Als Gott schlief – Jennifer B. Wind

Als Gott schlief – Jennifer B. Wind

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Erschienen: 26.11.2015 bei Audible
Autor/in: Jennifer B. Wind
Sprecherin: Elisabeth Günther

Klappentext: München und Wien: Eine Serie brutaler Morde an katholischen Geistlichen schockiert die Öffentlichkeit. Die Opfer werden auf grausame Weise gefoltert und getötet. Am Tatort werden mysteriöse Hinweise gefunden, die jedoch niemand entschlüsseln kann.

Kriminalbeamtin Jutta Stern und ihr Partner Thomas Neumann stehen vor einem Rätsel. Was hat die Opfer verbunden? Was treibt den Mörder an? Bei ihren Ermittlungen stößt Jutta auf eine Mauer aus Angst und Schweigen – doch dann entdeckt sie eine Spur, die weit in die Vergangenheit zurückreicht…

[wp-review]

Zunächst ein Wort zur Sprecherin von „Als Gott schlief“.  An und für sich hat Elisabeth Günther eine angenehme und hörbuchtaugliche Vorlesestimme. Allerdings nervt bei diesem Hörbuch gewaltig, dass sie permanent versucht, einzelnen männlichen Charakteren eine tiefe Stimme zu verleihen. Das wirkt dann immer so ein wenig , als lese Jemand vor, was der Weihnachtsmann einem nichtfolgsamen Kind mit Grabesstimme verkündet. Einem Ermittler des Teams um Jutta Stern und Tom Neumann versucht sie, einen Wiener -oder allgemein österreichischen- Dialekt anzuhängen, den sie offensichtlich nicht beherrscht, sondern lediglich imitiert. Das geht für mich gar nicht und ich habe nicht nur einmal überlegt, ob ich deshalb abbreche.

Die Handlung beginnt spannend und für deutschsprachige Verhältnisse im Thriller-Genre werden die Morde doch recht drastisch geschildert. Allerdings wird diese Spannung nicht gehalten, denn nachdem die Verbindung zwischen den einzelnen Opfern -die allesamt dem klerikalen Bereich angehören- vom Ermittlerteam einmal hergestellt ist, weiß der Leser recht schnell, worauf das Ganze hinauslaufen wird und kann auch den Täter schnell eingrenzen. Gestützt wird die erste Vermutung dadurch, dass ebenfalls recht schnell Rückblenden in die siebziger Jahre erfolgen, in denen ein Mädchen namens Becky von Drangsalierungen in einer Art kirchlichem Kinderheim erzählt. Auch die Schilderungen des Kindes sind sehr drastisch.

Jennifer B. Wind greift in diesem Thriller/Krimi (mir ist eine eindeutige Zuordnung nicht möglich) das Thema „Kindesmissbrauch durch Angehörige der Kirche“ auf. Für mich in diesem Fall leider kein besonders geschickter Versuch, denn das Buch wird ausschließlich durch die Betroffenheit des Lesers getragen, was für dieses Thema eindeutig zu wenig ist. Die Handlung ist und bleibt linear, es gibt keine Wendungen, Überraschungen etc. und alle Figuren des Ermittlerteams bleiben -trotz des lobenswerten Versuches ihnen einen persönlichen background zu verpassen- eindimensional und uninteressant, besonders Tom ist ein wandelndes Klischee. Sie hangeln sich am roten Faden durch das Buch bis zum Ende und da der Leser schneller begriffen hat, wer hinter den Morden steckt, ist er gedanklich des Öfteren versucht, dem ganzen Team in den Hintern zu treten. Besonders beim nicht wirklich cleveren „Identitäts-Verwirrspiel“ am Ende.

Das absolute no-go ist für mich aber, die offensichtliche Sympathie der Autorin mit ihrem Täter, die sich ganz besonders in den letzten Kapiteln deutlich zeigt.

Achtung Spoiler »

Es handelt sich in „Als Gott schlief“ um die Selbstjustizgeschichte eines ehemals durch die Ermordeten missbrauchten Kindes. Die Autorin distanziert sich in keiner Weise von dem -sich moralisch (!) sicher im Recht befindlichen- Täter und seinen überaus brutalen Taten. Ich fühle mich als Leser genötigt, mit diesem einen Täter (der natürlich auch Opfer ist) zu fühlen, während die anderen Missbrauchsopfer nur als statistische Staffage erscheinen und Recht und Gesetz eine eher untergeordnete Rolle spielen. Das ist kein Weg, mit dem ich mich gedanklich auseinandersetzen möchte, ich finde auch das Thema zu heikel dafür. Generell vielleicht sowieso für einen Thriller oder Krimi oder andere Unterhaltungsliteratur.

„Als Gott schlief“ hört sich gut weg, ist aber nichts, was sich langfristig einprägt oder zum Thema „Kindesmissbrauch“ entscheidend beiträgt, sondern dieses Thema eher für das Buch instrumentalisiert. Ist für Missbrauchs-Opfer nicht hilfreich.

Fazit: Eine Lese- bzw Hörempfehlung gebe ich nicht, aber sicher sind Leser, die  Themen nur voyeuristisch mögen oder die ihre Betroffenheits- und Mitleidsskala ausloten wollen, hier gut bedient.

 

 

 

 

Vielen Dank fürs Teilen!

2 comments

  1. Cookie -

    Deine Kritik kann ich nachvollziehen. Gerade bei Themen wie Vergewaltigung oder Kindesmissbrauch erwartet man von einem Autor Fingerspitzengefühl. Den scheint Jennifer Wind nicht zu besitzen.

    Ich habe ein paar Rezensionen auf Amazon gelesen. Unfassbar, dass nur eine Leserin die drastischen Szenen mit den minderjährigen Mädchen verurteilt. Anscheinend ist der Großteil schon so abgestumpft, dass er das gar nicht mehr bemerkt.

  2. Devona -

    Die Grenze ziehen manche Leute vielleicht woanders und ich möchte der Autorin per se auch nicht unterstellen, sie habe das Thema bewusst „missbraucht“, es kommt aber bei mir so an. Wenn ich Menschen für dieses Thema „sensibilisieren“ will (irgendwas in der Richtung schreibt sie wohl im Nachwort), dann mache ich das nicht im Rahmen von Unterhaltungsliteratur, denn nichts anderes ist ein Thriller. Zielgruppe verfehlt. Dann schreibe ich ein Sachbuch mit glaskar recherchierten Fakten. Ich habe bei den meisten Rezensionen zu diesem Machwerk auch den Kopf geschüttelt. Missbrauch gibt es nicht nur durch Angehörige irgendeiner Kirche. Das Schlimmste war aber das offensichtliche Gutheißen von Selbstjustiz. Der emotional lesende Leser wird Mitleid mit einem Täter haben. Und den Taten, die nicht auf nur auf Rache schließen lassen, sondern auch ziemlich pervertierte Gedankengänge erfordern. So im Nachhinein nochmal betrachtet, hätte es auch 1 Stern getan…

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