Adèle – Irene Ruttmann

Adèle – Irene Ruttmann

 

Unbenannt

 

Erschienen: 27.07.2015 bei Zsolnay (Hanser-Literaturverlage)
Autor/in: Irene Ruttmann

Klappentext: Die Geschichte einer großen, unmöglichen Liebe in Zeiten des Krieges.

Der junge deutsche Drogist und Infanterist Max ist im Dezember 1916 an der Aisne in Frankreich als Krankenträger im Fronteinsatz. In einem verlassenen Ort sucht er nach Kräutern, um die Bauchschmerzen seiner Kameraden zu lindern, als er Adèle, das Mädchen aus der Champagne, trifft. „Da saß sie auf einer schmalen Holzbank … Sie trug einen langen grauen Rock, die Füße steckten in schweren Männerschuhen …“ Salbei, Cognac, eine bescheidene Mahlzeit bekommt er von ihr. Und ganz behutsam entwickelt sich eine Liebesgeschichte während der blutigsten Schlachten im Ersten Weltkrieg. Ein Roman über eine unmögliche Liebe, erzählt auf eine sinnliche und unprätentiöse Weise.

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Ich habe „Adèle“ schon vor ein paar Wochen gelesen  und musste die massiven emotionalen Eindrücke erstmal sacken lassen.  „Adèle“ ist ein leises und ganz außergewöhnliches Buch, welches den Leser mit klarer, eindeutiger Sprache und der tiefen Menschlichkeit der Erzählung umso stärker berührt.

Erzählt wird die Geschichte von der Tochter des Protagonisten Max als eine Art Tagebuch-Reflektion. Sie findet in den 60er Jahren – nach dem Tod ihres Vaters – dessen auf verschiedenen, losen Zetteln festgehaltene Gedanken aus dem Jahr 1916, ordnet und sortiert sie, um dann die Liebesgeschichte zwischen Max und Adèle zu rekonstruieren. Max ist es aufgrund der Umstände des Krieges und vor Allem des Papiermangels zunächst nicht möglich, regelmäßig zu schreiben. Seine schriftlichen Hinterlassenschaften beschränken sich daher auf kurze Notizen aus dem Sommer 1916, Oktober 1916 und darauf folgend nach einer größeren Pause dem Dezember 1916.  Da er zu dieser Zeit – die Zeit in der er Adèle kennenlernt –  einen Kameraden hat, der ihn mit Papier versorgen kann, werden die Einträge nun umfangreicher und regelmäßiger.

Es sind die Tage des kurzen Durchschnaufens nach dem Ende der Schlacht an der Somme, die von Juli bis September 1916 mit mehr als einer Million getöteten, vermissten und verwundeten Soldaten als verlustreichste Schlacht des 1.Weltkrieges in die Geschichte einging. Auf einem Gutshof nahe der Stadt Chaulnes/Somme ist Max und seinen Kameraden eine kurze Zeit der Ruhe vergönnt, man kümmert sich um die Verwundeten und da Max ausgebildeter Drogist ist und sehr viele der Kameraden an unerträglichen Bauchschmerzen leiden, macht er sich auf die Suche nach Salbei, um damit die Krämpfe lindern zu können. Diese Suche führt ihn schließlich auf ein – wie er zunächst glaubt- verlassenes Gehöft, in dessen Garten er eine Salbeistaude entdeckt. Nachdem er bereits einige Blätter geerntet hat, bemerkt er in seiner Nähe auf einer Bank sitzend ein Mädchen.

Zitat: „Da saß sie auf einer schmalen Holzbank an der Hauswand, das Mädchen oder die Frau, im ersten Augenblick konnte ich das nicht genau unterscheiden, so erschrocken wie ich war. Aber das Bild vor der kalkweißen Wand, die in dem hellen Licht beinahe blendete, das vergesse ich nie. Sie trug einen langen grauen Rock, die Füße steckten in schweren Männerschuhen und standen ein wenig auseinander wie in den Boden gestemmt, um auf dem Schoß eine große Tonschale halten zu können. Und dann diese leuchtend rote dicke Jacke, die fuhr mir in die Augen, als hätte ich seit hundert Jahren das erste Rot wieder gesehen. Das viele Blut der letzten Monate zählt nicht. Das ist etwas völlig anderes.

So schnörkellos und nichtsdestotrotz intensiv wie dieses Kennenlernen beschreibt Irene Ruttmann die sich nun anbahnende Beziehung zwischen Max und Adèle in ihrer Schönheit, Zwangsläufigkeit, Schlichtheit und Tiefe: es ist keine Zeit für Romantik, Ausschmückungen und Nebensächlichkeiten. Ihre Protagonisten leben nicht einmal den Tag – sie leben die Stunden, die sie gemeinsam einem sinnlosen Krieg abtrotzen. Es gibt von Anfang an keine Barrieren, Sprache ist nebensächlich, das liebevolle Miteinander selbstverständlich und unkonventionell, nichts muss hinterfragt werden. Als Leser wähnt man die beiden jungen Menschen in diesen raren gemeinsamen Stunden wie aus der Zeit gefallen, in einer Parallelwelt oder auf einer imaginären Insel, die Krieg nicht kennt. Verstärkt wird dieses Gefühl durch die in krassem Gegensatz dazu stehenden anderen Niederschriften von Max, die den Kriegsalltag in der Unterkunft beschreiben.

Irenes Ruttmanns Stil schreibt keine Geschichte, er be-schreibt auch nichts, er sagt einfach nur klar, was ist. Was war. Die Bilder im Kopf, die Emotionen entstehen ganz von allein und sehr kraftvoll.

„Adèle“ ist für mich eins der beeindruckendsten und aufwühlendsten Bücher in diesem Jahr. Ganz klare Leseempfehlung.

 

 

 

 

 

 

 

Vielen Dank fürs Teilen!

2 comments

  1. Cookie -

    Danke für Deine tolle und ausführliche Rezension. Bei der Empfehlung und „nur“ 160 Seiten ist es fast schon ein Muss, das eBook herunterzuladen. Ich habe es mal auf meinen Merkzettel gesetzt.

  2. Devona -

    Lass mich bitte bitte wissen, wie es Dir gefallen hat, mich hat dieses Buch emotional so sehr berührt! Ich denke, es wird Dir auch gefallen.

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