Todesmärchen – Andreas Gruber

Todesmärchen – Andreas Gruber

todesmaerchen

Erschienen:  15.08. 2016 bei der Hörverlag
Autor/in: Andreas Gruber
Sprecher/in: Achim Buch

Länge: 14 Stunden, 28 Minuten

Klappentext:  Sneijder und Nemez sind zurück!

In Bern wird die kunstvoll drapierte Leiche einer Frau gefunden, in deren Haut der Mörder ein geheimnisvolles Zeichen geritzt hat. Sie bleibt nicht sein einziges Opfer. Der niederländische Profiler Maarten S. Sneijder und BKA-Kommissarin Sabine Nemez lassen sich auf eine blutige Schnitzeljagd ein – doch der Killer scheint ihnen immer einen Schritt voraus. Währenddessen trifft die junge Psychologin Hannah im norddeutschen Steinfels ein, einem Gefängnis für geistig abnorme Rechtsbrecher. Sie soll eine Therapiegruppe leiten, ist jedoch nur an einem einzelnen Häftling interessiert: Piet van Loon. Der wurde einst von Sneijder hinter Gitter gebracht. Und wird jetzt zur Schlüsselfigur in einem teuflischen Spiel …

Todesmärchen – Andreas Gruber

Godverdomme! Nun hat es der Gruber also auch auf meinen SuB (Stapel unmöglicher Bücher) geschafft. Ich hätte es bei Teil 2 (gehört) dieser Trilogie belassen sollen,  der später gelesene Teil 1 bereitete mir schon so einiges an Stirnrunzeln, Teil 3 hingegen : au weia. Normalerweise wollte ich nur noch Bücher vorstellen, die ich auch empfehle, da aber „Todesmärchen“ bei mir als Thriller für völlig genreuntypische Heiterkeitsausbrüche (!) sorgte, schreibe ich trotzdem was dazu. Mich würde interessieren, ob irgendwer das ähnlich wahr genommen hat. Ich grüble derzeit wirklich, ob ICH wohl in Bezug zum Genre „Thriller“ auf einem schrägen Trip bin.

Achtung! Ab hier spoilere ich gnadenlos und ausführlich, ich denke, der Leser darf das, wenn er statt eines Thrillers eine Parodie präsentiert bekommt. Wer vom Inhalt rein gar nix wissen möchte, sollte daher jetzt nicht weiter lesen.

Zunächst einmal: Achim Buch liest wie gewohnt hinreißend! 10 Sterne! Er verpasst Sneijder wie schon in Teil 2 wieder diesen absolut perfekten, nicht zu ausgeprägt wirkenden niederländischen Dialekt, der so gut zum freakigen Profiler passt. Nur hat der Autor seinen kauzigen Protagonisten in diesem Teil durch absolutes Überzeichnen der Figur komplett ruiniert und somit absolut unglaubwürdig gestaltet. Sneijders einstmals liebenswürdige Macken werden dem Leser permanent vorgekaut: ja, ich bin auch für die Legalisierung von Cannabis für Leute mit Clusterkopfschmerz oder anderen schmerzintensiven Leiden, ja, von mir aus dürfte auch sonst Jeder kiffen, der da kiffen mag. Gras für alle! 🙂 Ich will aber nicht in einem Thriller auf gefühlt jeder zweiten Seite eine Abhandlung darüber lesen, wie sich ein Ermittler einen Joint dreht, ihn anzündet, wen er damit zuräuchert, wie das stinkt, dass das illegal ist. Herrjeh, Herr Gruber. Der Sneijder kifft. Wir haben das schon in Teil 1 kapiert, wir sind nicht blöd. Das grenzt echt an Werbung. Und Sneijders Benehmen gegenüber anderen Menschen ist nicht mehr gemäßigt arrogant, worüber man gelegentlich schmunzeln konnte. Er ist schlichtweg ein ignorantes, ziemlich gestörtes Arschloch.

Es gibt NICHTS, was in diesem Thriller NICHT überzeichnet ist und das kippt dann halt irgendwann ins Kuriose. Beim großen Showdown habe ich kurz überlegt, ob ich mich jetzt fremdschämen muss, weil der Kitschfaktor die 1000% Marke sprengte, da ich aber selber kein Autor bin, hab ich diesen Gedanken fallen gelassen. Ich habe stattdessen schwerst erheitert weiter gehört und auf den Moment gewartet, an dem Bruce Darnell im weißen Seidenpyjama hinter einem vom Mondlicht beschienen Baum hervor springt und „Mehr Drama, Baby!!“ schreit. Das hätte der Situation -besonders bei der finalen Kommunikation- echt den letzten Schliff gegeben.

Die Handlung spielt abwechselnd auf drei Zeitebenen. Nemez und Sneijder jagen einen Serienkiller, der eine blutige -zu blutige, zu ekelhafte, zu unglaubwürdige- Spur durch halb Europa zieht, anfangs ist das Ganze naturgemäß auch noch leidlich spannend. In Rückblenden (5 Jahre) jagt Sneijder ebenfalls einen Serienkiller, auch die damaligen Taten werden mit Strömen von Blut und jeglicher Art kaum vorstellbar perverser Abartigkeiten gewürzt. Eine weitere Rückblende (ca. 1 Woche vor dem Auftauchen der ersten Leiche im aktuellen Fall) schildert die Erlebnisse der Psychologin Hannah Ahrendt mit dem Serienmörder Piet van Loon im Gefängnis Steinfels: einer Art „Alcatraz“ auf einer norddeutschen Insel. Pit van Loon ist jener Serienkiller, auf den sich die Rückblenden von vor 5 Jahren beziehen, der von Sneijder geschnappt wurde und -der Leser ahnt es schnell-der irgendwie das Gefängnis verlässt (lustig!) und auch für die aktuelle Mordserie verantwortlich ist. Das wiederum ahnt Sneijder schnell. Klar. Was sonst.

Die Jagd auf van Loon von Sneijder und Nemez ähnelt ein wenig diesem „Hammer Heads“ Browserspiel. Kennt ihr das? Wo man den Zwergen auf den Kopf haut? So ähnlich ist hier der Handlungsablauf. Bumms. Leiche. Rumms. Flugzeug mit Sneijder und Nemez landet. Wumms. Tatort wird von beiden gestürmt. Bumms. Nächste Leiche. Rumms. Flugzeug mit Sneijder und Nemez landet. Wumms. Tatort wird von beiden…und so weiter halt. 15- oder 16 mal. Etwas angesäuert (noch, es wird ja dann lustig!) registriert der Leser, dass Gruber bei der Konstruktion des Tatablaufs der Serie schamlos bei sich selber abgekupfert hat, nämlich in Teil 1 der Trilogie. Dort ist es ein altes Kinderbuch ( ich glaube der Struwwelpeter), welches den Täter inspiriert, hier sind es die Märchen von Andersen. Die Morde werden also entsprechend „fantasievoll“ begangen, die Tatorte demgemäß hergerichtet. Jede Leiche erhält auf dem Bauch eingeritzt die Nummer der nächsten Leiche, da diese aber über mehrere Länder verstreut sind und natürlich zeitversetzt und nicht der Reihenfolge entsprechend gefunden werden, verliert der Leser irgendwann den Überblick. Und die Lust natürlich. Auch die Schockmomente sind derart überzogen, dass es keinen Schock gibt. Kopfkino ist nicht möglich. Alles wird serviert, aber man ist so satt, dass man es nicht essen will.

Schlüsselszenen werden durch Logikbrüche ruiniert. Nur EIN Beispiel: Es wird Wasser zum Trinken für eine Schwerverletzte benötigt, die in letzter Minute völlig dehydriert von Nemez und Sneijder gefunden wird. Aus dem Wasserhahn kommt nur Rostbrühe, aber zufällig steht ein Tetrapack Orangensaft herum. Sneijder ist schlau und fragt Nemez, ob sie vor dem Öffnen geprüft hat, dass der Tetrapack DICHT ist, also kein Loch von einer Spritze, mit der man da etwas hätte hinein injizieren können, hat. Hat sie nicht geprüft, das Dummerchen. Aber es ist noch ein Tetrapack da! Nemez prüft ausgiebig. Zu! Dicht! Kein Loch! Endlich Flüssigkeit für das Opfer. Dem Leser bleibt nur die Frage, wie die Medikamente schlussendlich doch in den hermetisch verschlossenen Tetrapack gekommen sind, denn die dem Opfer im Krankenhaus gegebenen  Medikamente wirken völlig anders, als sie wirken müssten, dem Opfer muss also – mit dem Orangensaft- etwas Fatales zugeführt worden sein. Ein perfider Plan des Killers ( der ist schlau! IQ 158! Das ist knapp unter Einstein!), man musste ja auf den Orangensaft ausweichen, da nur braune Brühe aus dem Wasserhahn kam…nur WIESO? Der Killer hatte noch eine weitere Falle gebaut, deren Bestandteil u.a. zwei Eimer Wasser sind. Ja nun, das sind 20 Liter. Wenn ich soviel ausm Hahn laufen lasse, kommt da keine braune Brühe mehr, Nemez und Sneijder hätten also trinkbares Wasser zur Verfügung gehabt. Braune Brühe kommt nur kurzfristig , wenn die Leitungen ( wir befinden uns in einem Wohnhaus in der Stadt!) lange nicht benutzt wurden, da reicht aber die Entnahme von 2 Eimern mit Sicherheit. Fällt solcher Logikmüll keinem Lektor auf?

Absolut kurios ist die Darstellung der Arbeitsweise der Polizei (wenn ich mir wirklich und wahrhaftig vorstellte, die würden so arbeiten, könnte es auch sein, dass ich entweder laut weinen oder Panikattacken bekommen würde) und vor Allem die Abläufe in besagtem Hochsicherheitstrakt für psychisch abnorme Straftäter. Hannah Arendt wird bei ihrer Ankunft auf der Insel vom Fahrer des Gefängnisses abgeholt: Frenk (nicht Frank oder Fronk bitte!!) ist ehemaliger Insasse der Strafanstalt. Mit 15 hat er seine Mutter vergewaltigt und umgebracht: wegen des Namens halt. Wie kann man sein Kind auch Frenk nennen, das schreit förmlich nach Muttermord. Aber Frenk hat seine Strafe verbüßt und ist jetzt angestellt im Gefängnis. Klar. Macht Sinn. Ohne Frenk läuft dort nix. Er führt auch die Gefängnis-Bibliothek. An dieser Stelle hatte ich echt den ersten Lachflash. Den zweiten beim sogenannten Ausbruch von van Loon. Mein Gott, was war das früher spannend. (Ich sag nur: Agatha Christie.) Heute hat das Gefängnispersonal eine Grillparty und man hopst halt so von der Krankenstation aus ausm Fenster. Nach einer ebenfalls zum Brüllen komischen Vertuschungsinszenierung, in der Frenk die Rolle seines Lebens spielen darf…denn…man wäre nieeeee drauf gekommen: Frenk ist natürlich ein Freund des Killers. Boah ey, wow. So viel Schlitzohrigkeit.

Den Gipfel der Erheiterung erreichte ich dann an dem Punkt, als enthüllt wird, in welchem Verhältnis Sneijder zu besagtem Serienkiller steht. An diesem Punkt hab ich mich am Kaffee verschluckt und immer nur gedacht: DAS meint er doch jetzt nicht ernst, der Gruber? Das ist doch…Sneijders Mutter und….waaaas? Klar. Flache-Hand-an-die-Stirn-geklatscht. Eine Thriller-Parodie. KANN nicht anders sein. Das passiert ein ganzes Stück vor dem Ende und besagtem Showdown und von da ab war’s wirklich lustig zu hören. Man muss sich einfach auf diesen sehr speziellen und dermaßen subtilen Humor auch einlassen (können). Hätte ich das weiter als Thriller gehört, wäre ich vor Wut im Dreieck gesprungen. Wobei mir ein derartiges Weiterhören aber auch gar nicht möglich war. Der ganze Plot plus Drumherum und Charakteren ist eine einzige Absurdität. Ansatzweise vorstellbar ist allenfalls Sabine Nemez. Und eine für die Handlung absolut nicht wichtige Stewardess in einem der vielen Flugzeuge, die auf Sneijders allgegenwärtig unflätige und respektlose Art der Kommunikation mit seinen Mitmenschen adäquat und souverän reagiert.

Für mich bleibt letztendlich nur noch die wirklich ernsthafte Frage: WAS zum Henker wollen uns Thriller- Autoren in Zukunft präsentieren? Was kommt nach mehr als 20 Dahingemetzelten die körperlich unvorstellbar leiden und Strömen von aus zerfetzten Arterien spritzenden Blutes, bei denen sie röchelnd ihr Leben aushauchen und im Todeskampf verzweifelt zucken….was nur? Irgendwie ist die amerikanische Art, Thriller zu schreiben, in den letzten Jahren mehr und mehr im deutschsprachigen Raum angekommen. Mich erinnert dieses Machwerk von Gruber irgendwie an die grässlichen Thriller von Cody McFadyen. Sneijder, der in einem einzelnen Thriller in gemäßigter Form sicher ein echt kauziger Ermittler gewesen wäre, verkommt zum nervtötenden Smoky-Barrett-Schubladen-Charakter.

Wer „Todesmärchen“ als Genrestudie lesen mag, wird sich amüsieren. Wer es als Thriller lesen mag, wird sich entweder irgendwann komplett verarscht vorkommen oder ist -sorry- komplett anspruchslos. Wogegen letztendlich auch nichts einzuwenden ist, denn der Erfolg der Herren Gruber, Fitzek, Kliesch und wie sie alle heißen, spricht ja durchaus für sich. Und sei ihnen auch von Herzen gegönnt. Die Kassen klingeln, auf einschlägigen Leser-Portalen sind sie beliebtheitsmäßig nicht zu toppen.

Was erwarte ICH aber nun von einem Thriller? Gar nicht viel, denke ich. Oder doch zu viel? Ich möchte mein Kopfkino angeregt bekommen, subtil, gerne auch offen provokant, ich möchte intelligent unterhalten werden und nicht durch komplett ausgebreitete Fantasien anderer Leute gehetzt werden, die mich mit Logikbrüchen quälen und an absurder Kommunikation verzweifeln lassen. Ja, ein Thriller ist was anderes als ein Krimi, schon klar, ich bin auch nicht wirklich zart besaitet. Für mich ist weniger trotzdem mehr. Einen Spannungsbogen sollte man AUFBAUEN , nicht den Leser geerdet auf Seite 1 an eine Hochspannungsleitung anschließen.

Andreas Gruber ist ein sympathischer Autor, dessen Interviews ich auch immer gerne angeschaut habe. Aber „Todesmärchen“ als ernstzunehmender Vertreter des Genres „Thriller“ geht gar nicht. Für mich. Punkt.

 

 

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