Der Opiummörder – David Morrell

 

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Erschienen:  10.12. 2015 bei Audible
Autor/in: David Morell
Sprecher/in: Erich Räuker

Länge: 14 Stunden, 3 Minuten (ungekürzt)

Klappentext: 1854, London: Ein grausamer Ritualmörder versetzt die ganze Stadt in Angst und Schrecken. Detective Shawn Ryan verdächtigt den opiumsüchtigen Schriftsteller Thomas de Quincey. Mit seiner Abhandlung „Der Mord als eine schöne Kunst betrachtet“ hatte dieser kurz zuvor einen Skandal ausgelöst und seinen Ruf als Enfant terrible gefestigt.

Als sich Ryans Verdacht als falsche Fährte erweist, schließen sich die beiden zu einem kongenialen Ermittlerpaar zusammen. Schon bald führen ihre Nachforschungen in höchste politische Kreise und in die Schattenwelt des Opiumschmuggels.

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Das war mal wieder ein Hörbuch ganz nach meinem Geschmack. Ein Krimi, der diese Bezeichnung verdient, an dem es nichts aber auch gar nichts zu mäkeln gibt. Tolle Unterhaltung, die ich am liebsten am Stück gehört hätte.

Das Buch beginnt rasant mit einem Fünffachmord in einer dunklen und nebligen Londoner Nacht um 1850. Die schaurige und ungemütliche Londoner Szenerie , mit ihren dunklen Gassen und der trüben Gaslaternenbeleuchtung wird von David Morrell malerisch in Szene gesetzt und jagt dem Leser an sich schon Schauer über den Rücken. Die Morde sind nichts für Zimperliche, da geht es gleich richtig zur Sache, ein Fest für alle die Leser, denen es nie blutig und brutal genug sein kann. Insgesamt ist der Krimi ohnehin nichts für Zartbesaitete.

Gekonnt entwickelt Morrell die fiktive Handlung des Krimis in Verbindung mit dem -realen- Schriftsteller Thomas de Quincey , dessen Romane Confessions of an English Opium-Eater (dt. Bekenntnisse eines englischen Opiumessers), 1821 und On Murder Considered as One of the Fine Arts (dt. Der Mord als eine der schönen Künste betrachtet), 1827 eine zentrale Rolle in „Der Opiummörder“ spielen.

De Quincey, der in Edinburgh lebt, wird von einer ihm unbekannten Person nach London gebeten, die  verspricht, ihm Auskünfte über seine verschollene Jugendliebe Anne zu geben. Er hat Anne nie vergessen und begibt sich mit seiner Tochter Emily auf die zur damaligen Zeit doch recht beschwerliche Reise, sie treffen zum Zeitpunkt der Morde in London ein. Bald nach seiner Ankunft kreuzen sich seine und Inspektor Ryans Wege, da Ryan zu erkennen glaubt, dass der der Fünffachmord exakt so durchgeführt wurde, wie die von de Quincey in seinem Buch „Der Mord als eine der schönen Künste betrachtet“ beschriebenen Morde. Die Handlung wird ohne Unterbrechung oder langatmige Abschweifungen rasant fortgetrieben: schon bald geschehen die nächsten Morde, auch der zunächst als Verdächtiger Inhaftierte de Quincey steht auf der Liste des Mörders, der sich zu diesem Zweck sogar Zugang zum Gefängnis verschafft. Bald wird klar: hier kann kein Einzelner am Werk sein, dieser Mörder muss Unterstützung haben. Und während die blutige Spur quer durch London immer breiter wird und der Unmut der Bevölkerung langsam aber sicher in Richtung Lynchjustiz mutiert, bemühen sich Ryan und de Quincey gemeinsam fieberhaft, hinter das Geheimnis und die Beweggründe des Mörders zu kommen und ihm das Handwerk zu legen.

Spannung, plötzliche Wendungen, ungeahnte Zwischenfälle, weitere Morde und nicht zuletzt wirklich gut gezeichnete Figuren zeichnen „Der Opiummörder“ aus. Aufgelockert wird die auktoriale Erzählweise durch locker eingestreute Tagebuchaufzeichnungen von Emily de Quincey in ich-Form, in denen man viel über die Opiumsucht ihres Vaters und seine schriftstellerische Tätigkeit erfährt.  „Der Opiummörder“ liefert darüber hinaus Einblick in das Treiben der Britischen Ostindien-Handelskompanie und deren Rolle im Opiumhandel. Die Verbindung von geschichtlichem Hintergrund, realen und fiktiven Personen in einer fiktiven Handlung -die immer glaubwürdig und für den Leser nachvollziehbar ist- finde ich wirklich großartig.

Facettenreich und liebevoll gestaltet sind auch die Protagonisten: der alternde, durch die Opiumsucht körperlich verfallene de Quincey mit seinem gigantischen Intellekt wird begleitet von seiner unkonventionellen, pragmatischen Tochter, die ihrer Zeit weit voraus ist, das liebenswerte, tolerante Vorzeigemodell einer frühen Feministin. Keine Luxusprobleme wie der Genderismus heute, sondern einfache Frauenrechte. Das Recht, u.a. die gesellschaftlich etablierte Kleiderordnung zu negieren und auf die damit verbundene Ausgrenzung zu pfeifen. Emily de Quincey begründet ihre Entscheidung, auf Reifrock-Garderobe mit einem Gewicht von ca. 40 kg zu verzichten, mit dem gesunden Menschenverstand und lässt sich auch in Männergesellschaft -immer freundlich bleibend-nicht den Mund verbieten. Und während Chiefinspector Ryan ein klein wenig farblos bleibt (macht aber nix), entwickelt sich der von ihm als Assistent direkt am Schauplatz der ersten Morde von der Straße weg engagierte junge Constable Becker im Verlauf der Geschichte zum unverzichtbaren Bestandteil des doch recht kurios zusammengesetzten kleinen Ermittlerteams. Zunächst etwas unbeholfen als Emily de Quinceys „Beschützer“ agierend, trifft er mehr und mehr eigene und wichtige Entscheidungen, die durchaus Einfluss auf die Handlung haben.

Die Leseleistung von Erich Räuker macht schlussendlich „Der Opiummörder“ zu einem perfekten Hörvergnügen.

Fazit: wirklich tolles Hör- und sicher auch Lese-Buch mit historischem Londoner Setting, in dem geschickt fiktive und reale Ereignisse verknüpft werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

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