Die Expedition – Bea Uusma

Die Expedition. Eine Liebesgeschichte.

Wie ich das Rätsel einer Polartragödie löste – Bea Uusma

 

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Erschienen: 29.02.2016 bei btb
Autor/in: Bea Uusma

Klappentext:

Die Geschichte einer Obsession – und eines großen Rätsels im ewigen Eis.

»Über fünfzehn Jahre lang hat mich die Andrée-Expedition nicht losgelassen: drei Männer aus Stockholm, die mit einem Heißluftballon auf dem Weg zum Nordpol verschwanden. Die Reste ihres Lagers wurden 33 Jahre später gefunden, eingefroren auf einer unbewohnten Insel mitten im Eismeer. Ich versuchte, ein ernstes Wörtchen mit mir selbst zu reden, aber ich war wie ein Vampir, der zum ersten Mal Menschenblut gewittert hat. Dies wurde zu meiner Expedition.«

 

 

Die Expedition. Eine Liebesgeschichte.

Wie ich das Rätsel einer Polartragödie löste – Bea Uusma

Am 11.07.1897 startete Salomon August Andrée, begleitet von dem Fotografen Nils Strindberg und dem Ingenieur Knut Frænkel mit einem Heißluftballon in Richtung Nordpol. Für die drei Teilnehmer endete die Expedition schon im Oktober desselben Jahres tödlich, es sollten aber 33 Jahre vergehen, bis ihre Leichen gefunden wurden. Da die Überreste der Polarforscher bedauerlicherweise ohne Obduktion kremiert wurden, ist die Todesursache der Polarforscher bis heute Gegenstand von Forschungen, Spekulationen, Schlussfolgerungen und Gutachter-Differenzen. Es konnte nie geklärt werden, woran genau die bestens ausgerüsteten Forscher starben, nachdem der Ballonflug scheiterte und die Expedition mit Schlitten fortgesetzt wurde.

Mitte der Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts sitzt die junge Ärztin Bea Uusma auf einer sterbenslangweiligen Party und zieht ein Buch aus einem der herum stehenden Regale: “Mit dem Ballon dem Pol entgegen. Andrées Polarexpedition von 1897”. Sie beginnt zu lesen. Irgendwann steckt sie das Buch einfach ein und geht nach Hause. Sie ist “angefixt” und beginnt in den nächsten Wochen, sich mehr und mehr mit der Andrée-Expedition zu befassen. Sie besucht Gränna und das dort ansässige Andrée-Museum.

Und als ich das erste Mal die Ausrüstung der Expedition in echt vor mir sah, geschah etwas mit mir. Ich wanderte von einer Vitrine zur nächsten und starrte stundenlang auf mit Bissmarken von Eisbärenzähnen verunstaltete Konservendosen und selbst geflickte Schlitten. Als ich wieder im Auto saß, hatte ich den Blick fest auf die Straße gerichtet, konnte aber nicht aufhören, an das zu denken, was ich gesehen hatte. Ich versuchte, ein ernstes Wörtchen mit mir selbst zu reden, aber ich war wie ein Vampir, der zum ersten Mal Menschenblut geschmeckt hatte. Dies wurde zu meiner Expedition.

Bea Uusma wird zu einer Besessenen, die beseelt ist, das Rätsel um den Tod der drei Männer zu lösen. Über 15 Jahre lang recherchiert sie akribisch jedes Detail, beißt sich fest, gibt auch in festgefahrenen Situationen und Sackgassen nicht auf. Ihre Besessenheit nach dem Motto “Geht nicht, gibt’s nicht!” ist für den Leser intensiv wahrnehmbar, ihre Begeisterung steckt so an, dass man das Buch kaum aus der Hand legen mag. Man kann die Kälte und Nässe des polaren Klimas spüren, als die Autorin sogar eine private Expedition per Schiff zum Auffindeort der Überreste der Männer ausrüstet und sich zu Fuß durch die  unwirtliche Eislandschaft kämpft. Bea Uusma lässt nichts aus: sie glaubt nicht an Wahrsagerei, trotzdem konsultiert sie in einer völlig verfahrenen Situation eine Wahrsagerin.  Das ist wirklich richtige Besessenheit.

Das Buch ist ein Augenschmaus. Bea Uusma hat alles verwertet: die von Nils Strindberg geschossenen Fotos der Expedition, von denen auch nach 30 Jahren Lagerung im ewigen Eis viele rekonstruiert werden konnten, private Fotos der drei Männer, gerichtsmedizinische Fotos der Toten nach dem Auffinden, Tagebuchauszüge, Karten, eigene Memos, Tabellen, Notizen. Das Alles wird arrangiert mit dazu passenden Rahmen, dekorativen Schriften, farblich abgesetzten Seiten- viel in Rot und Schwarz. Durchzogen wird die sachliche Darstellung des Themas überdies immer wieder von locker eingestreuten, prosaischen Gedanken zur Liebesgeschichte von Nils Strindberg, der -frisch verlobt- seine Liebste Anna Charlier zurückließ, welche ihn wohl nie vergaß und sich bei ihrem Tod im Jahr 1949 auf eine sehr rührende und romantische Art noch einmal zu ihm bekannte.

“Wie ich das Rätsel einer Polartragödie löste” ist ein Untertitel, der beim Leser impliziert, dass die Autorin das Unmögliche geschafft hat: den eindeutigen Nachweis der Todesursachen und vor Allem auch der genauen Umstände des Todes. Was geschah in den letzten Tagen und Stunden der Männer? Dem ist leider nicht so und vermutlich wird das auch nicht möglich sein. Aber: genauer und präziser als Bea Uusma wird es vermutlich auch Niemand noch genauer eingrenzen können. Sie hat es geschafft, dass von einem schier unüberschaubaren Berg an Möglichkeiten, die über Jahrzehnte mehr oder weniger kontrovers diskutiert worden, einige sehr wenige übrig blieben. Sie spielt diese wenigen Szenarien gedanklich durch und fasst ihre Forschungsergebnisse bezüglich aller Todesursachen am Ende des Buches in einer logisch aufgebauten Tabelle zusammen, die wirklich keinerlei Fragen offen lässt. Ihr Fazit:

Ich hasse es, zu frieren. Ich mag mich keinen Strapazen aussetzen, bin wirklich kein Abenteurer. Dennoch habe ich die Hälfte meines Erwachsenenlebens damit verbracht, zu versuchen, ein Teil der Expedition zu werden – über 100 Jahre zu spät. Manchmal denke ich, dass ich nur deshalb Ärztin geworden bin, um rauszufinden, was passiert ist. Ich dachte, ich könnte ihnen folgen, doch ich bin nie angekommen. Ich dachte, es würde vorüber gehen, wenn ich endlich zur Weißen Insel komme. Ich habe mich getäuscht…[…]…Drei Männer, die sich jeden Tag übers Packeis kämpfen und versuchen, an einen Ort zu gelangen, an dem die Erde sie trägt, die aber immer an derselben Stelle bleiben, weil das Eis unter ihren Füßen in die genau entgegengesetzte Richtung treibt. Eine Liebesgeschichte, die ein sehr trauriges Ende fand. Ich weiß genau, wie sich das anfühlt. Wir gehören zusammen. Die Expedition und ich.

Fazit: “Die Expedition” ist ein inhaltlich und optisch mehr als empfehlenswertes Sachbuch, das auch als Geschenk ganz grandios ist. Wenn das Wörtchen “wenn” nicht wäre, denn zu guter Letzt muss ich noch schwer negative Kritik loswerden, die aber mit Inhalt und Autorenleistung gar nichts zu tun hat. Es ist eher ein Hinweis für Interessierte, die Bücher mit ALLEN Sinnen genießen.

Dieses Buch STINKT. Ich hab keine Ahnung, wie ich das anders formulieren sollte. Es stinkt furchtbar chemisch und ich habe es bereits ein halbes Jahr hier liegen und so Einiges probiert. Auslüften in der Wohnung, auslüften auf dem Balkon, aufgeschlagen natürlich. Da hilft nix, ich vermute, es sind die Druckfarben – Billigfarbe? Das Buch ist auf fast jeder Seite großflächig bedruckt, nur wenige Seiten enthalten die übliche schwarze Schrift auf weißem Grund, sehr viele Seiten sind ganzseitig gefärbt. Mag sein, dass ich geruchsmäßig überempfindlich reagiere, aber mein Hinweis ist vielleicht für ähnlich Empfindliche eine Hilfe dahingehend, dass sie das Buch vielleicht nicht online bestellen, sondern doch lieber in der Buchhandlung mal die Nase rein stecken. Ich habe mich wirklich beeinträchtigt gefühlt beim Lesen, denn nach spätestens 10 Minuten oder einer Viertelstunde hats mir gereicht, ich hab mich einfach nicht wohl gefühlt beim Lesen. Was natürlich bei einem so fesselnden Buch wirklich ätzend ist. Fazit anderer Leute, denen ich das testhalber unter die Nase gehalten habe: riecht wirklich nicht gut, aber sooooo schlimm isses auch wieder nicht. Wen das nicht stört, dem lege ich dieses wundervolle Buch wirklich ans Herz.

 

 

Vielen Dank fürs Teilen!

2 comments

  1. Neyasha -

    Das klingt ziemlich nervig mit dem Geruch. Ich bin da auch eher empfindlich (und hasse es etwa auch, wenn alte Bücher müffeln). Ich hatte das Buch schon mal in einer Buchhandlung durchgeblättert, da ist mir nix aufgefallen, aber ich habe auch nicht gesondert darauf geachtet. Vielleicht leih ich mir das doch besser aus der Bücherei aus, dort ist der Geruch eventuell mittlerweile schon “ausgeraucht”. 😉

  2. Devona -

    Also mich stört “Müffelei” alter Bücher nicht so wie “neu chemisch”. Finde aber deine Idee mit der Bibliothek nicht schlecht. Der Inhalt an sich wird Dir aber gefallen, da bin ich mir sicher.

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