Die Analphabetin – Agota Kristof

Die Analphabetin – Agota Kristof

 

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Erschienen: 01.07.2007 bei Piper
Autor/in: Agota Kristof

Klappentext: Eine unerhörte Lebensbilanz.

Fremd in einer fremden Sprache – und doch wurde sie zu einer der wichtigsten Schriftstellerinnen der Gegenwart. Nach einer wohlbehüteten Kindheit in Ungarn hatte Agota Kristof unter der kommunistischen Herrschaft zu leiden. Als ihr Vater verhaftet wurde, musste das junge Mädchen in ein staatliches Internat. 1956 floh Agota Kristof mit ihrem Mann und ihrem vier Monate alten Kind in die französischsprachige Schweiz. Dort war sie plötzlich eine Analphabetin und musste eine völlig neue Sprache erlernen – und schreibt seither großartige französische Prosa.

Agota Kristofs „Das große Heft“ stand schon länger auf meiner Leseliste, mittlerweile habe ich es auch gelesen. Aufgrund des Themas und der zwar meisterhaften, aber doch extrem radikalen Umsetzung in Stil und Sprache ist es ein Buch, welches man nicht mal eben einfach so als Lektüre „empfehlen“ kann. Deshalb verzichte ich auch auf eine Rezension und empfehle stattdessen die Auseinandersetzung des Lesers mit der Autorin, um später selber zu entscheiden, ob und was man von ihr lesen möchte. Es lohnt in jedem Fall und „Die Analphabetin“ eignet sich dazu ausgezeichnet.

Viel mehr als im Klappentext beschrieben, passiert in dem unscheinbaren 80-seitigen schmalen Bändchen „DIe Analphabetin“ nicht und doch macht diese autobiografische Erzählung sehr nachdenklich. Agota Kristof schildert mit vielen kleinen Begebenheiten aus ihrer Kindheit in Ungarn zunächst, wie ihr die Liebe zu Wort und Sprache quasi in die Wiege gelegt wurde und für sie als Kind schon klar wurde, dass sie einmal Schriftstellerin werden will. Mit dem Schreiben und der Aufführung kleiner Theaterstücke machte sie sich das Leben in einem staatlichen Internat im Nachkriegsungarn -Lesen in der Freizeit war tabu- erträglich und schildert den kommunistischen Irrsinn einer totalitären Bildungspolitik.

Als ich neun Jahre alt war, zogen wir um. Wir wohnten dann in einer Grenzstadt, in der mindestens ein Viertel der Bevölkerung Deutsch sprach. Für uns, die Ungarn, war das eine Feindessprache, denn sie erinnerte an die österreichische Herrschaft, und es war auch die Sprache der fremden Soldaten, die unser Land damals besetzten.

Ein Jahr später besetzten andere fremde Soldaten unser Land. In den Schulen wurde die russische Sprache Pflicht, andere Fremdsprachen waren verboten.

Niemand kann die russische Sprache. Die Lehrer, die Fremdsprachen unterrichteten, Deutsch, Französisch, Englisch, besuchen einige Monate lang Schnellkurse in Russisch, aber sie können diese Sprache nicht richtig und haben keine Lust, sie zu unterrichten. Und die Schüler haben keine Lust, sie zu lernen.

Es handelt sich um eine landesweite geistige Sabotage, einen natürlichen, nicht abgesprochenen, selbstverständlichen passiven Widerstand.

Mit dem gleichen Mangel an Begeisterung werden Geographie, Geschichte und Literatur der Sowjetunion unterrichtet und gelernt. Eine Generation von Unwissenden geht aus den Schulen hervor.

So stehe ich mit einundzwanzig Jahren, bei meiner Ankunft in der Schweiz und ganz zufällig in einer Stadt, in der man Französisch spricht, vor einer mir vollkommen unbekannten Sprache.

Sie flieht mit Mann und Kind während des Ungarischen Volksaufstandes von 1956 und landet nach mehreren Stationen in der französischsprachigen Schweiz. Sie kämpft zunächst mit den üblichen Problemen eines Flüchtlings -Heimatverlorenheit,  Familie und Freunde unerreichbar, Fremdheit etc.- und muss sich schließlich eingestehen, dass die einzige Sprache, die sie spricht, ihr weder das Leben erleichtert, noch sie ihren Beruf ausüben lässt.

Fünf Jahre nach meiner Ankunft in der Schweiz spreche ich Französisch, aber ich lese es nicht. Ich bin wieder zur Analphabetin geworden. Ich, die ich mit vier Jahren lesen konnte.

Ich kann die Wörter. Wenn ich sie lese, erkenne ich sie nicht. Die Buchstaben sagen mir nichts. Das Ungarische ist eine phonetische Sprache, das Französische ganz das Gegenteil. Ich weiß nicht, wie ich fünf Jahre lang ohne Lektüre leben konnte.

Das hat mich sehr nachdenklich gemacht. Ich stelle mir vor: ein fremdes Land, mühsam und doch zielstrebig erlernt man im Alltag eine neue Sprache, man kann irgendwann wieder teilhaben am sozialen Leben,  kann sich begreiflich machen, Kommunikation kommt in Gang. Und man ist trotzdem Analphabet. Man kann nicht lesen und schreiben. Für mich ist das eine Horrorvorstellung.

Durch die Buchbloggerwelt ging kürzlich die Frage „Warum liest Du?“ und sie wurde von vielen Bloggern auf ganz verschiedene Art, meist sehr ausführlich, beantwortet. Ich habe auch lange darüber nachgedacht, meine Antwort war aber so knapp, dass sich ein eigener Blogbeitrag nicht lohnte. Durch das Lesen von „Die Analphabetin“ kam mir diese Antwort wieder ins Bewusstsein: Ich lese, weil ich es KANN. Und ich bin dankbar, dass ich die Möglichkeit dazu in meinem Leben bekommen habe, mehr als 850 Millionen Menschen (Stand 2003) haben sie nicht.

Agota Kristof hat sich mit Volkshochschulkursen und der Verwendung von Wörterbüchern bis zum Ende ihres Lebens hineingekämpft in die französische Sprache und ein einzigartiges schriftstellerisches Werk hinterlassen.

Fazit: Kleines Büchlein mit sehr nachdenklichem Inhalt, sehr empfehlenswert für alle, die sich näher mit der Schriftstellerin befassen möchten.

Vielen Dank fürs Teilen!

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