Bis ans Ende der Geschichte – Jodi Picoult

Bis ans Ende der Geschichte – Jodi Picoult

 

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Erschienen: 28.08.2015  bei Der Hörverlag
Autor/in: Jodi Picoult
Spieldauer: 19 Std. 45 Min. (ungekürzte Lesung)
Sprecher: Barbara Nüsse, Lisa Wagner, Patrick Heyn, Wolf-Dietrich Sprenger, Cornelia Dörr

Klappentext: Sage Singer ist eine junge Bäckerin. Ihre Mutter ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen und Sage fühlt sich schuldig, weil sie am Steuer saß. Josef Weber, ein 90-jähriger Mann aus ihrer Trauergruppe, kommt sie ab und an besuchen. Trotz des großen Altersunterschieds haben Sage und Josef ein Gespür für die verdeckten Wunden des anderen, und es entsteht eine ungewöhnliche Freundschaft. Doch als Josef ihr eines Tages ein lange vergrabenes, schreckliches Geheimnis verrät, bittet er Sage um einen schwerwiegenden Gefallen. Wenn sie einwilligt, hat das nicht nur moralische, sondern auch gesetzliche Konsequenzen. Sage steht vor einem moralischen Dilemma. Denn wo befindet sich die Grenze zwischen Strafe und Gerechtigkeit, Vergebung und Gnade?

Dieses Buch zu besprechen, ist nicht ganz einfach. Zunächst ein allgemeiner Kritikpunkt. Der oben stehende Klappentext ist der, der von Randomhouse/Hörverlag zu Buch und Hörbuch veröffentlicht wird. Es gibt einen Zweiten zur vollständigen Lesung (die ich gehört habe) bei audible, den ich weitaus passender finde, leider aber erst in Nachhinein gelesen habe.

“Sage Singer ist eine Einzelgängerin. Einziger Kontakt außerhalb ihrer Arbeit als Bäckerin ist eine Trauergruppe, die sie besucht, um den Unfalltod ihrer Mutter zu verarbeiten. Dort lernt sie den 90-jährigen Josef Weber kennen, einen allseits beliebten und engagierten Mann. Die beiden freunden sich an und Josef offenbart Sage, dass er einem Tötungskommando der SS angehörte und nicht mehr leben will. Er bittet Sage, ihm bei seinem Selbstmord zu helfen, was rechtliche und moralische Konsequenzen nach sich ziehen wird. Doch Sage reagiert verhalten, denn ihre Großmutter ist eine Holocaust-Überlebende. Hat Josef den Tod verdient? Und wie wird Sage die Frage nach Schuld und Vergebung, nach Strafe und Gerechtigkeit, nach Hilfe und Gnade für sich beantworten?”

Schuld, Vergebung, Strafe, Gerechtigkeit, Hilfe und Gnade sind an sich schon schwierige Themen, der Holocaust aber nochmal eine ganz andere Sache und das sollte man dem Leser im Klappentext auch nicht vorenthalten. Auf dieses Thema muss man sich bewusst einlassen WOLLEN und sich auch bewusst dafür entscheiden können. Ich persönlich möchte mich auf dieses Thema eigentlich nur im Rahmen eines Sachbuches einlassen.

Genau das macht für mich auch das Dilemma dieses -keineswegs schlecht geschriebenen- Buches (übrigens mein Erstes von Jodi Picoult) aus. Die Autorin verknüpft drei Handlungsebenen: eine Rahmenhandlung um Sage in der Gegenwart, darin eingebettet die Holocaust-Auschwitz-Geschichte ihrer Großmutter Minka und eine fiktive Fantasy-Geschichte, die (das erfährt man recht schnell) Minka ersonnen hat, um das Grauen ihres Lebens zu verarbeiten und als Versuch, ihr Überleben in Auschwitz zu sichern. Darüber hinaus gibt es auch noch Rückblenden in Josefs Vergangenheit, der nicht nur bei einem Tötungskommando der SS, sondern auch Schutzhaftlagerführer in Auschwitz war. Ein Spagat, der nicht wirklich funktioniert.

Glaubwürdig und wirklich lesenswert ist allein Minkas Geschichte und das ist auch gut so: es ist die berührende, aufwühlende und recht gut recherchierte Holocaust-Geschichte eines jungen, jüdischen Mädchens und ihrer Familie mit all den Stationen, die diese Menschen durchliefen: gesellschaftliche Ächtung, Leben in zugewiesenen Stadtteilen, Tragen des Judensterns, schlussendlich Deportation ins Ghetto und von dort zur “Endstation” Auschwitz. Es wird nichts beschönigt, nichts ausgelassen, wie auch Sachbücher zum Thema mit Berichten von Überlebenden ist Minkas Geschichte keine leichte Lektüre und macht betroffen, zumal sie – wie alle anderen Teiles des Buches auch – in Ich-Form vorgetragen wird. Und aus diesem Grund bekomme ich diesen im Buch zwar fiktiven Teil – der sich aber genauso in realen Berichten spiegelt – nicht mit der Rahmenhandlung in Unterhaltungslektüre-Stil in Einklang. Das passt nicht und ist dem Thema nicht angemessen. Mag sein, dass man das als Nicht-Deutscher etwas anders sieht.

Überflüssig sind die klischeehaften Nebenpersonen wie Adam und Mary, überflüssig ist die Therapiegruppe von Sage und ihre ellenlangen Monologe zum Brotbacken. Besonders am Anfang des Hörbuches hatte ich permanent das Gefühl, mir wird ein Backbuch vorgelesen, aber auch später nehmen die Beschreibungen von Back-Aktionen en Detail wahnsinnig viel Platz ein. Die Intention der Autorin für die von Minka ersonnene Fantasy-Geschichte um Ania und Aleks ist verständlich und nachvollziehbar, für mich nimmt diese Geschichte allerdings ebenfalls zu viel Raum ein und lenkt von der eigentlichen Handlung ab, letztendlich interessiert sie auch nicht wirklich. Dann auch noch eine Liebesgeschichte, nein, eigentlich zwei. Und natürlich überraschende Wendungen, die -wie immer- für sehr aufmerksame Leser keine sind. Es ist von Allem ein wenig zu viel und daher ist das ganze Konstrukt leider auch unglaubwürdig.

Die Rückblenden in Josefs Vergangenheit sind ebenso schonungslos  und direkt wie die Auschwitz-Berichte von Minka. Er beschreibt seinen Weg aus einer normalen deutschen Familie mit 2 normalen, aber völlig verschiedenen Söhnen bis hin zu der abgestumpften, mordenden Bestie, zu der er wird. Der Bestie, die sich mit Unmengen Alkohol betäuben muss, weil sie nicht erträgt, was sie tut, aber trotzdem am nächsten Morgen wieder auf dem Rand des Massengrabes sitzt, um die in die Grube getriebenen Frauen und Kinder im Minutentakt zu erschießen. Josef erzählt, wie er zu dem wurde, der er ist. Ein Versuch der Autorin, das Unfassbare irgendwie begreifbar zu machen. Das ist Robert Merle in “Der Tod ist mein Beruf” allerdings besser gelungen.

Inwieweit man sich auf das Thema Schuld-Vergebung-Gerechtigkeit-Sühne einlassen mag, wird je nach Lebensanschauung/Konfession des Lesers variieren, da kann man Grundsatzdiskussionen führen oder auch besser nicht, ich fühle mich dazu nicht berufen. Auch  Jodi Picoult lässt ihren Roman kein abschließendes Urteil fällen, das ist gut so und überlässt dem Leser das Finden eines eigenen Standpunktes. (Den von Sage habe ich nicht verstanden.) Auf jeden Fall war der wichtige Punkt “Verantwortung” bedauerlicherweise zu wenig beachtet, es ging doch mehr um die emotionale Ebene der “Schuld”, was ich bei einem solchen Thema als zu einseitig empfinde.

Die Leseleistung aller Sprecher ist respektabel, die Stimmen haben im Wechsel gut funktioniert und auch zum jeweiligen Charakter gepasst. Keine Wünsche offen, nichts zu meckern. Rundum ein gut gelungenes Hörerlebnis.

Fazit: Die fesselnde Kerngeschichte um Minka und ihre Familie ist sehr berührend geschrieben und lesens- bzw. hörenswert. Der Rest eher nicht, bzw. ist das Geschmackssache. Für mich funktioniert das Einbetten eines so ernsten Themas wie Holocaust/Auschwitz in unterhaltende und mit teilweise anderen und oberflächlicheren Thematiken überfrachtete Rahmenhandlungen überhaupt nicht.

 

Vielen Dank fürs Teilen!

2 comments

  1. Neyasha -

    Ich habe schon ein paar Bücher von Jodi Picoult gelesen, aber leider hatte ich bald den Eindruck, dass sie immer dieselbe Struktur nur mit unterschiedlichen Themen hat. Und die von dir angesprochenen Kritikpunkte hatte ich auch bei fast allen Büchern: Zuviel hineingepackt und oft auch ein nicht so geschickter Umgang mit dem Thema. Vor allem habe ich ihre Bücher aber irgendwann als sehr melodramatisch empfunden – hattest du diesen Eindruck hier auch?

  2. Devona -

    Schwierig zu beantworten, wobei ich glaube, dass ich bei auffällig viel Melodramatik ohehin abgebrochen hätte…ich denke, das Melodramatische lebt sie hier in dieser seltsamen Fantasygeschichte aus, die als Metapher implementiert ist und die ich ehrlich gesagt, “überhört” habe, da hab ich weiter geswitcht, das war mir einfach zu viel. Ich denke, als BUCH hätte ich definitiv abgebrochen, die wechselnden Sprecher des Hörbuches lockern das Ganze doch recht gut auf.

    Auschwitz kann man nicht wirklich melodramatisieren, das ist traurig und ergreifend genug, wie gesagt, DAS war das Einzige, was ich gut fand und es war auch gut geschrieben. Bei der Rahmenhandlung hab ich mich immer nur gefragt: “was soll das?”, Sage ist aufgrund ihrer eigenen Psychomacke schon nicht die sympathischste Protagonistin, Josef bleibt bis auf die nämliche Tatsache, um die es geht, blass und farblos, der Rest ist Staffage aus dem Klischeebaukasten. Nein, wirklich melodramatisch geht`s da nicht zu. Trotzdem: es ist – wie du ja auch anderweitig festgestellt hast- von Allem zu viel und ungeschickter Umgang mit einem sensiblen Thema. Immerhin: wenn ich nicht schon vorher gut im Thema gestanden hätte, könnte ich jetzt Brotbackkurse geben 😉

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