Sommernovelle – Christiane Neudecker

Sommernovelle – Christiane Neudecker

 

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Erschienen: 25.05.2015 bei Luchterhand
Autor/in: Christiane Neudecker

Klappentext:
Es ist der Sommer, den sie nie vergessen werden. In ihren Ferien arbeiten zwei 15-jährige Schülerinnen auf einer Vogelstation direkt am Meer. Bei flirrender Hitze streifen sie über die Nordsee-Insel und lauschen den Trillergesängen der Austernfischer, sie trinken eisgekühlte Limonade, zählen Silbermöwen am Himmel und führen Kurgäste durch das schillernde Watt. Doch dann holt eine Realität sie ein, mit der sie nicht gerechnet hatten. Denn was geschieht, wenn man sich mitten in der Lebenslüge eines anderen Menschen befindet?

Pfingsten 1989: Lotte und Panda wollen die Welt verändern. Es ist die Zeit kurz vor der Wende, in der es für Jugendliche in der BRD vor allem Nord und Süd gab, nicht aber Ost und West. Deutschland liegt noch im Schatten der Wolke von Tschernobyl und jedes Gewitter bringt sauren Regen. Die beiden Freundinnen sind sich einig: Sie wollen handeln. Gemeinsam mit einer bunt zusammengewürfelten Truppe aus Rentnern und Studenten leisten sie ökologischen Dienst in einer skurrilen Vogelstation. Da ist etwa Hiller, der vogelbesessene Pensionär, der Panda in sein Herz schließt und ihr beibringt, das Meer zu deuten und den Himmel zu lesen. Er fasziniert sie mit seiner Liebe zur Literatur und taucht mit ihr ein in die Legende von Rungholt, der tief in der Nordsee versunkenen Stadt. Lotte nähert sich dem attraktiven Julian an, der sie für erwachsener hält, als sie tatsächlich ist. Langsam aber fügen sich die Eigenheiten der Station zu einem entlarvenden Mosaik zusammen. Und den Mädchen stellt sich die Frage, wie viel Idealismus man sich als Erwachsener eigentlich bewahren kann.

Mit leuchtender Erzählkraft entführt Christiane Neudecker ihre Leser an die stürmische Nordsee, hinein in die Turbulenzen des Erwachsenwerdens – und in die Magie eines unvergesslichen Sommers.

 

Christiane Neudecker erzählt mit „Sommernovelle“ die stimmungsvolle coming-of-age Geschichte der beiden Fünfzehnjährigen Lotte und Panda. Bereits auf der ersten Seite wird man durch den nuancenreichen Erzählstil der Autorin in den Bann der Landschaft einer kleinen Nordseeinsel gezogen, auf der die beiden Mädchen sich im Frühjahr 1989 einfinden, um als freiwillige Helfer auf einer Vogelstation einen wichtigen Beitrag zum Naturschutz zu leisten.

…Die Luft war durchzogen von Salzdunst und vom Duft aufspringender Dünenrosen, sie vibrierte unter dem Summen der Bienen, dem Knistern im Sand verdorrender Schalentiere. Auf den Salzwiesen wucherte der Strandflieder und von den aufgeheizten Feldern quollen die grellgelben Rispen des Labkrauts, das wir für Raps hielten, bis auf die Bohlenwege hinauf. An manchen Tagen hob der sommerwarme Wind von den Dünen ganze Schleier aus Flugsand ab, die sich bei den Wattführungen um unsere nackten Knöchel schlängelten. …

Vor dem Hintergrund dieser traumhaften Kulisse begleitet der Leser die Mädchen von ihrer Ankunft in dem kleinen, versteckt in den Dünen liegendem Haus mit seinen skurrilen Insassen – der Zivildienstleistende Julian, die Studentin Melanie, das altjüngferlich wirkende Fräulein Schmidt sowie Hiller und Sebald, zwei ebenfalls ältere Herren –  durch die erste Woche ihres Inselaufenthaltes, in welcher der Inhaber der Vogelstation, Herr Professor Dr. Hansjörg Kupfer noch nicht vor Ort ist.

Diese Zeit ist geprägt von mannigfaltigen Eindrücken, die die Insel und das kleines Team den Mädchen bescheren, sowie dem unbeirrbaren, natürlichem Drang aller Fünfzehnjährigen, wenn schon nicht die Welt zu retten, dann doch zumindest IRGENDWAS zu tun, was dem eigenen Dasein einen Sinn verleiht.

…Ich schämte mich. Für das Badengehen, die Sonne, das Eis. Ich schämte mich für das Urlaubsgefühl, das ich vorhin gehabt hatte. Wir waren schließlich zum Arbeiten hier. Es passte mir nicht, dass wir heute noch nichts wirklich Sinnvolles getan hatten. Nachher, beschloss ich, würde ich mit Lotte noch ein paar Vogelarten auswendig lernen. Vielleicht konnten wir auch eine Flyer für unsere Anti-Kriegskampagne entwerfen, die wir in der Schule starten wollten. Oder ein paar Ladenbesitzern, die hier im Winter bestimmt Nerzmäntel verkauften, ins Gewissen reden. Oder endlich mal herausfinden, wann sich bei uns daheim in der Stadt die Antifagruppe traf, von der wir immer wieder gehört hatten. Es gab so viele Dinge, gegen die man etwas unternehmen musste, manchmal wurde mir davon ganz schwindelig. Die Umweltverschmutzung. Die Armut in der Dritten Welt, der Hunger. Das Waldsterben, die Massentierhaltung, die Nazis. Der Treibhauseffekt. Die Atomwaffen, der kalte Krieg. Die Sache mit dem Regenwald. …

Während die seit frühester Kindheit befreundeten Mädchen zeitweilig ein wenig auseinanderdriften, da Lotte sich unsterblich in Julian verliebt und erste Erfahrungen mit diesem Zustand sammelt, folgt der Leser größtenteils der Ich-Erzählerin Panda. Nach der ersten Enttäuschung darüber, dass in dieser Vogelstation anders als von den Mädchen erwartet, keine Vögel versorgt und aufgezogen werden, lässt sich die aufgeschlossene und äußerst wissbegierige Panda vom kauzigen Hiller erklären, mit welchen visuellen Methoden und Tricks man zuverlässig und annähernd genau die Zahl der Vögel in einem am Himmel dahinziehenden Vogelschwarm ermittelt. Denn dazu ist die Vogelstation angeblich da: es werden Vögel am Himmel gezählt. Diese „Daten“ werden dann vom Professor „nach England übermittelt“. Panda ist immer noch begeistert. Aber die ersten Zweifel melden sich.

In der zweiten Woche erscheint der Inhaber der Vogelstation – der Professor – auf der Bildfläche und mit ihm kommt die Veränderung. Von Haus aus schon ein unsympathischer Typ, ist er zudem nicht bereit, das zunehmend zielgerichtete, kritische und logische Hinterfragen der Mädchen zu den Abläufen in der Vogelstation zuzulassen. Panda begreift  nicht, warum brütende Möwen in einem Naturschutzgebiet von ihren Eiern gescheucht werden müssen, nur um diese zählen zu können. Wozu, weshalb, warum? Was passiert mit den Daten in England, wozu werden sie gebraucht? Es gibt keine Antworten vom Professor, aber da beide Mädchen nicht dumm sind, erschließt sich ihnen in relativ kurzer Zeit von selbst der wirkliche Hintergrund ihres Tuns. Und während Lotte den Schmerz der ersten unglücklichen Liebe verarbeitet, lässt der Erkenntnisprozess auch Panda unsanft in der Welt der Erwachsenen aufschlagen. Eine Welt voller Lügen, in welcher Idealismus keinen Platz mehr zu haben scheint.

… „Wann wird man so?“, fragte sie. „Wann kippt das? Die können doch nicht alle schon immer so gewesen sein.“ Ich schwieg. Ich hatte einfach keine Antwort. Sie kuschelte sich an mich. „Wir machen da einfach nicht mit.“, flüsterte sie. ….

Wenn nicht schon vorher, so wird man als Leser spätestens an dieser Stelle in die eigene Jugend zurück versetzt und erinnert ähnliche Prozesse beim Erwachsenwerden. Wer irgendwann in den 80ern mal 15 war, wird sich ohnehin „zu Hause“ fühlen.

Christiane Neudecker beschließt das Buch 25 Jahre später mit der noch einmal auf die Insel zurück gekehrten und nach Spuren aus der Jugend suchenden Panda, die aus dieser zeitlichen Perspektive nun ganze Geschichte rückblickend erzählt hat.

… Es gibt diese Sommer nur in der Kindheit oder Jugend. Oder in der Erinnerung – für immer in den eigenen Gedanken geborgen. Sie verändern die Wahrnehmung. Manchmal steigen Momente aus diesen Sommern in unser Bewusstsein und versinken wieder. Sie durchbrechen die Oberfläche nicht, sie schillern in der Tiefe. Man kann sie nur ahnen: ihre Wirkung, ihr Licht. Sie beeinflussen die Fragen, die wir stellen, sie lenken immer noch den Blick. …

Fazit: eine ganz zauberhafte, ruhige, nachdenklich machende, in die eigene Tiefe spürende Geschichte über das Erwachsenwerden zweier junger Menschen. Und hinterher fragt man sich, warum solche Bücher nicht mal für den Deutschen Buchpreis nominiert werden…

 

fünfsterne

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