Die Lebenden reparieren – Maylis de Kerangal

Die Lebenden reparieren – Maylis de Kerangal

 

dielebendenreparierenow

Erschienen: 11.07.2016 bei Suhrkamp
Autor/in: Maylis de Kerangal

Klappentext: Simon lebt, jedenfalls schlägt sein Herz noch. Doch die Ärzte stellen den klinischen Tod des Neunzehnjährigen fest. Simons Eltern müssen nun entscheiden, ob sie seine Organe zur Spende freigeben wollen, ob ein anderer mit Simons Organen weiterleben darf.

In einer rasanten Folge von emotional aufwühlenden Szenen erzählt Die Lebenden reparieren von einem Tod mitten im Leben und der vielleicht schwersten Entscheidung, die Eltern treffen müssen. Ein spannender und bewegender Roman, der erschüttert und zugleich tröstet.

Die Lebenden reparieren – Maylis de Kerangal

Der Buchtitel verweist auf ein Zitat aus einem Stück von Anton Tschechow: “Die Toten begraben und die Lebenden reparieren”. Maylis de Kerangal hat ein Buch geschrieben über 24 Stunden im Dasein von Organen: lebenswichtigen Organen zwischen Leben und Leben, flankiert vom Tod. Sie protokolliert mit teilweise schonungsloser Offenheit den Prozess der Organspende vom Hirntod des 19-jährigen Simon bis hin zum ersten Schlag des Herzens im Körper der 56-jährigen Claire, der ohne Simons Herz kaum mehr Zeit zum Leben bleibt, da ihr eigenes Herz durch eine Herzmuskelentzündung schwerst geschädigt ist.

Die Autorin bedient sich einer kraftvollen, ruhigen, sehr poetischen Sprache und beginnt ihr Protokoll damit, wie sich drei junge Männer im Morgengrauen leise aus dem Haus schleichen, um Niemanden zu wecken und ihrem Hobby nachzugehen: der Wetterbericht hat die für Surfer perfekte Welle angekündigt. Man begleitet sie auf diesem Trip bis hin zu dem Moment, als einer von Ihnen, ermüdet durch die sportliche Anstrengung, auf der Rückfahrt die Kontrolle über das Auto verliert. Simon ist als Einziger nicht angeschnallt. Im Krankenhaus kann vom diensthabenden Arzt nur noch der Hirntod festgestellt werden.

Es beginnt der “Transplantationsprozess”, viel Zeit bleibt nicht. Zunächst muss der Arzt Révol mit den Eltern Marianne und Sean sprechen, muss den im ersten, unfassbaren Schmerz versinkenden Menschen klar machen, dass ihr Sohn ein lebender Toter ist, eine “Blackbox”, angefüllt mit Organen, die das Leben anderer Menschen retten können. Mehrerer Menschen.

Jede einzelne Zeile liest sich wahnsinnig intensiv, weil Maylis de Kerangal keinen Hauptprotagonisten definiert. Alle an diesem Prozess der Organverpflanzung Beteiligten sind nur ein kleiner, aber unabdingbarer Teil des großen Ganzen, ein Rädchen im Getriebe, aber jeder von ihnen wird dem Leser mit Teilen seines menschlichen Hintergrundes, Teil seiner Biografie im Jetzt und seiner Rolle im Prozess nahe gebracht: sei es die Krankenschwester der Intensivstation Cordélia Owl , die  wegen einer durchgefeierten Nacht und neu aufflammender Liebe zum Exlover übermüdet und emotional etwas neben sich ist und trotzdem ihren Job mit Hingabe und korrekt erledigt. Sie spricht mit dem komatösen Simon, während sie ihn versorgt. Oder der Intensiv-Krankenpfleger Thomas Rémige, der als Leiter der Koordinierungsstelle für Organentnahme vom Arzt informiert werden muss -der Prozess hat strenge Regeln, die einzuhalten sind- und von ihm übernimmt. Der Arzt, der den Hirntod feststellt, ist am Prozess nicht mehr beteiligt, mit Mitteilung an die Eltern ist sein Job erledigt.

Thomas Rémige muss Überzeugungsarbeit leisten, die Eltern sollen, nein: müssen entscheiden. Schnell. Sofort. Im Hintergrund wurde die Datenbank bereits gefüttert: drei potentielle und vor Allem passende Empfänger für Leber, Nieren und Herz wurden gefunden. Sollten die Eltern eine Organentnahme verweigern, muss abgeblasen werden.

Doch so sehr die drei Individuen auch denselben Raum und dieselbe Zeit teilen, nichts auf diesem Planeten ist in dem Augenblick weiter voneinander entfernt als diese Eltern in ihrem Schmerz und der junge Mann, der sich ihnen gegenübersetzt hat mit dem Ziel – ja, mit dem Ziel- ihre Zustimmung zur Entnahme der Organe ihres Kindes zu bekommen. Da sind ein Mann und eine Frau , erfasst von einer Schockwelle, aus der Bahn geworfen, in einen Zustand versetzt, in dem die Zeit aufgehoben ist – Simons Tod hat die Kontinuität unterbrochen, aber sie geht weiter, wie eine Ente auf dem Bauernhof, die ohne Kopf weiter läuft, ein Irrsinn- einen Zustand, indem sich die Zeit in Schmerz auflöst, ein Mann und eine Frau, die die ganze Tragödie der Welt in sich vereinen, und da ist dieser junge Mann im weißen Kittel, engagiert und vorsichtig bereit, das Gespräch zu führen und dabei nichts zu überstürzen, der aber im Hinterkopf den Countdown gestartet hat, weil ihm bewusst ist, dass ein hirntoter Körper verfällt und es schnell geschehen muss – in diesem Dilemma steckt er.

Die Autorin reiht Szene an Szene, schnappschussartig, von einer Person zur nächsten, minutiös dem Prozess folgend, nachdem Marianne und Sean ihre Zustimmung gegeben haben und nur die Entnahme von Simons Augen verweigern. Der Leser folgt diesen Szenen, gleichermaßen befremdet durch drei im offenen Körper von Simon um jeden Zentimeter Gewebe für das eigene Transplantat mit- und gegeneinander kämpfende Ärzte, wie auch irgendwie seltsam beruhigt durch die Tatsache, dass die da während ihres Tuns jovial über ihre Tätigkeit miteinander scherzen können: das Leben geht einfach weiter. Und irgendwo da draußen wartet Claire auf ein neues Herz. Schwankend zwischen Hoffen und Bangen, grübelnd über richtig und falsch und einen Toten, der ihr Leben rettet und von dem sie keine Details erfahren wird, sie wird sich bei Niemandem für das Geschenk ihres Lebens bedanken können.

Thomas Rémige hat das den Eltern gegebene Versprechen gehalten und dem Öffnen der Adern des hirntoten Simon erst statt gegeben, als er ihm ein paar letzte Worte seiner Mutter ins Ohr geflüstert hatte. Und nachdem die Kunst der Ärzte Simons nunmehr leere, ausgestopfte Hülle in einen den Eltern zumutbaren optischen Zustand versetzt hat, bleibt Thomas mit dem Toten allein zurück.

Thomas ist jetzt allein. Er lässt seine Blicke einmal rundum schweifen und was er sieht, erschreckt ihn: eine Verwüstung, ein Chaos von Geräten und Kabeln, desorientierten Monitoren, benutzten Instrumenten, Bergen von schmutziger Wäsche, der OP-Tisch verschmiert und der Boden blutbespritzt. Wer hier hereinschaute, würde im kalten Licht blinzeln und glauben, einen Kriegsschauplatz, einen Ort der Gewalt vor sich zu haben – Thomas schaudert und macht sich an die Arbeit.

Maylis de Kerangal hat nicht nur einen emotional intensiven und nicht immer leicht zu ertragenden -letztendlich aber versöhnlichen- Roman über Leben, Sterben, Hoffnung, Verzweiflung geschrieben, sondern auch -zumindest ging mir das so- den reinen Transplantationsprozess im Detail begreifbar gemacht. Was geschieht wann, wo, wie, warum. Der Ein oder Andere mag danach auch über einen Organspendenausweis nachdenken oder zumindest darüber, mit Angehörigen zu besprechen, was im Falle des Falles mit seinen Organen passieren soll. Ich stelle mir das wie bei Sean und Marianne sehr schwer vor: es gab keinen Anhaltspunkt wie Simon entschieden hätte und genau das sollten sie tun. Nicht für sich entscheiden, sondern für ihren Sohn.

Fazit: keine leichte Lektüre, aber absolut empfehlenswert für Alle, die sich intensiv mit diesem Thema auseinander setzen möchten und gleichermaßen poetische und brutal schonungslose Sprache und einen ungewöhnlichen Erzählstil vertragen können. “Die Lebenden reparieren” geht definitiv richtig tief unter die Haut.

Leave Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.