Rebecca – Daphne du Maurier

Rebecca – Daphne du Maurier

 

rebeccaow

Erschienen: 07.03.2016 bei Suhrkamp/Insel
Autor/in: Daphne du Maurier

neue Übersetzung von Christel Dormagen und Brigitte Heinrich

Klappentext: In einem Hotel an der Côte d’Azur lernt Maxim de Winter eine junge Frau aus einfachen Verhältnissen kennen. Die beiden verlieben sich, und schon nach kurzer Zeit nimmt sie seinen Heiratsantrag an und folgt dem Witwer nach Cornwall auf seinen prachtvollen Landsitz Manderley. Doch das Glück der Frischvermählten währt nicht lange: Der Geist von Maxims toter Ehefrau Rebecca ist allgegenwärtig, und die ihr ergebene Haushälterin macht der neuen Herrin das Leben zur Hölle, sie droht nicht nur die Liebe des Paares zu zerstören. Als ein Jahr später plötzlich doch noch Rebeccas Leiche gefunden wird, gerät Maxim de Winter unter Mordverdacht …
Rebecca, Daphne du Mauriers berühmtester Roman, war bereits bei seinem Erscheinen 1938 ein Bestseller. Er wurde mehrfach verfilmt: 1940 entstand unter der Regie von Alfred Hitchcock die bekannteste Adaption, die mit zwei Oscars prämiert wurde.

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Wer kennt es nicht: Hitchcocks einziges oscargekröntes Werk aus dem Jahr 1940, gedreht in s/w, um der einzigartigen Stimmung aus Daphne du Mauriers zwei Jahre zuvor erschienenem Bestseller den perfekten Rahmen zu geben?

 

 

Als reale Inspirationsquelle für ihren Roman dienten der schönen Schrifstellerin die Landsitze Milton Hall (Cambridgeshire) und Menabilly (Cornwall). In letzterem lebte Daphne du Maurier von 1943-1969.

 

[Quelle Galeriefotos: Wikipedia]

 

“Rebecca” ist in jeder Hinsicht ein außergewöhnlicher Roman. Ich habe die ursprüngliche Übersetzung von Karin von Schaub (1940) nicht gelesen, bin mit der neuen Übersetzung  von Christel Dormagen und Brigitte Heinrich aber mehr als zufrieden. Der Roman lebt nicht von der oftmals mit Charlotte Brontës “Jane Eyre” verglichenen Handlung (junge, mittellose, verwaiste, als Gesellschafterin tätige Ich-Erzählerin mit unsicherem Auftreten, älterer, reicher Mann mit dunklem Geheimnis und aufbrausendem Wesen, ein romantisch-verwunschenes Anwesen, welches am Ende abbrennt), sondern von der einzigartigen düsteren, gruseligen Stimmung, die eigentlich nur im Kopf der Ich-Erzählerin existiert und auch nur von ihr so wahr genommen wird.

Die Geschichte – erzählt von der namenlosen und immer nur als “zweite Mrs. de Winter” bezeichneten- Protagonistin beginnt mit der Schilderung des Zustands des Ehelebens der de Winters in der Gegenwart, lange nach den Ereignissen in und um Manderley – Leben im Hotel, wiederkehrende Albträume von Manderley, bewusstes Schweigen der Eheleute über das Vergangene, ein  unter depressiver Verstimmung leidender und schweigsamer Maxim de Winter – und überlässt es der Fantasie des Lesers, ob er dieses Ende als “glücklich” interpretieren mag. Dem Leser fällt dies schwer, nur die Erzählerin ist`s zufrieden: ihr Mann liebt sie und er braucht sie. Die emotionalen Abhängigkeiten haben sich verschoben, die Figur des Maxim de Winter wurde als klassischer Byronic Hero angelegt und ist gebrochen.

Geblieben sind nur Erinnerungen, die nun in der Retrospektive vor dem Leser ausgebreitet werden. Beginnend mit dem seltsamen Kennenlernen der beiden so gar nicht zueinander passen wollenden Hauptpersonen in Monte Carlo und ihrer nicht minder seltsamen und überstürzten Eheschließung folgt man ihnen nach Manderley – dem abgelegenen, herrschaftlichen Landadelssitz der  Familie de Winter, einem klassischen ländlichen Gutshof mit ausgedehnten Ländereien, Zugang zum Meer und einem durchorganisiertem Haushalt, dessen Personal der Familie Maxim de Winters treu ergeben scheint.

Ab jetzt kleine Spoiler!

Die Autorin schafft es, ohne auch nur einen einzigen Sympathieträger in diesem Roman, eine wahnsinnige Spannung zu erzeugen, das geschrieben Wort steht den von Hitchcock meisterhaft in Szene gesetzten bewegten Bildern in nichts nach. Beim Lesen des Romans entstehen andere, unglaublich intensive Bilder im Kopf des Lesers. Von vornherein erscheint die Figur der zweiten Mrs.de Winter zum Scheitern verurteilt: ein junges, übersteigert schüchternes und ewig an sich selbst zweifelndes, graues Mäuschen, welches den eigenen Ist-Zustand zwar gut analysieren kann, sich aber angesichts der mannigfaltigen und durchaus interessanten Herausforderungen in Manderley (Führen eines großen Haushaltes, Bewirtschaften eines Blumengartens, pflegen sozialer Kontakte als Gastgeberin für die Nachbarn) völlig außerstande sieht, sich diesen auch nur ansatzweise zu stellen. Sie ist gefühlsmäßig völlig fixiert auf ihren Mann und findet keinen Weg, ihre eigene Persönlichkeit zu entwickeln.

Zweifelnd an den Gefühlen ihres Mannes, der sich über seine erste Frau Rebecca – sie kam bei einem Segelunfall ums Leben und er musste die Wochen später aus dem Wasser gefischte Leiche identifizieren – ausschweigt und auf Fragen zunehmend unwirsch reagiert, verharrt sie in völliger Lähmung und in Selbstmitleid. Der allenfalls lachhaft-morbide Totenverehrungskult für die offenbar perfekte Rebecca durch das Personal -angeführt durch die unsympathische Mrs.Danvers – wächst für sie zu einem schaurig bedrohlichem, von nackter Angst erfülltem Szenario der allgegenwärtigen Präsenz von Rebecca heran, dem sie nichts entgegen setzen kann und in dem sie sich hilflos manipulieren lässt. Verzweifelt folgt sie den fordernden und perfiden Vorschlägen von Mrs. Danvers , um ihren Tag zu organisieren: Rebecca habe dies so und jenes so getan und ihr Mann wäre damit sehr zufrieden gewesen und ach ja: wahnsinnig geliebt hat er dieses wunderschöne und von allen Menschen verehrte, engelsgleiche Wesen. Mrs. Danvers sklavische Liebe zu Rebecca grenzt an krankhafte Besessenheit. Ihr Hass meint nicht die Protagonistin als solche: er hätte JEDE getroffen, die nicht Rebecca ist. Genau das zu verstehen, ist die Protagonistin jedoch nicht in der Lage, ihre ständigen Selbstvergleiche mit Rebecca nähren den eigenen Hass auf sich selber.

Den Höhepunkt erreicht dieser Zustand, als Mrs. Danvers die mittlerweile völlig willenlose und innerlich zerrüttete Protagonistin dazu bewegen will, aus dem Fenster zu springen und ihr Leben zu beenden, indem sie ihr suggeriert, Maxim de Winter würde immer noch Rebecca lieben und hätte sie nur aus Mitleid geheiratet. Vereitelt wird dieser Plan nur durch ein in diesem Moment in der Bucht auflaufendes Schiff und die Alarm-Sirenen, welche die zweite Mrs. de Winter aus ihrer Schockstarre kurz vor dem Sprung zurück in die Realität rufen. Die Wende in der Handlung kündigt sich an: beim Untersuchen der Schäden am aufgelaufenen Schiff entdecken Taucher Rebeccas gesunkenes Schiff in der Bucht und mit ihm eine in der Kajüte eingeschlossene Leiche. Ermittlungen werden eingeleitet und schnell ist klar, dass die eingeschlossene Tote Rebecca ist – Maxim de Winter hat die Falsche identifiziert.

Im Folgenden ist für den differenziert Lesenden nicht der Plot wichtig, sondern das, was er mit den Protagonisten macht: seien es nun Maxim de Winter und seine zweite Frau, Mrs. Danvers, Frank Crawley (Verwalter von Manderley), Jack Favell und all die anderen Beteiligten, denen die tote Rebecca einen Spiegel vorhält und den Leser zum Nachdenken bringt: wie weit gehen gefühlsmäßige Abhängigkeiten, wie weit geht Loyalität, wie weit geht Liebe und ist ein Mord kein Mord, nur weil man sich moralisch im Recht glaubt? Ist man überhaupt im Recht oder hat man nur Angst vor den gesellschaftlichen Konventionen und dem Stigma durch eine gelangweilte Landbevölkerung, der Tratsch, Klatsch und Skandal immer eine willkommene Abwechslung ist? Wer ist hier eigentlich der oder die Böse? Alle? Keiner? Rebecca?

Rebecca, von der man nur  aus den subjektiven Erzählungen von Drittpersonen erfährt und das aus völlig verschiedenen Perspektiven, je nach Wahrnehmung der betreffenden Bezugsperson: dem Leser werden Charaktersplitter angeboten, die er so oder so zusammensetzen kann. Wenn man aus all diesen Beschreibungen von Rebecca, gefärbt mit übersteigerter Liebe, Hass und heuchlerischer Moral, ländlicher Bigotterie und Prüderie nur den kleinsten gemeinsamen Nenner als Fakt nimmt, so kann sich im Nebel der Fantasie des Lesers das Bild einer starken -nicht fehlerfreien- faszinierenden Persönlichkeit bilden.

Fazit: Daphe du Mauriers Bestseller aus dem Jahr 1938 hat nichts von seiner umwerfenden Faszination verloren, die Neuübersetzung ist gelungen und vermittelt eine morbide, düstere Stimmung, der Spannungsbogen ist gleichbleibend hoch. Und ein Buch erzählt eben immer mehr als es ein Film je könnte, auch wenn Hitchcock den Oscar nicht umsonst eingeheimst hat. Der kleine aber feine Unterschied zwischen Unfall (Film) und Mord (Buch) ist entscheidend für die Sichtweise des Lesers und seiner Bewertung der Ereignisse.

Klatsch und Tratsch am Rande: Die Hauptdarstellerin in Hitchcocks Verfilmung – Joan Fontaine – wurde aufgrund ihrer überzeugenden Darstellung der zweiten Mrs. de Winter ebenfalls für einen Oscar nominiert. Man munkelt, dass sie diese Leistung nicht ganz freiwillig erbracht hat, sondern das selbige teilweise auf ihrer schlechten psychischen Verfassung während der Dreharbeiten beruhte. Joan Fontaine litt an depressiver Verstimmung – hervorgerufen durch Hitchcock selbst, der der Schauspielerin bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit aufs Butterbrot schmierte, dass Niemand am Set sie leiden könne, besonders nicht ihr Partner Laurence Olivier, der den Maxim de Winter darstellte. Was genau Hitchcock damit bezweckte ist unklar, heute würde man sowas allerdings “Mobbing” nennen 😉

 

 

 

 

 

 

 

 

4 comments

  1. Neyasha -

    Es ist echt an der Zeit, dass ich “Rebecca” auch mal wieder lese – das ist wirklich ein sehr beeindruckendes Buch.
    Die Hitchcock-Verfilmung kenne ich nicht, dafür eine neuere mit Emilia Fox, die mir sehr gut gefallen hat und die meines Wissens auch etwas buchnäher ist.

  2. Devona -

    Abgesehen von der Unfall/Mord Geschichte ist Hitchcock absolut am Original, aber dieses Detail ist halt entscheidend. Ich kannte ZUERST den Film (ist allerdings auch schon ewig her), das Buch hat für mich die ganze Geschichte in einem völlig anderen Licht dargestellt. Ich hatte eher so einen fluffigen “Familien-Geheimnis-Roman” erwartet, aber “Rebecca” ist schon sehr viel mehr, wenn man es genau liest. Alleine die Beschreibung am Anfang von dem Leben in der Gegenwart, also nach den Ereignissen, ist doch eigentlich deprimierend. Ein Happyend liest sich anders. Und das Kopfkino beim Buch insgesamt ist halt grandios. Ich hab selten nach dem Beenden eines Buches das Gefühl, ich wollte es gleich nochmal lesen.

  3. Nora Brinker -

    Ich habe das Buch als ganz junges Mädchen, also vor fast 50 Jahren, gelesen. Ob ich den Film vorher oder hinterher gesehen hatte, weiß ich nicht mehr. Die Schönheit der Joan Fontaine hat mich allerdings in der “Zweiten Mrs. de Winter” nie eine graue Maus sehen lassen und machte ihre Selbstzweifel um so unverständlicher für mich. Wie man in dem Ende ein Happy End sehen kann, war mir schon immer unverständlich. Als unverbesserlicher Optimist habe ich aber immer GEHOFFT, dass es eines sein könnte.

    Was mir gefehlt hat, war die Motivation de Winters, die junge Frau zu heiraten, aber vielleicht wollte du Maurier das der Phantasie ihrer Leser überlassen (“Kopfkino”). Mitleid? War er der Mann dafür? Weil sie so anders war als Rebecca? Vielleicht.

    Mit der Unfall-Variante hat sich Hitchcock allerdings m.E. beim Publikum angeschleimt, dem er, vermutlich zu recht, nicht zugetraut hat, mit der Mordversion leben zu können.

    Klatsch und Tratsch: Spannend! Er war halt ein großartiger Manipulator – und Bastard. 😀

    P.S. Ich würde mir übrigens nie eine andere Verfilmung ansehen. Ich WÜSSTE, ich würde enttäuscht werden.

  4. Devona -

    Ich habe zuerst den Film gesehen und das Buch erst jetzt gelesen. War ein Fehler, ich habe mir vorgenommen, du Maurier komplett zu lesen. “Meine Cousine Rachel” hat ein ähnliches Thema, kommt nicht ganz an Rebecca heran, überzeugt aber auch. Und hat ein Ende, welches der Fantasie Flügel verleiht. Wenn mich nicht alles täuscht, dann ist das grade erst als Film erschienen. Von Rebecca möchte ich auch keine andere Verfilmung sehen, ich liebe diesen schwarz-weiß Charme und überhaupt das Flair alter Hitchcock-Filme.

    Ja, ich denke auch de Winter hat die zweite Frau geheiratet, weil sie das komplette Gegenstück zu Rebecca war. Ich finde die Bruchstücke, aus denen man sich den Mensch Rebecca als Leser zusammen setzen muss, faszinierend. Ich gestehe, sie ist mir sympathischer als de Winter. Sie ist unkonventionell und auf eine schwer erträgliche, fast brutale Art ehrlich und egozentrisch. Zu Joan Fontaine passt “graue Maus” nicht wirklich, das ist wahr, sie wirkt auf natürliche Art sehr schön. Und ein Filmende ist halt ein Filmende, immerhin konnte so das Buch doch noch überraschen. Buch und Film werden mich mein Leben lang begleiten, das kann ich nicht von vielen Büchern und Filmen sagen.

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