Und was hat das mit mir zu tun? – Sacha Batthyány

Und was hat das mit mir zu tun? – Sacha Batthyány

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Erschienen: 19.02.2016  bei D.A.V.
Autor/in: Sacha Batthyány
Spieldauer: 5 Stunden 12 Minuten (gekürzte Lesung)
Sprecher: Barnaby Metschurat, Dagmar Manzel, Corinna Kirchhoff

Klappentext:

Ein schreckliches Verbrechen

März 1945, der Krieg ist fast zu Ende. Im österreichisch-ungarischen Grenzort Rechnitz richtet Margit Thyssen-Batthyany, Enkelin des deutschen Stahlbarons, ein rauschendes Fest für lokale Nazi-Größen aus. Es wird getrunken, gelacht und getanzt. Gegen Mitternacht verlassen einige Festgäste das Schloss und erschießen 180 jüdische Zwangsarbeiter, die angeblich am Fleckfieber erkrankt sind. Das Massaker, eines der schlimmsten Nazi-Verbrechen am Ende des Zweiten Weltkriegs, geht als das „Verbrechen von Rechnitz“ in die Geschichte ein.

Eine berührende Spurensuche

Zürich, 2009. Als der Journalist Sacha Batthyany in einem Zeitungsartikel über das Geschehen in Rechnitz seine eigene Großtante Margit Thyssen-Batthyany erkennt, die er als Junge nicht gemocht, aber mit den Eltern oft besucht hat, ist er schockiert. Die „Gastgeberin der Hölle“ wird sie genannt. Was, fragt er sich, hatte seine Großtante wirklich mit dem Verbrechen zu tun? Das Massengrab wurde nie gefunden, das Verbrechen nie restlos aufgeklärt. Sacha Batthyany macht sich auf die Suche nach Antworten, reist zum Ort des Geschehens, spricht mit weit entfernten Verwandten. Er liest von Kriegsenkelvereinen, von dem unsichtbaren Band, das vorherige Generationen mit den heutigen verbinden soll. Immer wieder fragt er sich, was die Geschichte seiner Familie, die tief in die Kriegswirren des gewaltvollen 20. Jahrhunderts verstrickt war, mit seiner eigenen Gegenwart zu tun hat. Sind wir doch alle Kriegsenkel? Schließlich stößt Sacha Batthyany auf das Tagebuch seiner Großmutter Maritta und auf ein lang gehütetes Familiengeheimnis.

Das war sozusagen mein erstes Sach-Hörbuch und ich war etwas skeptisch. Wie sich heraus stellte, völlig zu Unrecht. Die Leseleistung von Barnaby Metschurat nötigt Respekt ab, er liest dieses Buch, als würde es bei diesem doch sehr persönlichen Inhalt um sein eigenes Leben gehen. Auch die Stimmen von Dagmar Manzel und Corinna Kirchhoff wurden passend ausgewählt und runden perfekt ab. Die Handlung des Buches, welches ich mittlerweile auch gelesen habe, wurde an den richtigen Stellen gestrafft, um das Thema als Hörstoff interessant zu machen – heraus gekommen ist ein absolut gelungenes Hörbuch, welches ich der „Generation Kriegsenkel“ besonders ans Herz legen möchte.

Die 2009 eher zufällig in seinen Fokus geratenen Geschehnisse um seine Grosstante Margit von Batthyány, geborene Thyssen-Bornemisza und ihre Involvierung beim Massaker von Rechnitz, lösen in dem Journalisten Sacha Batthyány zunächst mannigfache Denkprozesse bezüglich der eigenen Familiengeschichte aus, innerhalb seiner Familie stößt er jedoch recht schnell auf eine Mauer des Schweigens, als er beginnt, Fragen zu stellen. Aus den Fragen werden umfangreiche Recherchen zur familiären Vergangenheit, insbesondere seiner Großmutter Maritta, deren Tagebücher sein Vater -anders als von ihr auf dem Totenbett gewünscht- nicht vernichtet hat und die nun in die Hände des Autors gelangen. Er findet in ihnen  seltsam widersprüchliche Aussagen seiner Großmutter zum Tod der Eheleute Mandel auf dem Gut der Batthyánys nach der deutschen Besetzung. Die Kinder der jüdisch-stämmigen Mandels -Agnes und Sandor- wurden nach Auschwitz deportiert.

Sacha Batthyány beginnt eine lange Reise, die ihn über die Couch eines Therapeuten, den Besuch des ehemaligen batthyánischen Grundbesitzes in Ungarn (im Zuge der sozialistischen Enteignungen/Bodenreformen wurden seine Großeltern enteignet und waren mit Hilfe von „Tante Margit“in die Schweiz emigriert), einer Russland-Rundreise zum Gulag, in dem sein Großvater als Kriegsgefangener jahrelang schuften musste schlussendlich bis nach Buenos Aires führt, wo die mittlerweile über 90-jährige Agnes Mandel -sie hat Auschwitz überlebt- im Kreise ihrer Kinder und Enkel lebt. Diese Reise führt den Autor aber nicht nur durch die halbe Welt, sondern auch näher zu seinem Vater, der ihn auf der Russlandreise begleitet, zu seinen Wurzeln, einem neuen Selbstverständnis. Wie alle Kriegsenkel konnte auch Sacha Batthyány eigene, teilweise diffuse Befindlichkeiten nie wirklich einordnen. Mit der Erkenntnis, dass die Generationen untrennbar miteinander verwoben sind und sich die Traumata der Kriegs- und Flüchtlingsgenerationen in ihren Nachkommen wiederspiegeln, ist er sich selbst ein gutes Stück näher gekommen. Für mich war das der spannendste Teil des Buches, auch mich treibt das Thema „Kriegsenkel“ intensiv um: meine Großeltern sind Sudetendeutsche, meine Mutter wurde 1945 auf der Flucht geboren.

Was nun die junge Margit von Batthyány und ihr Tun anbelangt, sind auch dem Autor -wie so vielen Interessierten vor ihm- keine schlüssigen , eindeutigen Aussagen möglich. Als gesichert gilt weiterhin nur, dass Margit von Batthyány selbst an keinerlei Tötungshandlungen beteiligt war. Ob und in welchem Umfang ihr das Massaker bekannt war, kann Niemand mehr bezeugen. Dass sie die Hauptverdächtigen nach dem Krieg gedeckt hat, wird weiterhin nur vermutet. [Insofern kann ich die Kritik zweier Familienmitglieder der Batthyánis an Elfriede Jelinek und ihrem Theaterstück „Ein Würgeengel“ gut verstehen, zumal das Stück nicht im historischen, sondern einem teilweise recht freien künstlerischen Kontext inszeniert wurde, der durchaus für Publikumstumulte sorgte. Aber das nur am Rande.] Sacha von Batthyány hat über die Recherchen zur angeheirateten Großtante den Zugang zur Auseinandersetzung mit der eigenen Familie, den Eltern und Großeltern, den Battyánys, bekommen. Er hat das Schweigen gebrochen.

Fazit: ein starkes Buch und Hörbuch von einem mutigen Autor, der sich gegen das Schweigen und vergessen-Wollen seiner Familie behauptet und das Rückgrat hat, offen über Handlungen der Vorfahren zu sprechen, die bis in die Gegenwart nachwirken. Empfehlenswert für alle Kriegsenkel und am Thema Kriegsenkel, Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit Interessierten.

 

 

Vielen Dank fürs Teilen!

4 comments

  1. David R L Litchfield & Caroline Schmitz -

    Frei nach dem Motto, dass nicht sein kann was nicht sein darf; zumal im vermeintlichen Halbgöttertum der Super-Reichen. Es war kein „Zufall“, dass Sacha Batthyany auf diese Geschichte stieß, wie alle ständig wiederholen. Wir haben die Thyssen-Dynastie über 15 Jahre lang recherchiert und es waren unser Buch und unser Artikel in der FAZ, die diese Familie(n) endlich dazu brachten, sich ihrer Vergangenheit zu stellen, die sie zuvor bewusst verheimlicht haben. Wir trafen den Autor noch vor Erscheinen seines Artikels 2009 und unterbreiteten ihm Abschriften persönlicher Briefe von Margit Batthyany-Thyssen, die diese ihren Geschwistern Heini Thyssen und Gabrielle Bentinck-Thyssen geschrieben hatte, und die bezeugen, dass Margit die zwei Haupttäter des Rechnitz-Massakers gedeckt und ihnen zur Flucht nach Süd-Amerika und Süd-Afrika verholfen hat. Aber da Herr Batthyany diese Beweise auch weiterhin unterschlägt kommt es jetzt zu diesem tragischen Kommentar von Ihnen, der mal wieder das Rad der geschichtlichen Erkenntnis zurück dreht. So gehen die kleinen Schritte der Holocaust-Leugnung, die Menschen wie Sacha Batthyany eifrigst befeuern während sie vorgeben, das Gegenteil zu tun. Warum schlucken Kommentatoren bereitwillig den vorgefertigten Public-Relations-Fraß, statt ihre eigene kritische Analyse-Fähigkeit einzuschalten! Man kann es sich nur mit Zeitdruck erklären. Was aber ist der Zweck dieser Handhabe, wenn die geschichtliche Wahrheitsfindung dermaßen darunter leidet? Sie bewirkt nur, dass die ewig Leugnenden, die Autoren wie wir unter großem Aufwand dazu bewegt haben, sich ihrer historischen Verantwortung stellen zu müssen, sich statt dessen weiter hinter ihren bequemen Unschulds-Mythen verstecken können, und die Last der Schuld wieder auf die amorphe Masse zurück geworfen wird.
    David R L Litchfield & Caroline Schmitz

  2. Pingback: Offener Brief an die Kommentatoren meines letzten Blogbeitrages - Buchimpressionen

  3. JEDs SCHMOEKERSTUBE -

    So weit ist es jetzt schon gekommen, dass man sich als Buchblogger für seine eigene (und noch immer subjektive ) Meinung derart anfeinden lassen muss?

    Wir sind Menschen, die Bücher lieben und nach Themen auswählen, die uns interessieren. Weder bekommen wir dafür Geld noch andere Gegenleistungen.

    Außerdem machen wir das auch nicht hauptberuflich, sondern aus Spaß an der Freude. Um anderen Menschen Büchern nahe zu bringen, die sich wiederum selbst eine (wiederum subjektive!) Meinung bilden können.

    Uns gefallen Dinge, die anderen vielleicht nicht gefallen und umgekehrt. So findet Diskurs statt.

    Ich habe auch schon Autoren erlebt, die mit meinen Rezensionen nicht einverstanden waren. Damit muss jeder Autor leben. Man kann nicht jedem gefallen.

    Was ich aber in obigem Kommentar lese, scheint eine sehr viel tiefer gehende Problematik der Verfasser mit dem Autor zu sein, die jedoch nichts mit der Buchbloggerin zu tun hat.
    Insofern sind diese unglaublichen Anschuldigen und Behauptungen (die die Buchbloggerin als solche auch überhaupt nicht faktisch nachvollziehen kann, da sie primär Leserin ist!) mehr als deplatziert!

    Ich bin sprachlos.

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