Gegenüber, kein wirklicher Partner ist, sondern lediglich eine -wie sie es nennt- Ich-Erweiterung. Noch auf der Reise verlässt sie Gabo, was aber nichts daran ändert, dass beide -trotz jahrelanger räumlicher Trennung und anderer Lieben- immer wieder zueinander finden. Beide vermögen nicht, einen finalen Schlussstrich zu ziehen, heiraten 17 Jahre später und bekommen eine Tochter. Und wieder muss Sylvie im Dickicht von Hass und Liebe, von irrationalem Verlangen und mittlerweile manifestierter Abneigung die Notbremse ziehen. Dem Kind zuliebe. Nach Scheidung und weiteren 14 Jahren getrennt verbrachter Zeit, erfolgt der endgültige traurige, sehr profane und doch auch sehr lebensnahe Abgesang auf diese einstmals so großen Gefühle.

Dieses Buch in ein emotionales Buch und so muss man es auch lesen. Man sollte den Verstand komplett abschalten und sich einfach von all diesen Gefühlen zweier haltlos Getriebener überschwemmen lassen. Ich werde weder Gabo noch Sylvie jemals vollumfänglich verstehen können, habe mich aber trotzdem von ihren Emotionen mitreißen lassen und konnte sie intensiv nachempfinden.

Dieses Buch ist eine Hommage:

Eine Hommage an die Einzigartigkeit des Lebens, dass wir trotz aller Planung nicht wirklich punktgenau und rational steuern können, das uns, unabhängig von den Entscheidungen, die wir treffen, immer wieder einholen wird und seinen Tribut fordert.

Eine Hommage an die Freiheit, die selten dem Ideal entspricht, welches wir mit unserer Phantasie von ihr konstruieren oder uns vorgaukeln lassen. Die Freiheit, die manchmal auch ein klein wenig schmutzig und gerade in ihrer Unperfektheit das Höchste ist, wonach wir immer wieder streben werden und müssen.

Und eine Hommage an Liebe in all ihren Facetten und Möglichkeiten, die niemals verständlich sein wird und gerade deshalb diese große, faszinierende Macht über uns Menschen besitzt. Die bereichert und zerstört.

Fazit: Sabine Friedrich gelingt die großartige Beschreibung einer Paarbeziehung, in der Liebe und Hass untrennbar miteinander verwoben sind und in der trotz unversöhnlicher Gegensätze zumindest ganz am Ende ein würdevoller, friedlicher Abschied steht.

PS. Und ja! Auch der Titel hat eine Bedeutung mit Bezug zum Inhalt.

Vielen Dank fürs Teilen!

2 comments

  1. Neyasha -

    Der Titel ist wirklich toll und macht sofort neugierig auf das Buch, auch wenn ich befürchte, dass das inhaltlich nicht so ganz mein Fall wäre.

  2. Devona -

    Eigentlich sind Beziehungsgeschichten auch überhaupt nicht meins, das hier war anders. Nebenher bekommt man auch noch ein Stück Zeitgeist/Zeitgeschichte der 70er mit und die irgendwie beruhigende Gewissheit, dass dieses Ich-lebe-nur-meinen-Traum-Aussteiger-Modell und das zu 100% auf der Emo-Schiene ein zwar sehr buntes und horizonterweiterndes Lebenskonzept sein mag, welches aber genausowenig aufgeht wie eine rein rationale Variante. Diese ständige emotionale Reibung an anderen Menschen und das völlige Fehlen irgendwelcher Eckpfeiler im Leben wäre mir zu anstrengend. Deshalb sowas lieber nur lesen 🙂

Leave Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.